Wahlen 2020

Christine Kaufmann: Sie bringt alles mit – ausser Chancen

Christine Kaufmann hat grosse politische Erfahrung. Doch ihre Kandidatur hat einen grossen Haken.

Benjamin Rosch
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Grossrätin, Gemeinderätin, Unternehmerin: Christine Kaufmann hat viel Erfahrung.

Grossrätin, Gemeinderätin, Unternehmerin: Christine Kaufmann hat viel Erfahrung.

Kenneth Nars

Es ist eine seltsame Ausgangslage für Christine Kaufmann. Von allen neuen Kandidierenden für das Basler Regierungsamt ist sie klar die erfahrenste. Selbst politische Gegner attestieren ihr: Sie würde einen hervorragenden Job machen.

Kaufmanns Profil ist zudem so etwas wie der Durchschnitt aus allen anderen Kandidierenden. Und dennoch: Kaum jemand rechnet damit, dass Kaufmann nächstes Jahr als Regierungsrätin von Basel amtet. Der Grund ist ihre Partei: die EVP. In Riehen eine Macht, im Kanton nahezu bedeutungslos. Christine Kaufmann ist der lebende Beweis, dass Regierungswahlen eben doch keine Personenwahlen sind.

Wir treffen Christine Kaufmann, 51, an der Baselstrasse 1 in Riehen. Hier hilft sie aktuell in den Herbstferien im Architekturbüro ihres Vaters aus. Es passt irgendwie: Kaufmanns Politlaufbahn ist eng mit ihrem Vater verflochten. Gerhard Kaufmann war 28 Jahre lang Gemeindepräsident von Riehen. Diesen höchsten Sitz erreichte seine Tochter in zwei Anläufen nicht, doch seit 2014 vertritt sie wie er damals die EVP im Gemeinderat. Politik sei ihr in die Wiege gelegt worden, schreibt Kaufmann über sich selber auf ihrer Website.

Geschwänzt, um auf einen Baum zu sitzen

Kaufmann war ein wildes Kind. «So weit ich mich zurückerinnern kann, habe ich meine Kindheit vor allem draussen verbracht», sagt sie. Meistens war sie mit Jungs unterwegs. «Als ich vier Jahre alt war, kam ich in den Kindergarten und ich weiss noch genau, wie ich dachte: Jetzt ist alles vorbei.»

Sie braucht die Freiheit und das Schulsystem war ihr immer zu eng. Kaufmann hat ein paar Mal schon den Kindergarten geschwänzt, «um auf irgend einem Baum zu sitzen», wie sie sagt, und die Pausenglocke abzuwarten. Bis zur Matur hat sie sich nicht an das Korsett Volksschule gewöhnen können. Geholfen hat Kaufmann dabei sicher, dass sie nie Mühe bekundete, gute Noten zu schreiben.

Privat zeigt sie sich gerne sportlich

Wenn Kaufmann heute diese Erinnerungen erzählt, wandert ihr Blick aus dem Fenster des Dachstocks in Riehen. Wenn man sie so ruhig und kontrolliert vor sich sitzen sieht, mahnt wenig an den damaligen Wildfang. Doch allzu lange hält sie es auch heute noch in keinem Büro aus. Kaufmann wandert, joggt und unternimmt Schneewanderungen. Und auch mit 51 Jahren schuttet sie regelmässig, und noch immer sind die meisten mit ihr auf dem Feld Männer.

Sie sagt von sich, sie wolle gerne die Hände einsetzen beim Arbeiten. Nach der Schule studierte sie Veterinärmedizin in Basel und Zürich und arbeitete auf diesem Gebiet in unterschiedlichen Kantonen der Schweiz, bis sie 2008 mit ihrem Partner zusammen in Riehen eine eigene Praxis eröffnete. Es war eine harte Zeit. «Um in diesem Markt bestehen zu können, mussten wir mit einem speziellen Angebot punkten: Wir boten einen 24-Stunden-Pikettdienst an», erklärt Kaufmann.

Es bedeutete, dass sie und ihr Geschäftspartner ständig erreichbar waren. Manchmal führte dies zu ulkigen Situationen. «Einmal hatte ich wirklich beide Hände zu tun mit einer Hundegeburt, nur um wenig später einen Kulturpreis zu überreichen», sagt Kaufman. Sie lacht. Solche Kontraste mag sie.
Irgendwann wurde es aber zu viel. Vergangenen Frühling hängte Kaufmann ihren Beruf an den Nagel. Die Entscheidung dürfte ihr nicht leichtgefallen sein. Schon als Kind wollte sie Tierärztin werden. Seit April arbeitet sie beim Kanton Basel-Stadt als Leiterin Stab im Amt für Sozialbeiträge.

Es sei ihr durchaus ernst, sagt sie

Mit ihrer Regierungskandidatur hingegen ist es so eine Sache. Es sei ihr durchaus ernst, muss Kaufmann immer wieder betonen – keine optimale Ausgangslage. Es ist die Antwort auf den Vorwurf, Kaufmann nutze den Regierungswahlkampf einzig als Plattform für ihre Partei. Die stark vom neuen Wahlgesetz profitieren könnte, und sich deshalb für die Grossratswahlen ins Gespräch bringen möchte.

Allerdings: Kaufmann selber kandidiert gar nicht für einen Sitz im Grossen Rat – obwohl sie grosse Chance auf einen Platz im Parlament hätte. Die Riehenerin bildet in dieser Hinsicht eine Ausnahme: Alle Gegenkandidatinnen und -kandidaten finden sich auf einer Grossratsliste, sogar jene, die sich offen um einen Grossratssitz foutieren. Bei Kaufmann ist das anders. Sie hätte grosse Lust, in jenen Saal zurückzukehren, den sie vor fünfzehn Jahren verlassen hat. «Aber nur vom Gemeinderat und vom Grossen Rat kann ich nicht leben.»

Dabei darf man sagen: Für ihre Partei wäre Grossrätin Kaufmann ein spannendes Experiment. Sie hat klare Vorstellungen, wie sich ihre Partei zu positionieren hätte. Die bestehende Fraktionspartnerschaft mit der CVP käme hingegen arg ins Wanken. Kaufmann sagt: «Die CVP in Basel-Stadt ist klar der bürgerlichen Seite zuzuordnen. Eine Zusammenarbeit mit den Grünliberalen wäre doch spannend – das gäbe eine echte Mitte im Parlament.»

Ganz und gar nicht konservativ

Eine EVP nach Kaufmannscher Prägung ist klar linksliberal: Für die Cannabis-Legalisierung, für die Gleichbehandlung gleichgeschlechtlicher Paare, für eine Kostenmiete der Immobilien Basel-Stadt. Tatsächlich steht Kaufmann so links, sie würde auch in einen wirtschaftsliberalen Flügel der SP passen. «Die Linke in der EVP» titelte die «Basler Zeitung» in einem treffenden Porträt. Andererseits: Kaufmann steht damit nicht alleine in ihrer Partei. In Wahrheit gibt es eine ganze Gruppe von EVPlern, die sich links der Mitte orientieren.

Ist es nur der Glaube, der die EVP zu Kaufmanns Heimat macht? Oder die nie vollendete Emanzipation vom Elternhaus? Wahrscheinlich weder noch und ein kleines bisschen beides. Im Gespräch scheint die Religion in Kaufmanns Leben nur eine untergeordnete Rolle zu spielen, und dennoch lässt sie sich gerne mal von einer Predigt inspirieren.

Oft in der liberalen Kornkirche, manchmal auch in der konservativeren Dorfkirche

Christine Kaufmann ist aber ein Kopfmensch, der sich seine Werte auch rational zurecht legen muss. So sehr, dass sie sich oft gar nicht zu einer klaren Entscheidung durchringen kann, zumindest auf Smartvote nicht. Obwohl sich gerade dort wohl Wählende deutliche Positionen wünschen.

Und natürlich spielt Gerhard Kaufmann noch immer eine wichtige Rolle im Leben seiner Tochter. Ihre Beziehung beschreibt Christine Kaufmann als sehr eng. Aber nur weil ihre Meinungen nicht stark von jenen ihres Vaters abweichen, bedeutet das ja niahct, dass es nicht auch ihre eigenen sind. Und überhaupt: Politisch hat Kaufmann längst einen eigenen Leistungsausweis vorzuweisen, als Linke, in einem bürgerlich dominierten Gemeinderat. Ein Leistungsausweis auch, der sie durchaus zur Regierungsrätin befähigen würde, sagen sogar ihre Gegner.

Wenn nur ihre Partei nicht wäre.