Analyse
Basel: Eine Stadt wandert nach links

Gegen die aktuelle Entwicklung war der Machtwechsel 2005 zu Rot-Grün ein Klacks: Die SP Basel-Stadt sorgt dafür, dass derzeit in Basel-Stadt vieles an eine Wiederauflage des «Roten Basel» in den dreissiger Jahren erinnert.

Patrick Marcolli
Patrick Marcolli
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Protest gegen Gentrifizierung - ausgerechnet an einem Baumgartnerhaus in Basel.

Protest gegen Gentrifizierung - ausgerechnet an einem Baumgartnerhaus in Basel.

BIld: Kenneth Nars (14. Mai 2019)

Die allermeisten der zwischen 1926 und 1938 erbauten Baumgartnerhäuser stehen heute noch und prägen das Bild einiger Quartiere in der Stadt. Sie sind Paradebeispiele für eine gemässigte architektonische Moderne. Das mag mit ein Grund sein dafür, dass in den vergangenen fast hundert Jahren lediglich eine Handvoll von insgesamt über 300 abgerissen wurden. Die Schweizer mögen es bekanntlich etwas sanfter. Architekt Wilhelm Emil Baumgartner hat dieser Vorliebe Rechnung getragen und einen Haustypus kreiert, der ästhetisch einer Mittelschicht gefiel und – das ist der Hauptgrund fürs Überdauern seiner Gebäude – in der Nutzung und Raumaufteilung praktisch, in der Materialität robust war.

Das Wohnen wird zur sozialen Frage

Wenn wir den Blick zurück ausweiten und die damalige politische Situation in der Stadt betrachten, so sehen wir, dass das Ende von Baumgartners Bautätigkeit mit dem Anfang der Ära des «Roten Basel» zusammenfällt, also der sozialdemokratisch dominierten Stadtpolitik. Das ist natürlich eine historische Zufälligkeit. Dennoch fällt auf, dass es in den folgenden Jahrzehnten kaum mehr ein entsprechendes Projekt in Basel gab, das ansprechende Architektur, qualitativ gutes Bauen und ein sozialpolitisch gemässigtes Wohnkonzept vereinte. Selbstverständlich: Kriegsbedingte Mangelwirtschaft sowie die Rendite-Getriebenheit und Spekulation der Hochkonjunktur haben einer solchen Idee noch bis in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Basel (und auch in anderen Schweizer Städten) stark entgegengewirkt.

Danach, als die wichtigen Architekturbüros der Stadt und der Denkmalschutzgedanke allmählich an Bedeutung gewannen, besann man sich zumindest wieder auf architektonische Qualität. Nun ist es so, dass das Wohnen wieder zu der sozialen Frage geworden ist. Dies hat Oliver Nachtwey, Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel, kürzlich in einem Vortrag am Basel Economic Forum sehr eindrücklich dargelegt. Dies ist keine Folge einer anhaltenden wirtschaftlichen Baisse, im Gegenteil: Die schärfste politische Debatte im Kanton wird paradoxerweise auf der Basis grösster Prosperität ausgetragen, dominiert von der politischen Linken, aus Angst vor einer Verdrängung der sozial schwächeren Bevölkerung.

Die Verschärfung des Wohnungsbau-Diskurses, die vorläufig in der hängigen Initiative «Basel baut Zukunft» gipfelt, hat viel zu tun mit der ideologischen Entwicklung der mit Abstand grössten Partei im Stadtkanton, der Sozialdemokratie. Rückblickend erscheint der Machtwechsel weg von den Bürgerlichen hin zu Rot-Grün Anfang im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts nicht mehr als die grosse Zäsur, für die man es damals gehalten hatte. Die damaligen SP-Regierungsräte Ralph Lewin, Barbara Schneider, später auch Christoph Brutschin sowie – mit inhaltlichen Abstrichen – Hans-Peter Wessels und Eva Herzog erscheinen im Rückblick eher als Bürgerliche mit einem sozialpolitischen Linksdrall. Der Generationenwechsel, der sich seither bei der Partei vollzogen hat, liess die SP aber deutlich nach links driften. Zuletzt zeigte sich dies an ihrer Opposition gegen das von SP-Finanzministerin Tanja Soland, die nicht gerade als Rechtsauslegerin bekannt ist, präsentierte Steuersenkungspaket. Das Veto der SP gegen eine überschaubar grosse Senkung der Vermögenssteuer passt ins Bild einer Stadt, die sich auch finanzpolitisch allmählich mehr und mehr nach links orientiert – wohlwissend, dass genügend Geld vorhanden ist, um Umverteilungsphantasien real werden zu lassen.

Bürgerliche Kraft- und Saftlosigkeit

Vor dem Hintergrund eines liquiden Staatswesens lassen sich auch die Begehrlichkeiten in der Wohnraum- und Bodenpolitik erklären. Zum Beispiel die ständigen Forderungen danach, dass der Staat frei werdende Areale kaufen soll, um sozialen Wohnungsbau zu betreiben, oder die Frage nach einem generellen Vorkaufsrecht des Kantons bei Grundstücken und Immobilien. Das «Rote Basel» erfährt derzeit ein bemerkenswertes Revival, bei gleichzeitiger anhaltender Kraft- und Saftlosigkeit der Bürgerlichen.

Wie lange wird das gut gehen? Es mehren sich die Anzeichen, dass die linken Träume in der Realität einem Stresstest unterzogen werden könnten: Dass im vergangenen Jahr mehr Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtkantons in den Kanton Baselland abgewandert als von dort zugezogen sind, ist noch kein gültiger Indikator für eine Stadtflucht, aber ein erstes Alarmsignal. Sehr ernst genommen werden muss auch die Drohung von Investoren, bei einer allfälligen Annahme der radikalen Initiative «Basel baut Zukunft» ihre Stadtteilpläne begraben zu wollen. Es könnte sich lohnen, sich ab und zu die Mittelstands-Solidität der Baumgartnerhäuser vor Augen zu führen, um zu erkennen, was das Fundament dieser Stadt ausmacht.