Nischenplayer mit Charme

Bei den Verkaufszahlen kommt der Jaguar XE kaum gegen die deutsche Konkurrenz an. Ob es auf der Strasse anders ist, zeigt die Testfahrt.

Philipp Aeberli
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Jaguar XE

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Bild: HO

Die automobile Mittelklasse ist fest in deutscher Hand: BMW 3er (1163 Stück per Ende Juni 2020), Mercedes C-Klasse (1146 Stück), VW Passat (746 Stück) und Audi A4 (610 Stück) geben hier den Ton an.

Dagegen ist der Jaguar XE ein echtes Nischenprodukt; gerade einmal 36 Stück wurden in der ersten Jahreshälfte zugelassen. Der grosse Rückstand lässt sich vor allem dadurch erklären, dass es den Briten nur als Limousine zu kaufen gibt. Gerade in der Mittelklasse sind Kombis hierzulande sehr beliebt, was sich zum Beispiel an den Verkaufszahlen von Volvo S60 und V60 ablesen lässt, die ebenfalls in dieser Klasse um Käufer buhlen. Während die Limousine S60 im ersten Halbjahr nur 39-mal zugelassen wurde, waren es beim Kombi V60 deren 557. Für einen grossen Erfolg hierzulande fehlt es dem Jaguar XE sicherlich an einem Kombiheck – denn ansonsten kann der Brite fast alles bieten, was in dieser Klasse üblich und gefragt ist. Das zeigt sich schon bei der Auswahl der Antriebe. Hier beschränkt sich Jaguar auf Vierzylindermotoren, die mit automatischem Getriebe, Hinterrad- oder Allradantrieb zu haben sind.

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Objektiv kein Verzicht

Zum Test tritt der XE mit der Topmotorisierung an – mit Ausnahme des sündhaft teuren «Project8» mit V8-Motor. Der 2-Liter-Vierzylinder leistet im «P300 AWD» 300 PS und 400 Nm Drehmoment, per 8-Gang-Automatik und Allradantrieb kommt die Kraft sicher auf die Strasse.

Für solche Leistungswerte wäre noch vor wenigen Jahren ein V6-Motor bemüht worden. Doch dank moderner Turbotechnik ist auch der Zweilitermotor der knapp 1,7 Tonnen schweren Limousine mehr als gewachsen. Der Antrieb wirkt im XE sehr stimmig; er baut ohne störende Verzögerung Druck auf und fällt im Alltag kaum durch Geräusche und Vibrationen auf. Auch das Zusammenspiel mit der Getriebeautomatik funktioniert einwandfrei, sodass man kaum das Bedürfnis verspürt, die Gänge manuell über die grossen Schaltwippen am Lenkrad zu wechseln.

Schon die Aussenansicht macht aber klar, dass die britische Limousine mehr sein will als nur ein unscheinbarer Alltagsgleiter. Innen findet man gut konturierte Sportsitze mit tiefer Sitzposition, ein griffiges Lenkrad und klassische Rundinstrumente auf dem digitalen Tachodisplay. Die so geweckten Erwartungen auf emotionale Fahrfreude kann der Vierzylinder aber nicht vollends einlösen. Die Kraftentfaltung wirkt sehr linear und der Klang bei höheren Drehzahlen eher rau; das täuscht darüber hinweg, dass der XE durchaus flott unterwegs sein kann; der Sprint auf 100 km/h gelingt in zügigen 5,7 Sekunden.

Zu den sportlichen Fahrleistungen passt die Abstimmung von Lenkung und Fahrwerk. Der XE wirkt sehr gut ausbalanciert und handlich. Er lenkt präzise und willig in Kurven ein und gibt sich dabei stets kontrolliert und sicher. Wenn es um Fahrfreude auf kurvigen Strecken geht, kann es der Jaguar auf jeden Fall mit dem Klassenprimus in dieser Disziplin aufnehmen: dem 3er von BMW.

Nachsitzen muss der XE dafür, wenn es um Effizienz geht. Der Werksverbrauch von 9,7 l/100 km ist für ein Auto dieser Grössen- und Leistungsklasse definitiv zu hoch. Im Test mit hohem Landstrassen- und Autobahnanteil kommt der Turbomotor auf einen Durchschnittsverbrauch von 8,9 l/100 km, womit er die Werksangabe erfreulicherweise unterbietet. Selbst mit sehr vorausschauender Fahrweise sind weniger als 8 l/100 km aber kaum möglich.

Hübsch und übersichtlich

Im Innenraum fühlt man sich auf Anhieb wohl. Das liegt nicht zuletzt am einzigartig gestalteten Armaturenbrett. Es zieht sich mit einem eleganten Bogen zwischen den A-Säulen auf. Das sorgt für ein sportliches Raumgefühl – und lässt die Limousine kompakter wirken. Hinzu kommen gut ablesbare Digitalinstrumente und das grosse Touchscreen-Infotainment in der Mittelkonsole. Das System überzeugt mit gestochen scharfer Darstellung und schneller Reaktion. Nach kurzer Eingewöhnung findet man sich hier gut zurecht; vor allem praktisch ist die Smartphoneintegration über AppleCarPlay oder Android Auto: Der Inhalt vom Telefon wird grossflächig dargestellt, so dass man Navigation und Musik einfach und schnell nutzen kann. Für Musikliebhaber empfiehlt sich indes das optionale Meridian-Soundsystem mit 17 Lautsprechern und 825 Watt Gesamtleistung (Aufpreis je nach Ausstattungslinie 1180 oder 2140 Franken).

Nicht günstig – aber preiswert

Freilich ist auch die kleinste Jaguar-Limousine kein billiges Auto; gemessen am gebotenen und an der hochwertigen Ausstrahlung des XE ist der Grundpreis von 49 900 Franken (180 PS Diesel) aber durchaus fair. Der getestete P300 AWD kostet in der höchsten Ausstattungsstufe «R-Dynamic HSE» ab 69400 Franken, bringt dann aber auch schon zahlreiche Komfortaustattungen wie Leder-Interieur, Keyless-System oder 360-Grad-Kamera mit. Damit ist der XE keineswegs teurer als die deutsche Konkurrenz – aber auf jeden Fall eine Spur extravaganter und auf unseren Strassen deutlich seltener, was den Jaguar exklusiver macht.

Jaguar XE P300 4WD

Motor: 4 Zyl. Benzin, 1997 cm3

Leistung: 300 PS/400 Nm

Antrieb: Aut. 8-Gang, 4×4

L×B×H: 4678×1967×1425 mm

Kofferraumvolumen: 410 l

Gewicht: 1690 kg

0–100 km/h: 5,7 Sek.

Vmax: 250 km/h

Verbrauch Werk/Test: 9,7/8,9 l/100 km

Preis: ab 58200 Franken