Basler Stadtplanung
Warum Scheitern nicht immer schlecht ist

Eine Ausstellung im Kleinen Klingental zeigt Bauvorhaben, die nicht realisiert wurden. Leider. Oder zum Glück.

Patrick Marcolli
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Traum oder Albtraum? Der Plan zur Umleitung des Rheins von 1932.

Traum oder Albtraum? Der Plan zur Umleitung des Rheins von 1932.

Bild: zVg

In Basel ist es fast schon zur lieb gewonnenen Tradition geworden, den nicht realisierten Bauprojekten nachzutrauern. Ob das Stadt-Casino von Zaha Hadid, die Wettsteinbrücke von Calatrava oder vielleicht auch der Doppelhelix-Turm von Herzog & de Meuron für Roche: Die gescheiterten, nie realisierten Projekte dieser Stadt werden zu Exempeln verklärt, die den Kleinmut der Stadt am Rheinknie bezeugen sollen.

Lange Suche, gutes Ende

Aber stimmt das wirklich? Die Ausstellung «Geträumte Stadt» im Museum Kleines Klingental, kuratiert von Marc Keller, dem langjährigen Sprecher des Baudepartements, liefert ein paar interessante historische Beispiele, welche die heute existierende Stadt in einem etwas anderen Licht erscheinen lassen. Vielsagend ist beispielsweise die Geschichte des Kunstmuseums. Zwischen 1905 und den dreissiger Jahren wurde am Neubau des Museums herumgerätselt, mehr als ein Dutzend Standorte wurden evaluiert, zahlreiche Architekten versuchten sich zu verwirklichen. Rückblickend erweist sich diese langwierige Suche als Glücksfall: Der imposante Bau am St. Alban-Graben von Rudolf Christ und Paul Bonatz aus dem Jahr 1936 hat den Test der Zeit, im Gegensatz zu vielen anderen Entwürfen, souverän bestanden.

Auch beim noch jungen Museums-Erweiterungsbau von Christ & Gantenbein muss man konstatieren: Wären stattdessen die Architekten Diener & Diener mit ihrem Entwurf zum Zug gekommen, und der Entscheid war knapp, würde heute ein recht klobig wirkender Steg über der Dufourstrasse die beiden Häuser verbinden.

Ausstellungs-Kurator Marc Keller zeigt auf berühmt-berüchtigte Projekte für eine «autogerechte »Stadt.

Ausstellungs-Kurator Marc Keller zeigt auf berühmt-berüchtigte Projekte für eine «autogerechte »Stadt.

Bild: Kenneth Nars

«Was wäre, wenn...»

Die Ausstellung legt das Hauptaugenmerk zurecht auf das vergangene Jahrhundert. Der damalige Traum von einer verkehrsgerechten, sprich: autogerechten Stadt, trieb seltsame Blüten. Mit der mittelalterlichen Kernstadt wurde rücksichtslos umgegangen, was zum Beispiel die Zerstörung der Aeschenvorstadt belegt. Während die Erweiterung des Andreasplatzes oder die so genannte Talentlastungsstrasse, deren erste Schneise heute am zu breiten Blumenrain und an der Spiegelgasse zu erkennen ist, zum Glück nicht oder nur teilweise umgesetzt wurden, lohnt sich ein kleiner Exkurs zur Clarastrasse: Architekt und Stadtplaner Hans Schmidt wollte dort in den Vierzigern mit der grossen Abrissbirne anrücken und einen streng gerasterten Stadtteil nach sozialistischem Vorbild errichten. Ein Blick auf die heutige Clarastrasse lässt dieses lange verpönte Unterfangen fast schon wieder reizvoll erscheinen.

Weder zwangsläufig gut, noch zwangsläufig schlecht

Die eigentliche Trouvaille der Ausstellung ist die längst in Vergessenheit geratene Projektidee des Brüderpaars Franz und Paul Wilde von 1932: Sie suchten nach mehr Platz in der Stadt und wurden fündig, indem sie kühn vorschlugen, den Rhein umzuleiten und so sein Flussbett nutzbar zu machen. Mehr als ein paar schön gezeichnete Pläne ist davon nicht geblieben und man erinnert sich an ähnliche Ideen aus der jüngeren Vergangenheit zur Nutzung der Erlenmatt als See oder dem Innenhof der Kaserne als Hafengeviert. Die Frage nach dem «Was wäre, wenn...» lässt sich jedenfalls immer wieder stellen - die Frage nach dem Erkenntnisgewinn daraus ebenso.

Am alten Modell zeigt sich, was die Erweiterung des Andreasplatzes für die Altstadt bedeutet hätte.

Am alten Modell zeigt sich, was die Erweiterung des Andreasplatzes für die Altstadt bedeutet hätte.

Bild: zVg

Die Ausstellung im Kleinen Klingental mäandriert auf eigentümliche Art zwischen Nicht-Gebautem und Gebautem (es sind viele Fotos von neuen Bauten zu sehen) und wird so dem eigenen Anspruch, eine «geträumte Stadt» zu zeigen, nicht ganz gerecht. Anderseits bietet sie gerade dadurch Anschauungsunterricht dafür, dass wir nicht voreilig verklären oder etwas nachtrauern sollten, was einst in der Planungsphase gescheitert ist. Kurator Marc Keller fasst es so zusammen: «Die Stadt ist nicht zwangsläufig so geworden, wie sie heute aussieht.» Das gilt auch für die Qualität von Vorhaben: Sie sind weder zwangsläufig gut noch zwangsläufig schlecht.

«Die geträumte Stadt». Museum Kleines Klingental.
Ab diesem Samstag bis am 13. März 2022.

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