Krimi

Auf ein Bier mit Hunkeler: Was macht die populärste Schweizer Krimifigur so beliebt?

Peter Hunkeler ist die populärste Schweizer Krimifigur der Gegenwart. Was macht ihn aus und weshalb ist er so beliebt?

Andreas W. Schmid
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Mathias Gnädinger (l.) mimt den kauzigen Kommissär in «Hunkeler macht Sachen».

Mathias Gnädinger (l.) mimt den kauzigen Kommissär in «Hunkeler macht Sachen».

SF/Lukas Unseld

Peter Hunkeler, ehemaliger Kommissar des Kriminalkommissariats Basel, überlässt bei einem Mordfall nichts dem Zufall. Nach und nach engt der pensionierte Ermittler auf seinen Erkundungen durch Basel und das Elsass den Kreis der Tatverdächtigen ein, bis sich die Schlinge zuzieht und er in einer Punktlandung den Täter überführt. Auch sein neuster Fall – «Hunkeler in der Wildnis» – verläuft nach diesem Muster. So kauzig und leicht verlottert er scheinen mag, am Ende löst er den Fall trotz einiger Umwege mit zielgenauer Perfektion.

Ein erster Fall für die «Eurocops»

Hunkeler selber allerdings entsprang einst sehr wohl einem Zufall. Hansjörg Schneider, sein Erfinder, erfuhr Anfang der Neunzigerjahre vom Fund eines Bekannten in der Kanalisation des Zürcher Flughafens: Der Saisonnier aus Kosovo hatte in einem Plastiksäckchen ein paar Diamanten gefunden.

Das weckte das Interesse Schneiders, der sich fragte, weshalb die Edelsteine da im Untergrund gelegen hatten. Er entwickelte eine Geschichte daraus und schickte sie dem Schweizer Fernsehen. Die Antwort kam umgehend: Er solle doch bitte für die Krimiserie «Eurocops», zu der auch SRF regelmässig eine Folge beisteuern musste, ein Drehbuch verfassen. Schneider lieferte wie gewünscht, die Folge wurde ausgestrahlt «und war eine der besseren», wie er sich erinnert.

So richtig glücklich war Schneider trotzdem nicht, denn seine ursprüngliche Geschichte war ziemlich gekürzt worden. Also entschloss er sich, die ursprüngliche Version in einem Kriminalroman zu verarbeiten. In «Eurocops» waren die Ermittler vorgegeben gewesen. Für den ersten Fall, den es zu lösen gab, brauchte er einen neuen Kommissar – so kreierte Schneider den Hunkeler und damit einen der kommerziell erfolgreichsten Schweizer Ermittler der Krimigeschichte. Bis heute sind zehn Fälle mit der Kunstfigur erschienen. Einige von ihnen erreichten eine Auflage von über 100'000 Exemplaren; allesamt besetzten sie in der Bestsellerliste die vordersten Plätze. «Der Hunkeler ist ein Glücksfall», frohlockt Ruth Geiger, die der Geschäftsleitung des Diogenes-Verlags angehört, «er ist sicher der beliebteste Schweizer Kommissar der Gegenwart».

Hunkeler altert mit seinem Schöpfer

Hunkeler sei ihm zugeflogen, schrieb die «Zeit» über den Schriftsteller, und der brummlige Erfolgstyp ihm zupassgekommen, weil es mit dem Theatergeschäft harzte. «Wie gut, so einen verlässlichen Freund an der Seite zu haben.» Tatsächlich altern die beiden zusammen. Selbstverständlich ist das in der Krimiliteratur nicht. Commissario Brunetti von Donna Leon beispielsweise altert nur sehr verzögert, macht seit Jahrzehnten immer dieselbe «bella figura». «Hätte ich zu Beginn der Neunzigerjahre geschrieben, wie alt Brunetti ist», erklärte die Autorin einmal, «wäre er heute reif für die Rente.»

Das ist bei Hunkeler anders. Schneider spricht zwar in Interviews gerne davon, dass in seinen Krimis vieles erstunken und gelogen sei. Seinem Helden aber hat er viel von sich selbst mitgegeben. Da hätte es nicht dazu gepasst, wenn der Schriftsteller alleine gealtert wäre. Schneider ist gestern 82 Jahre alt geworden, Hunkeler ist ebenfalls pensioniert, hat aber wohl ein paar Jahre weniger auf dem Buckel. Die Altersgebrechen teilen sich die beiden gebürtigen Aargauer ebenso wie das Zuhause im St. Johann. Hunkeler ist geschieden, hat Kinder, zu denen er keinen Kontakt mehr pflegt. Dafür unterhält er eine langjährige Beziehung zu Hedwig, er liebt «ihre Stimme, ihre Wörter, die Art, wie sie sich entscheiden konnte». Zwischendurch streiten sie öffentlich im Restaurant, er brüllt sie an, entschuldigt sich, sie findet, «dass es dir nicht leidtun soll. Es soll dir guttun». Schneider liebt pointierte Dialoge.

Hobbys hat Hunkeler keine, zumindest sind sie nicht bekannt, aber er mag üppiges Essen und kaltes Bier. Ansonsten möchte er die kleinen liebgewonnenen Gewohnheiten des Alltags geniessen. Wie sein Erschaffer trinkt er morgens gerne Kaffee, liest ausgiebig Zeitungen und interessiert sich für das Weltgeschehen; immer wieder fliessen sozialkritische Auslassungen aller Art ein. Auch geht er gerne spazieren, am Rhein oder in den Kannenfeldpark – so wie an diesem strahlenden Sonntagmorgen in seinem neusten Fall, «als die Welt mit sich einig zu sein schien». Bis der Theaterkritiker Heinrich Schmidinger tot aufgefunden wird; jemand hat ihm mit einer Boulekugel den Kopf eingeschlagen. Hunkeler verspürt zuerst wenig Lust darauf, in den Fall hinein gezogen zu werden, und flieht in seinen Zweitwohnsitz im Elsass.

Melancholisch anmutendes Elsass

Mit seiner Frau hatte Schneider dort lange ein Haus; als sie gestorben war, verkaufte er es. «Die Gegend, das Bauernhaus, die Menschen aber sind weiterhin in meinen Gedanken präsent.» Deshalb freue er sich, dass er dorthin zurückkehren könne, «indem ich Hunkeler ins Elsass schicke». Ausführliche, melancholisch anmutende Beschreibungen der Elsässer Szenerie ziehen sich durch Schneiders Krimis. Schliesslich aber lässt sich Hunkeler doch von Staatsanwalt Suter überreden, in Basel beim Mordfall mitzuhelfen. «Wir vom Kommissariat können nicht loslassen», insistiert Suter, «es ist eine Berufskrankheit. Dieses Mysterium wird Sie nicht loslassen.» Schneider sagt: «Ich kann nicht aufhören zu schreiben, er nicht zu ermitteln.»

Bei seinen Nachforschungen hat es Hunkeler seit jeher mit besserwisserischen Kollegen zu tun. Er ist «der einsame Wolf», wie Schneider ihn nennt, der sich gegen Karrieristen, Machtbesessene und Wichtigtuer behaupten muss. Er tut dies mit gesundem Menschenverstand und viel psychologischem Einfühlungsvermögen. «Er ist der Fels in der Brandung und bringt am Ende Ordnung in eine durcheinandergeratene Welt», sagt Thomas Lüthi, der beim Schweizer Fernsehen als Redaktor für fiktionale Eigenproduktionen und damit auch für Krimis zuständig ist. Hunkeler sei der Kommissar, den man sich wünsche, wenn man unversehens in einen Mordfall hineingerate.

Von Anfang an eine Erfolgsgeschichte

«Ein Krimi ist ein Ratespiel. Je charismatischer der Ermittler ist, desto unterhaltsamer wird es.» Bei Hunkeler sei das der Fall, «er ist eigenwillig, manchmal auch ein wenig knorrig, aber bodenständig und damit einer von uns». Der Hunkeler war zwar von Anfang an eine Erfolgsgeschichte. «Mit den Verfilmungen der Krimis und Mathias Gnädinger als Hunkeler bekamen sie aber einen zusätzlichen Popularitätsschub», ist Lüthi überzeugt. Das Schweizer Fernsehen hatte damals zwei andere Kandidaten im Auge. Doch Schneider hielt Gnädinger für die Idealbesetzung. Sechs Hunkeler-Filme drehte Gnädinger. Ein siebter war in Planung, doch dann starb der Schauspieler vor fünf Jahren überraschend.

Krimiautor und -kenner Paul Ott, der in diesen Tagen seine Krimibibel «Mord im Alpenglühen – Geschichte und Gegenwart des Schweizer Kriminalromans» neu aufgelegt hat, sieht Hunkeler in der Tradition grosser Ermittler wie Wachtmeister Studer von Friedrich Glauser oder Kommissar Bärlach von Friedrich Dürrenmatt. «Bei allen spielt Sozialkritik eine grosse Rolle, Tabuthemen werden aufgegriffen.»
Hansjörg Schneider findet Glauser und Dürrenmatt als Krimiautoren ebenfalls gross, genau wie Georges Simenon und dessen melancholischen Duktus in den Maigret-Romanen. Mag sein, erklärt Schneider, dass ihn diese Autoren beeinflusst hätten. «Aber erfinden muss man seine Geschichten am Ende immer noch selber.»