St.Jakobs-Apotheke

Das Haus, das aus der Reihe tanzt – zur Wiedereröffnung waren wir alten Baulinien auf der Spur

Wie ein Fels in der Brandung steht die St. Jakobs-Apotheke in der Aeschenvorstadt noch immer dort, wo früher alle Häuser standen: Auf der alten Baulinie. Am Mittwoch wird sie nach einem Umbau wiedereröffnet.

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In den 1930er-Jahren war die Häuserzeile in der Aeschenvorstadt durchgehend. Danach wurden sämtliche Nachbarhäuser abgerissen und durch Neubauten auf der neuen Baulinie ersetzt. Heute ragt die St. Jakobs-Apotheke deutlich hervor. Während der Kanton in den 60er-Jahren noch Platz schaffen wollte für mehr Autos, sieht er das Gebäude heute als wichtigen Zeitzeugen.

In den 1930er-Jahren war die Häuserzeile in der Aeschenvorstadt durchgehend. Danach wurden sämtliche Nachbarhäuser abgerissen und durch Neubauten auf der neuen Baulinie ersetzt. Heute ragt die St. Jakobs-Apotheke deutlich hervor. Während der Kanton in den 60er-Jahren noch Platz schaffen wollte für mehr Autos, sieht er das Gebäude heute als wichtigen Zeitzeugen.

Staatsarchiv BS/NEG 4698/Martin Töngi

Wie Geier seien sie um seine Apotheke herumgetanzt, die Kaufinteressenten, erinnerte sich der ehemalige Inhaber der St. Jakobs-Apotheke, Jean Vuilleumier, in einem Zeitungsinterview. Die Apotheke, seit 1885 an der Aeschenvorstadt 68, war das letzte Gebäude auf der ehemaligen Baulinie und hätte in den 60er-Jahren weichen sollen, um Platz zu schaffen für mehr Autos und eine zweite Tramspur.

Doch sie ragt auch heute noch aus der Baulinie hervor, mittlerweile sogar als amtlich gewünschter Zeitzeuge, wie aus dem neuen Buch der Historikerin Hedy Tschumi-Häfliger hervorgeht. Die Apothekertochter hat im Auftrag der heutigen Besitzer der St. Jakobs-Apotheke, der Familie Lutz, die bewegte oder eben: nichtbewegte Geschichte des Gebäudes zusammengetragen.

Und dabei unter anderem ebenjenes Zitat des ehemaligen Besitzers hervorgekramt, das am Anfang dieses Textes steht. Und folgendermassen weitergeht: «Die Geier haben mit ihren Schnäbeln beinahe die Türe eingeschlagen, aber um keinen Preis der Welt hätte ich nachgegeben und sie verkauft – weder an einen Bauhai, eine Bank, Versicherung oder an Spekulanten.» Die Apotheke sollte an diesem Ort bleiben – basta.

Und das tat sie auch, obwohl die Pläne, die Aeschenvorstadt von 21 auf 27 Meter zu verbreitern, um dem zunehmenden motorisierten Verkehr und dem Tram Platz zu gewähren, vom Volk bereits abgesegnet waren. Abgerissen werden hätte es sollen, entweder in «gütlicher Übereinstimmung oder dann in einem Enteignungsverfahren», schreibt die Autorin – der Denkmalschutz habe nicht moniert, nur der Heimatschutz habe Einspruch erhoben.

In den letzten Monaten wurde die Apotheke total saniert – ein Vorhaben, für das eine Ausnahmebewilligung eingefordert werden musste, weil die zurückversetzte Baulinie weiterhin Gültigkeit hat. Doch die Bewilligung wurde erteilt, wie Marc Keller, Sprecher des Bau- und Verkehrsdepartements, auf Anfrage sagt.

«Aus unserer Sicht ist dieses Gebäude ein Zeitzeuge, weil es anschaulich zeigt, wo die alte Baulinie verlief.» Es gebe heute keine Bestrebungen mehr, diese Linie durchzusetzen oder aus Gründen des motorisierten Individualverkehrs Gebäude abzureissen.

Den Original-Apothekerschrank gibt es noch, aber er steht nicht mehr in Basel, sondern liebevoll restauriert in der Bahnhofapotheke in Langnau.

Den Original-Apothekerschrank gibt es noch, aber er steht nicht mehr in Basel, sondern liebevoll restauriert in der Bahnhofapotheke in Langnau.

Hedy Tschumi-Häfliger

Mit Wein durch den Nachtdienst

Die Zeiten ändern sich, das zeigt auch ein weiteres Beispiel aus der Publikation, die morgen, anlässlich der Wiedereröffnung der umgebauten Apotheke, veröffentlicht wird. Ein ehemaliger Bekannter des unnachgiebigen Patrons Vuilleumier erinnert sich an Nachtdienste, die damals noch in jeder Apotheke verrichtet werden mussten.

«Zu Beginn des Nachtdienstes durfte man mit der Haushälterin jeweils in den Keller steigen und das Weinfass aussuchen, aus dem sie dann die Nachtdienst-Karaffe füllte», erzählt der Zeitzeuge. Notfälle habe es selten gegeben, entsprechend beliebt seien diese Nachtdienste gewesen.

Ein weiteres Schmankerl aus der 140-jährigen Geschichte der Apotheke hat die Autorin an unerwarteter Stelle entdeckt: Am Bahnhof von Langnau im Emmental. In der dortigen Apotheke stehen nämlich die Original-Schränke aus der St. Jakobs-Apotheke und sind weiterhin in Gebrauch.

Gekauft wurden die drei grossen, schwarzen Möbelstücke 1996 – für 9000 Franken und nach einer Annonce in der «Schweizerischen Apothekerzeitung». «Ein wenig schade ist es schon, dass diese Schmuckstücke nicht mehr in der Apotheke sind», sagt der heutige Besitzer Jürg Lutz.

In den Schränken aufbewahrt wurde nebst lebendigen Blutegeln (zur Verminderung der venösen Stauungen) auch der eigentliche Kassenschlager der St. Jakobs-Apotheke aus früheren Zeiten, der St. Jakobs-Balsam.

Dabei handelte es sich gemäss eines um 1900 erschienen Zeitungsinserats um eine «bewährte Heilsalbe für Wunden und Verletzungen aller Art», die bei Wunden, Verbrennungen, Frostschäden, Wolf und Wundsein der Kinder helfe. Und die in der St. Jakobs-Apotheke auch heute noch nach Originalrezeptur hergestellt wird – allerdings nur noch auf Bestellung.