Analyse zum Basler Münsterjubiläum
Alles, was Gold ist, glänzt – der Nebel der Geschichte bleibt

Man kann und soll sich von dem Prunk der Kunstobjekte im Historischen Museum blenden lassen, aber man sollte auch hinter die Exponate blicken. Denn die Kunstwerke sind historisch gesehen äusserst komplex, schreibt bz-Chefredaktor Patrick Marcolli.

Patrick Marcolli
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Wettsteinbrücke im Nebel.JPG

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Es ist ein diffuses Bild, das die Feierlichkeiten zu «1000 Jahre Basler Münster» bisher abgegeben haben. Hier und dort eine Monografie zum Baudenkmal, hier und dort eine kleine Ausstellung, ein Theaterstück, daneben Konzerte, Gespräche. Das Programm wirkt übers Ganze betrachtet recht unkoordiniert und mittelmässig vermittelt. Überstrahlt wird dies alles aber nun von der Ausstellung «Gold & Ruhm» des Historischen Museums. Das Jubiläumsjahr findet hier, in den neuen Räumlichkeiten des Kunstmuseums, zweifelsohne seinen Kulminationspunkt. Neben der goldenen Altartafel aus dem Münsterschatz verblasst sowieso alles.

Natürlich kann und sollte man sich einen Moment blenden lassen von diesen fantastischen Objekten, die ein Stück weit den Reichtum dieser Stadt in ihren Anfängen repräsentieren. Wer genau hinschaut und quasi hinter die Exponate blicken möchte, der sieht sich aber vor einige Schwierigkeiten gestellt. So leicht «Gold & Ruhm» wegen der vielen Prunkstücke des mittelalterlichen Kunsthandwerks zum Publikumsrenner werden wird, so komplex ist historisch gesehen das, was dort gezeigt wird. Die erste Erkenntnis aus einem Rundgang kann eigentlich nur sein: 1000 Jahre sind unendlich weit weg. Zwar können wir, wie das Museumsdirektor Marc Fehlmann gestern in der Manier des meisterlichen Causeurs vor den Medien getan hat, eine Linie ziehen zwischen dem Basel von damals und der Stadt von heute. Heinrich II. hat mit seiner Politik massgeblich dazu beigetragen, dass aus einer unbedeutenden Ansammlung von Häuslein am Rheinknie langfristig eine vor allem kulturell und wirtschaftlich mittelmächtige Stadt wurde. Doch erstens gibt es in der Geschichte keine Zwangsläufigkeiten. Die Linie, die wir von damals zu heute zeichnen, kann also höchstens aus einer Reihe von einzelnen Punkten bestehen, und gerade ist sie sowieso nicht, sondern macht Kurven und Schlenker. Zweitens wirft die Ausstellung ein Schlaglicht auf eine Zeit, die aus heutiger Sicht und ohne grosse Vorkenntnisse nur sehr schwer verständlich ist. Religion und Machtpolitik waren aufs Engste verflochten. Die Weltsicht der Menschen im späten Frühmittelalter ist hinter dem Nebel der 1000 Jahre nur schemenhaft erkennbar. Darüber können die glitzernden Edelsteine und das viele Gold nicht hinwegtäuschen.

Im Grunde also ist für uns die Zeit, in der das Basler Münster geweiht wurde, ein glitzerndes Rätsel. Das ist faszinierend und darf auch so bleiben. Dass das Jubiläumsjahr selbst mit den zig Veranstaltungen so diffus bleibt, ist hingegen ein kleines Ärgernis.

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