Schweizerische Architekturmuseum

Architekt Tsuyoshi Tane: Der Sammler und Sucher der Zukunft

Das Schweizerische Architekturmuseum S AM zeigt anhand von Modellen und Entwürfen die Arbeit des 41-jährigen Japaners Tsuyoshi Tane.

Christoph Dieffenbacher
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Im Schweizerischen Architekturmuseum S AM ist geduldiges Entziffern gefragt.

Im Schweizerischen Architekturmuseum S AM ist geduldiges Entziffern gefragt.

Tom Bisig

Im Vorraum aufgebaut ist ein Objekt der Dekonstruktion: ein unförmiger Haufen, zusammengedrückt aus ­Steinen, Röhren, Holzteilen, Metall und anderem Baumaterial, darüber ein knorriges Wurzelstück. Sehen so die Bauten am Ende der Zivilisation aus? Oder ist es vielleicht das Modell eines konkreten Bauprojekts für Basel, das der japanische Architekt Tsuyoshi Tane im Kopf herumträgt?

Das Schweizerische Architekturmuseum (S AM) in Basel stellt mit dem Werk des Japaners eine bestimmte Haltung der architektonischen Arbeit vor: das Sammeln und Suchen, bevor überhaupt gebaut wird. So betritt man ­atelierartige Räume voller Modelle, Fotos, Videos, Skizzen, Zeichnungen, Notizen, Wandkritzeleien und Fundstücke – ein erster Eindruck, der zunächst verwirrt. Die angesammelten rund 1500 Einzelteile, die sich um die Modelle gruppieren, bilden eher ein chaotisches Durcheinander ab als eine wohlgeordnete Abfolge von architektonischen Entstehungsschritten.

Von Inneneinrichtungen bis zu grossen Stadien

Gefragt ist in der Ausstellung also ­geduldiges Entziffern. Doch klar wird dabei bald auch: Die Materialien, Fotos und Objekte sind alle Zeugnisse einer intensiven Suche nach der gebauten Form. Sie vermitteln anschaulich, wie sich die Ideen und Einfälle des 41-­jährigen Architekten entwickeln: meist intuitiv. Der mehrfach preisgekrönte Tane baut komplexe Museumsanlagen, Feriensiedlungen und grosse Stadien, aber auch einfache Inneneinrichtungen von Hotels, Restaurants und Wohnhäusern.

Tsuyoshi Tane «Ich schaue mir zuerst die Vergangenheit eines Ortes an.»

Tsuyoshi Tane «Ich schaue mir zuerst die Vergangenheit eines Ortes an.»

Yoshiaki Tsutsui

Er strebe eine Architektur an, die bisher noch niemand gesehen, erlebt oder sich vorgestellt habe, schreibt er in einem Manifest. Doch: «Anstatt in die Zukunft zu bauen, schaue ich mir zuerst die Vergangenheit eines Ortes an.»

Dazu gehört, dass der Architekt die vorgefundenen Gegebenheiten eines Geländes und seiner Umgebung immer mit einbezieht. Er und sein Team legen bei der Planung in einer konzentrierten Recherche zunächst die Vergangenheit einer Lokalität frei. Da werden erst einmal Informationen gesammelt: Was gab es hier früher? Was sieht man hier heute noch? Wie sieht die Umgebung aus? Geschichte bedeutet für Tane eine treibende Kraft für seine «Architektur der Zukunft», wie er sie nennt: «Durch die Spuren kollektiver Erinnerungen materialisieren sich unsere Projekte und entwickeln sich zur Realität.»

Ein Nationalmuseum auf der Landebahn

Zur Geltung kommen in der Ausstellung, die in Basel nach Tokyo und São Paulo erstmals in Europa gezeigt wird, vor allem die Modelle der grösseren Bauprojekte Tanes: so zum Beispiel das neue estnische Nationalmuseum in Tartu (2006--2016) auf dem Gelände eines ehemaligen sowjetischen Flugplatzes, schmal und langgestreckt wie eine Start- oder Landebahn. Mit diesem Grossprojekt haben sich der Architekt und seine damaligen Partner früh einen internationalen Namen geschaffen.

Tane hatte damals die Aufgabenstellung des Wettbewerbs in Estland ­infrage gestellt und verändert: Statt am vorgesehenen Ort errichtete er das Museum auf den Überresten eines Militärstützpunkts. Damit wollte er an die belastete Vergangenheit des baltischen Staats mit dem Nachbar Sowjetunion erinnern und sich zugleich davon abheben: Das Museumsdach wirkt wie die Fortsetzung einer Flugbahn und soll die wiedergefundene eigene Geschichte und Kultur Estlands symbolisieren.

Einen weiteren Höhepunkt im ­bisherigen Werk des Architekten bildet das Kofun-Stadion mitten in der Millionen-Metropole Tokyo von 2012: ein Riesenoval mit offenem, einziehbarem Dach, das in einen angepflanzten Wald eingesenkt ist. Auch dieses Nationalstadion will die Vergangenheit des ­Ortes neu beleben, indem es an die ­pyramidenförmigen historischen Hügelgräber erinnert, die dort gefunden wurden. Die Bäume schaffen zudem eine Verbindung zur Ökologie, die in den Werken Tanes ebenfalls zentral ist: Zivilisation wie Natur stehen für die Vergangenheit des Menschen, an die es beim Bauen anzuknüpfen gilt.

Auch andernorts bezieht der Architekt die ursprüngliche Funktion des Ortes bei der Neuplanung pragmatisch mit ein: So etwa beim Museum für Gegenwartskunst im japanischen Hirosaki (2020), das in den roten Ziegelbauten einer ehemaligen Sake- und Apfel­weinfabrik untergebracht ist. Hier ­beliess Tane die Gebäude mehr oder weniger im alten Zustand und fügte nur die ­Dächer aus dem gleichen Material dazu.

Brainstorming in der ehemaligen Garage

Für Wohn- und Gewerbegebäude in der alten Kaiserstadt Kyoto nimmt der Architekt deren schachbrettartige Plananlage auf und verwendet das alte Holz der traditionellen Bauweise. Die Fassade gleicht so einem aufgestellten Raster aus wiederverwendetem Holzmaterial. Sichtbar macht Tane hier nebenbei auch, dass gewisse Bauformen wie die Pyramiden global und in verschiedenen Epochen vorkommen. Andere Wohnhäuser nehmen die japanische Architektur früherer Zeiten auf – etwa indem Tane tiefe Bodengruben graben lässt, um im Sommer kühle und im Winter wärmere Räume zu schaffen.

«In einem Land wie Japan, in dem viel alte Bausubstanz kurzerhand abgerissen wird, haben Tanes Reflexionen über die Geschichte etwas Radikales», sagt Andreas Kofler, Kurator der Ausstellung am S AM. Gleichzeitig lasse sich hier auch viel freier mit der Vergangenheit umgehen. Die Zugänge des ­Japaners zur Historie vermitteln in ihrer Vielfalt einen Eindruck seiner Sensibilität, Offenheit und Kreativität bei

der Arbeit. Er beschäftigt in seinem derzeitigen Atelier, einer ehemaligen Garage in Paris, rund 40 vor allem jüngere Mitarbeitende – da gebe es regelmässige längere Brainstormings, an denen alle teilnehmen könnten, erzählt Kofler.

Schliesslich sei dann gar nicht mehr so wichtig, so der Kurator, welche ­Pläne realisiert würden und welche nicht. Das wird in der Ausstellung denn auch erst am Schluss aufgelöst, wenn die ­fertiggestellten oder gerade laufenden Projekte in chronologischer Folge ­dokumentiert werden. Dabei sind auch kleinere Beiträge mit Bezug zur Schweiz zu sehen: die Möblierung einer Kapelle des Malers Balthus in Rossinière (2019) etwa oder der glitzernde Pavillon der Uhrenmarke Citizen an der Baselworld 2018.

Ausstellung
Tsuyoshi Tane: Archaeology of the ­Future, S AM, bis 28. Februar 2021.