Geburten
Bethesda plant ein Geburtshaus direkt neben seiner Klinik

Das Basler Privatspital fördert die hebammengeleitete und die ambulante Geburt und folgt damit einem Trend bei den Schweizer Spitälern. Eigenständige Anbieter wie das Geburtshaus Basel befürchten allerdings einen Etikettenschwindel.

Michael Nittnaus
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Nur in den wenigsten Spitälern dürfen Hebammen heute die Geburt alleine durchführen. Mit seinem Geburtshaus setzt das Bethesda-Spital genau darauf.

Nur in den wenigsten Spitälern dürfen Hebammen heute die Geburt alleine durchführen. Mit seinem Geburtshaus setzt das Bethesda-Spital genau darauf.

Symbolbild/KY

Im Nachhinein macht alles Sinn: Dass das Bethesda-Spital vor den Sommerferien auf die Forderungen seiner Beleg-Hebammen einging und verhinderte, dass ein Teil von ihnen kündigt (die «Schweiz am Wochenende» berichtete), geschah unter grösserem Druck als bisher bekannt. Recherchen zeigen, dass das Privatspital plant, auf seinem Areal Räumlichkeiten für explizit hebammengeleitete Geburten zu schaffen.

Ein kleines Geburtshaus also direkt beim Spital. Dafür möchte man aller Voraussicht nach nicht auf die festangestellten Hebammen der eigenen Geburtsklinik zurückgreifen, sondern dieses Angebot an die Beleg-Hebammen auslagern. Sie bei den Vertragsverhandlungen vor den Kopf zu stossen, war wohl auch deshalb keine Option.

86 559 Geburten

gab es im Jahr 2015 in der Schweiz. Rund 2,5 Prozent davon fanden in einem der 23 Geburtshäuser (1392) oder als Hausgeburt (771) statt. Tendenz steigend. Lässt sich eine Frau von einer frei praktizierenden Hebamme betreuen, betrifft dies in 95 Prozent der Fälle die Zeit im Wochenbett nach der Geburt, 20 Prozent während der Schwangerschaft und nur 6 Prozent während der Geburt, heisst es in der Statistik des Hebammenverbandes.

Ziel auch mehr ambulante Geburten

Auf Anfrage bestätigt Bethesda-Direktor Thomas Rudin die Geburtshaus-Pläne. Konkret sollen mehrere Räume im Parterre des im Bau befindlichen neuen Gebäudes für Alterswohnen eingerichtet werden – direkt neben der heutigen Geburtsklinik. «Sollte es Komplikationen geben, können Gebärende also schnell in die voll ausgerüstete Klinik wechseln», sagt Rudin. 2019 soll es so weit sein. Gedacht ist das Angebot nur für Schwangerschaften, bei denen das Risiko für Komplikationen als gering eingeschätzt wird. Denn Ärzte stünden bei den Geburten keine am Bett.

Rudin möchte mit dem Geburtshaus nicht nur Hebammen, sondern auch ambulante Geburten fördern: «Heute geht der Trend ja immer stärker Richtung ambulante Geburten, das möchten wir nun auch bieten.» Einen ersten Schritt hat das Bethesda bereits vollzogen: Seit Anfang Jahr sind in der regulären Frauenklinik ambulante Geburten möglich. Als ambulant gilt eine Geburt, wenn die Mutter in der Regel vier bis sechs Stunden nach der Entbindung bereits wieder das Spital oder Geburtshaus verlässt.

Zu unterscheiden ist es von der klassischen stationären Geburt, bei der die Frau über Nacht und länger als 24 Stunden auf der Geburtenabteilung verbringt. Bleibt sie keine drei Tage, ist es eine Frühentlassung.

Für das Bethesda-Spital, das – auch dank der Zusammenlegung mit der Frauenklinik Bruderholz des Kantonsspitals Baselland – mittlerweile über 1800 Geburten pro Jahr durchführt, ist das Geburtshaus keine Spielerei, sondern eine klare Strategie. Denn das Spital hat im Gegensatz zu seinem grössten Konkurrenten, dem Basler Universitätsspital, keine Neonatologie-Abteilung und darf Geburten erst ab der 35. Schwangerschaftswoche übernehmen. Rudin: «Dafür wollen wir in diesem Bereich ein möglichst breites Angebot schaffen und auf die Wünsche der Schwangeren eingehen.»

Dabei beobachte man auch internationale Trends. Und das Geburtshaus direkt beim Spital ist ein solcher. Rudin schliesst denn auch nicht aus, neben den bestehenden neun noch weitere Beleg-Hebammen anzustellen, sollte das Projekt 2019 erfolgreich starten.

Zu schneller Griff zur Medizin?

Das Bethesda mag das erste Spital in beiden Basel sein, das die hebammengeleitete Geburt derart anbietet, selbstständige Geburtshäuser gibt es aber bereits länger. Eines der bekanntesten ist das Geburtshaus Basel in der Nähe des Zollis. 2016 begleiteten dessen Hebammen 61 Geburten erfolgreich im Geburtshaus. Bei 34 weiteren mussten die Gebärenden in ein Spital verlegt werden, meist wegen verzögertem Geburtsverlauf, heisst es im Jahresbericht.

Könnte die Sicherheit eines ins Spital integrierten Geburtshauses also zur ernsthaften Konkurrenz werden? «Bei uns ist man auch in fünf Minuten im Spital», sagt Co-Geschäftsführerin Safak Ferahkal. Man warte nun ab und sehe das Bethesda vorerst nicht als direkte Konkurrenz.

Ferahkal äussert aber auch gewisse Bedenken: «Ich hoffe wirklich, dass es nicht nur den Namen ‹Geburtshaus› trägt und dann trotzdem schnell Wehenmittel eingesetzt werden oder ein Kaiserschnitt angeordnet wird.» Ein Geburtshaus stehe für das Recht der Frau, in Ruhe und möglichst ohne schulmedizinische Interventionen zu gebären. Auch sei es wichtig, dass die Beleg-Hebammen des Bethesda von den dortigen Ärzten auch wirklich die Entscheidungskompetenz erhielten, wann schulmedizinisch interveniert werden muss.

Folgen noch weitere Spitäler?

Positiv aufgenommen wird das Bethesda-Projekt vom Hebammenverband beider Basel. Co-Präsidentin Ursula Lüscher: «Es ist eindeutig ein Trend, dass Frauen unter der Geburt persönlicher betreut werden wollen.» Dazu seien hebammengeleitete Geburten günstiger, weil nachweislich weniger Interventionen nötig seien. Eine Konkurrenz zum klassischen Geburtshaus sieht Lüscher nicht: «Dort gehen eher Frauen hin, die etwas Distanz zum Spital wollen und sich auch eine Hausgeburt vorstellen könnten.»

Schweizweit ist das Basler Spital übrigens nicht Pionier: Bereits Ende Mai kam das erste Baby in den neuen, ebenfalls beleghebammengeleiteten Geburtsräumen des Kantonsspitals Aarau zur Welt. Gemäss Sprecherin Andrea Rüegg ist das Angebot sehr gut gestartet, nur in jedem zehnten Fall sei es nötig gewesen, die Geburt ins Spital zu verlagern.

Ende Jahr werde man zu den bestehenden drei mindestens noch eine weitere Beleg-Hebamme anstellen. Diesem Vorbild könnten noch weitere Spitäler folgen. Rüegg: «Viele Spitäler aus der ganzen Schweiz meldeten sich bei uns, um mehr darüber zu erfahren.»

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