Basel
Der Pendler-Verkehr schlägt zu Buch

2005 bis 2012 sind in Basel 14‘000 neue Stellen geschaffen worden. Viele Menschen pendeln täglich in die Stadt; der motorisierte Verkehr nimmt nur wenig ab, der Veloverkehr boomt.

Stefan Schuppli
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Parkplätze sind in Basel ein knappes Gut – auch in Wohnquartieren.

Parkplätze sind in Basel ein knappes Gut – auch in Wohnquartieren.

Kenneth Nars

Die drei neusten Massnahmen

Güterverkehr

Rund 25 Prozent des städtischen Verkehrs entfallen auf den Güterverkehr. Dieser Güterverkehr müsse räumlich und zeitlich stärker gesteuert werden, vor allem um die Quartiere zu entlasten. Güterverkehrsfahrten können vor allem über eine effizientere Abwicklung der sogenannten ersten/letzten Meile verringert werden. City-Logistik-Konzepte, die gleichzeitig den städtischen Raum entlasten und einen wirtschaftlichen Güterverkehr ermöglichen, erfordern die enge Zusammenarbeit öffentlicher und privater Akteure. In dem Bereich arbeitet das Amt für Mobilität mit der Handelskammer beider Basel zusammen.

Verkehrsmanagement

Verkehrsmanagement-Massnahmen können den Strassenverkehr in der Stadt gezielt lenken und auf ein verträgliches Mass beschränken sowie den verbleibenden Autoverkehr möglichst auf das Autobahnnetz verlagern. Dies kann über bauliche bzw. verkehrstechnische (Spurabbau, Spurverengung usw. zugunsten öV sowie Fuss- und Veloverkehr) und/oder betriebliche Massnahmen (Lichtsignalsteuerung) erreicht werden. Ein städtisches Verkehrsmanagementsystem muss mit einem künftigen regionalen System abgestimmt sein.

Parkplatzmanagement

Ein kontroverses Dauerthema sind Parkplätze. Autofahrten mit Zielort Basel-Stadt liessen sich am effizientesten über das Parkraumangebot beeinflussen, heisst es im Leitbild. Dies gelinge über höhere Parktarife und ein verringertes Parkplatzangebot im öffentlichen Strassenraum, indem Quartierparkings erstellt werden. Die gestern vorgestellte Quartierparking-Initiative der CVP (vgl. Bericht unten) geht in eine ähnliche Richtung, wobei der Abbau der oberirdischen Parkplätze limitiert wird. Regierungsrat Wessels meint allerdings, unterirdischer Parkraum sei relativ teuer. Die Parkraumbewirtschaftung wird so weit wie möglich regional koordiniert weiterentwickelt. Für die Finanzierung der Parkings könne je nach dem auch der Pendlerfonds, der durch Parkkarten von Pendlern gespeist wird, beigezogen werden.

Ziel wird nicht erreicht

Das stellt die Verkehrspolitik vor Herausforderungen. Das Ziel der «Städteinitiative» von 2010 bis 2020 den motorisierten Individualverkehr um zehn Prozent zu reduzieren, ist vor diesem Hintergrund kaum möglich, es sei denn, es träte eine Mega-Rezession ein. «Es hat keinen Sinn die Verkehrspolitik an einem Prozentsatz zu messen, wenn andere Faktoren wie Wirtschafts- oder Bevölkerungswachstum den Verkehr so stark beeinflussen», sagte Bau- und Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels (SP) gestern an einer Medienkonferenz zum Verkehrsleitbild der Stadt. Dennoch nahm der Motorfahrzeugverkehr seit 2010 um 1,8 Prozent ab (Schweiz: +5,4 Prozent). Zwischen 2013 und 2014 lag die Abnahme noch bei 0,3 Prozent. Hingegen haben der öffentliche Verkehr (öV) um sechs Prozent und der Veloverkehr gar um 14 Prozent zugenommen. Ein Velo-Hotspot war im vergangenen Jahr diesbezüglich die Messstelle Wettsteinbrücke mit einer Zunahme von sechs Prozent.

Weniger Unfälle

Ein weiterer Effekt der Verkehrsberuhigung in der Stadt: Die von der Kantonspolizei rapportierten Unfallzahlen sind in den vergangenen 20 Jahren von 4000 auf 1000 pro Jahr gesunken. Neben «Tempo 30» dürften zum Rückgang auch verkehrstechnische Massnahmen an unfallträchtigen Orten beigetragen haben (bauliche Veränderungen oder Signalisierungen).

Das gestern präsentierte Verkehrsleitbild ist faktisch eine Fortschreibung der bisherigen Politik, nämlich die Förderung des öV und die Bremsung des Motorfahrzeugverkehrs sowie Parkplatzreduktionen.

Im weiteren will die Regierung Lücken im Fuss- und Veloroutennetz schliessen und mehr Veloabstellplätze schaffen. Hohe Bedeutung wird im Leitbild der regionalen Verknüpfung zugemessen. Der städtische Strassenverkehr ist nur zu rund 30 Prozent stadtinterner Binnenverkehr. Eine sinnvolle Verkehrsplanung und Massnahmen mit Wirkung über die Stadtgrenzen hinaus müssen deshalb mit den regionalen Partnern abgestimmt werden, heisst es im Leitbild. Dies selbst beim Velo: Ein «Masterplan Veloverkehr» soll die verschiedenen Massnahmen zusammenfassen und aufeinander abstimmen.

Für 10 bis 15 Jahre

Beim öffentlichen Verkehr steht der Ausbau der grenzüberschreitenden Tram- und Buslinien sowie der Regio-S-Bahn im Vordergrund. Vor allem die Strukturen einer trinationalen Regio-S-Bahn seien zu optimieren.

Die im Leitbild aufgeführten Massnahmen sollen in den nächsten 10 bis 15 Jahren realisiert werden. Das Leitbild ersetzt den Verkehrsplan 2001.

Der Regierungsrat hat den Entwurf des Verkehrspolitischen Leitbildes im letzten Jahr in eine öffentliche Vernehmlassung gegeben. Die Rückmeldungen hätten insbesondere gezeigt, wie wichtig die geplanten Grossprojekte wie der Rheintunnel und die Projekte zum Bahn- und Tramausbau seien. Insgesamt sieht sich der Regierungsrat in seiner Haltung bestätigt, dass das Leitbild ein ausgewogenes Massnahmenpaket enthält, um die Lebens- und Standortqualität weiter zu erhöhen.

«Eine Schikane»

Es ist nicht verwunderlich, dass auch Kritik laut wird. So lehnt der Gewerbeverband das Leitbild entschieden ab, bezeichnet die Strategie als «gezielte Schikane» und als wirtschaftsfeindlich. Er werde sie «mit allen Mitteln bekämpfen.» Die Handelskammer enthält sich derzeit eines Kommentars.

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