Schildbürgerstreich

Basel, die Stadt der absurden Strassenschilder

Der Stadtkanton zählt 1024 Strassen, Wege und Plätze. Alle erhalten auf ihren Schildern eine Erklärung, wie sie zu ihrem Namen kamen. Einige bräuchte es nicht wirklich.

Benjamin Wieland
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Die führen was im Schild (v. l.): Die Regierungsräte Baschi Dürr, Lukas Engelberger, Hans-Peter Wessels sowie «Namensucher» Paul Haffner.

Die führen was im Schild (v. l.): Die Regierungsräte Baschi Dürr, Lukas Engelberger, Hans-Peter Wessels sowie «Namensucher» Paul Haffner.

bz-Archiv/Nars-Zimmer (27. November 2017)

Hamburg ist eine norddeutsche Stadt. Luzern ist der Hauptort des gleichnamigen Kantons. Wandern ist ein seit dem 19. Jahrhundert beliebter alpiner Freizeitsport.

Die meisten Menschen dürften wissen, was Hamburg, Luzern und Wandern bedeuten. Auch Sommer und Winter, Amseln und Meisen dürften ein Begriff sein, ebenso Birken und Eichen, Oberwil und Therwil, Mailand und Helsinki. Trotzdem erklärt Basel-Stadt all diese Dinge – weil Strassen nach ihnen benannt sind.

Seit 2017 ist das Tiefbauamt daran, die Schilder für alle aktuell 1024 Strassennamen im Stadtkanton auszutauschen. Die Begriffe werden auf einer, maximal zwei Zeilen erläutert.

Das Schild klärt auf: «Eichhörnchen, einheimisches Nagetier»

Es war vor drei Jahren, an einem kühlen Novembertag. Drei Regierungsräte weihten das erste selbsterklärende Schild ein, eines für die De Wette-Strasse. Damals gab das Justiz- und Sicherheitsdepartement – es segnet die Vorschläge für Strassenbezeichnungen ab – bekannt, dass rund 50 Namen nicht weiter erläutert würden: «Bei Strassennamen mit Benennungen nach Pflanzen, Tieren, Jahreszeiten oder Namen wie Eisenbahnweg und Fischerweg wird auf eine Kurzerklärung verzichtet.» Davon ist man jedoch wieder abgekommen, offensichtlich. So heisst es zum Eichhornweglein: «Eichhörnchen, einheimisches Nagetier».

Paul Haffner ist Präsident der kantonalen Nomenklaturkommission. Sie schlägt Bezeichnungen für neue Strassen vor und hat die neuen Beschriftungen mitausgearbeitet. «Den Entscheid, nicht für alle Strassennamen eine Erklärung festzulegen, hatte mein Vorgänger getroffen», schreibt Haffner der bz. «Ich wollte eine vollständige Liste, damit ich sie auch für die Erklärungen im kantonalen Geoportal nutzen kann.» Tatsächlich gibt es im Online-Kartendienst das Thema «Strassennamen». Wird eine Strasse angeklickt, poppt die Erklärung auf.

Ein paar violett-blaue Emaille-Schilder bleiben hängen

Haffner will nicht gelten lassen, dass gewisse Erklärungen «banal» seien. Es komme auf den Wissensstand der einzelnen Person­en an: «Die Bedeutung des Wild Ma-Gässli ist den Baslerin­nen und Baslern wohlbekannt, nicht aber jenen ausserhalb der Region. Ähnlich verhält es sich mit den Ortschaftsnamen. Wer weiss schon, dass sich die Sennheimerstrasse auf die elsässische Stadt Cernay bezieht? Oder dass es sich bei der Nase des Nasenwegs um einen Fisch und nicht um ein Geruchsorgan handelt?»

Mit dem Ersetzen der blauen Metallplatten ist das Tiefbauamt auf Kurs. Bislang seien rund 70 Prozent der Schilder ausgetauscht, schreibt Daniel Hofer, Mediensprecher des Basler Bau- und Verkehrsdepartements. Man sei bei Etappe zwölf von sechzehn angelangt. Als erstes «umgerüstet» wurde die Achse Bahnhof SBB bis Messeplatz. Danach folgten nach und nach die Quartiere. Noch ausstehend sind unter anderem Teile von Kleinhüningen, der Erlenmatt oder des Hirzbrunnen.

Nicht jedes Schild wird abgehängt, schreibt Hofer: «Alte Emaille-Schilder an historischen Gebäuden lassen wir auch Mal hängen.» Die Beschilderung einer neuen Strasse kostet rund 150 Franken. Die gesamte Austauschaktion wird gemäss Hofer mit rund 150'000 Franken zu Buche schlagen.

Am Ursprung stand Engelbergers Vorstoss

Dass bei der Einweihung des ersten neuen Schilds im November 2017 gleich drei Regierungsräte anwesend waren, hatte seinen Grund. Die Nomenklaturkommission ist dem Justiz- und Sicherheitsdepartement angegliedert, geleitet von Baschi Dürr (FDP). Das ausführende Tiefbauamt untersteht dem Bau- und Verkehrsdepartement, Vorsteher ist Hans-Peter Wessels (SP). Lukas Engelberger (CVP) wiederum ist der geistige Vater des Schild(bürger)streichs. Der Gesundheitsdirektor hatte die Kurzerklärungen 2008 per Vorstoss gefordert, damals sass er noch im Grossen Rat.

Aber wer war eigentlich dieser Herr De Wette? Das schlaue Schild hilft auf die Sprünge: «Wilhelm Martin Leberecht De Wette (1780–1849), Theologe an der Universität Basel».