Begabtenförderung

An Basler Primarschulen profitieren doppelt so viele Jungs wie Mädchen von Förderungsprogrammen

Etwas über 70 Primarschülerinnen und Primarschüler profitieren in Basel-Stadt vom Projekt «Pull-Out», einem gesonderten Unterricht für begabte Kinder. Nun zeigt sich: Vom Angebot profitieren weitaus mehr Jungs als Mädchen. Die «Schweiz am Wochenende» hat eine Geschlechterforscherin befragt, woran das liegt.

Leif Simonsen, Benjamin Rosch
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73 Kinder profitieren in Basel-Stadt aktuell von «Pull-Out». 49 sind Jungs. (zvg / Gaetan Bally)

73 Kinder profitieren in Basel-Stadt aktuell von «Pull-Out». 49 sind Jungs. (zvg / Gaetan Bally)

Keystone

Von der Begabungsförderung profitieren in Basel-Stadt alle Kinder. So zumindest lautet die Theorie, denn gemäss dem Basler Erziehungsdepartement beginne diese schon im täglichen Unterricht. Schliesslich verfüge jedes Kind über Stärken. Für besondere Talente aber halten die Volksschulen zusätzliche Angebote bereit. Auf Primarstufe heisst das Projekt «Pull-Out»: Hochbegabte Kinder besuchen seit 2015 während der Unterrichtszeit ein externes Angebot, das ihre gesteigerten Lernbedürfnisse abdeckt. Nun zeigt sich: Jungs sind bei der Begabtenförderung in diesem frühen Alter inzwischen klar im Vorteil.

War das Geschlechterverhältnis im Startjahr noch ausgeglichen, kamen im laufenden Schuljahr doppelt so viele Schüler in den Genuss von zusätzlicher Förderung als Schülerinnen. Nur gerade 24 Mädchen durften den gesonderten Unterricht besuchen, 73 Kinder waren es insgesamt. Die Zahlen aus dem Vorjahr präsentieren sich ähnlich. Dies geht aus der Antwort der Regierung auf eine schriftliche Anfrage von SP-Grossrat Kaspar Sutter hervor.

Sutter sieht seine Befürchtung bestätigt. Der SP-Grossrat hat aus seinem Umfeld mehrfach zu Ohren gekriegt, dass in den Pull-Out-Angeboten hauptsächlich Jungs sitzen. «Ich bin enttäuscht. Von der Schule erwarte ich eine Förderung unabhängig von Geschlecht oder Quartier», sagt er. Irritiert zeigt sich Sutter darüber, dass das Erziehungsdepartement die Zahlen nüchtern präsentiere, jedoch «keine Selbstkritik oder Zielsetzung, etwas zu ändern», an den Tag lege.

Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach, Lehrbeauftragte der Uni Basel, setzt an diesem Punkt an. Der Befund sei gerade deshalb interessant, weil die Debatte oft anders verlaufe, und oft behauptet würde Jungs kämen systematisch zu kurz und der Fokus liege auf Mädchen: «Diese Zahlen relativieren das doch sehr.» Offensichtlich gäbe es an Basler Schulen «zu wenig Know-how» und es werde zu wenig geschlechtersensibel gearbeitet, setzt Schutzbach zur Kritik an. Für eine Einordnung der Basler Zahlen brauche es eine spezifische Untersuchung. Aus bereits erfolgten Studien lassen sich dennoch Erkenntnisse ableiten: «Begabung äussert sich verschieden, und es ist erforscht, dass sie bei den Mädchen eher weniger wahrgenommen wird als bei Jungs», sagt Schutzbach. Jungs werde oft mehr zugetraut. Gleichzeitig würden unterforderte Mädchen weniger den Unterricht stören und sogar ihre höhere Denkfähigkeit eher verbergen, um nicht aufzufallen. Das geht so weit, dass manche Mädchen selbst vorgeschlagene Förderung ablehnen. «Hier geht die Forschung von einem fragileren Selbstkonzept bei Mädchen aus, das heisst Mädchen trauen sich grundsätzlich schulisch eher weniger zu als Jungs», sagt Schutzbach.

An der Sekundarschule ist es umgekehrt

Genau umgekehrt verhält sich die Sache an der nächsten Stufe, der Sekundarschule. Hier nutzen mehr Mädchen die Möglichkeit von Förderangeboten am Gymnasium, allerdings sind die Zahlen deutlich tiefer und damit wohl weniger aussagekräftig. «Eine wissenschaftliche Erklärung für diesen Unterschied ist dem Regierungsrat nicht bekannt», heisst es in der Antwort der Regierung. Auf Anfrage der «Schweiz am Wochenende» bekräftigt Volksschulleiter Dieter Baur aber, man werde sich mit den Ergebnissen auseinandersetzen «und eine Ursachenforschung betreiben».