Kia EV6
In neuen Sphären

E-Autos hat Kia schon länger im Angebot. Mit dem EV6 stösst der südkoreanische Hersteller aber in andere Dimensionen vor.

Philipp Aeberli Jetzt kommentieren
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Der Kia EV6 überzeugt bei der ersten Testfahrt: Der angegebene Werksverbrauch von 17,2 kWh/100 km erscheint durchaus realistisch.

Der Kia EV6 überzeugt bei der ersten Testfahrt: Der angegebene Werksverbrauch von 17,2 kWh/100 km erscheint durchaus realistisch.

Bild: zVg

Mit der aktuellen Bewegung hin zur E-Mobilität müssen sich viele Hersteller in komplett neue Gefilde wagen. Kia kann hingegen, wenn es um batterieelektrische Antriebe geht, bereits auf Erfahrung zurückgreifen. Mit dem e-Soul und dem e-Niro haben die Koreaner schon elektrisch unterwegs, bevor dies aufgrund der gesetzlichen Vor-aussetzungen gewissermassen unumgänglich war.

Seit 2014, als der erste e-Soul auf den Markt kam, hat sich bei der E-Auto-Technik einiges getan. Der wohl wichtigste Unterschied: Wurde bei Modellen wie dem e-Soul noch die Grundarchitektur eines konventionell angetrieben Autos mit elektrischen Komponenten versehen, bauen die E-Fahrzeuge der neuesten Generation nun auf eigenständigen Plattformen auf. So können die Ingenieure grössere Akkupakete unterbringen und diese optimal im Unterboden verstauen. Das sorgt für bessere Fahreigenschaften – und lässt den Designern mehr Freiheiten bei der Gestaltung. Nur so ist es möglich, den Vorteil der kompakteren Antriebseinheiten auszunutzen und mehr Platz im Innenraum zu schaffen. Beim neuen EV6, der auf der modularen «E-GMP»-Plattform der Hyundai Motor Group aufbaut, wird dies auf den ersten Blick am langen Radstand sichtbar: Vorder- und Hinterachse stehen in einem Abstand von 2,90 Metern. Zum Vergleich: Ein Skoda Octavia ist nur rund einen Zentimeter kürzer als der neue Stromer von Kia; beim Radstand fehlen ihm aber gut 23 Zentimeter!

Konkret bedeutet das: Die Räder wurden weit in die Ecken des Autos gedrückt, im Innenraum bleibt mehr Platz für Passagiere und Gepäck. Das äussert sich im EV6 vor allem mit äusserst grosszügigem Rauman-gebot in der zweiten Sitzreihe – und trotzdem noch ansehn-lichem Kofferraumvolumen. Unter der vorderen Haube gibt es beim Kia nur ein kleines Staufach – immerhin genug, um die Ladekabel und den Adapter unterzubringen, mit dem das E-Auto zum mobilen Stromspeicher werden kann. So kann man aus dem Akku des EV6 einen Raclette-Ofen oder einen Rasenmäher betreiben – oder auch ein anderes E-Auto oder ein E-Bike aufladen.

Hochspannung im Unterboden

Ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal der neuen Plattform, die der Kia nutzt, ist die hohe Spannung in den Akkus. Statt der in E-Autos üblichen 400 Volt arbeitet das System mit bis zu 690 Volt. Kurz zusammengefasst bietet die höhere Spannung den Vorteil, dass in den Leitungen weniger Verlustleistung und damit weniger Hitze entsteht. Es kann also sowohl beim Laden, als auch beim Entladen mehr Energie übertragen werden – und es wird keine Energie in Form von unnötiger Erwärmung der Komponenten verschwendet. Für den E-Auto-Alltag heisst das: geringerer Verbrauch und schnelles Laden, sofern man eine Ladestation mit 800-Volt-Technik ansteuert. Dann lädt der EV6 mit bis zu 240 kW, in nur 18 Minuten ist der Akku von 10 auf 80% geladen.

Zusammen mit der hohen Reichweite (528 km bei der Variante mit Heckantrieb, bis 506 km beim 4×4) macht das den Stromer zum guten Reisewagen, wozu nicht nur das Platzangebot, sondern auch die gute Schallisolierung und die fein abgestimmte Federung passen. Der Verbrauch wird bei konstanter Fahrt reduziert, indem der Antrieb wenn immer möglich ausschliesslich über die Hinterachse erfolgt. Der Motor an der Vorderachse wird dann nicht nur stromlos geschaltet, sondern auch mechanisch entkoppelt, um den Rollwiderstand zu verringern.

Wenn es um die Mechanik geht, hat Kia mit dem futuristisch gezeichneten Crossover also ganze Arbeit geleistet – zumal er nicht nur komfortabel gleiten kann, sondern auch auf kurvigen Strecken handlich und erfreulich fahraktiv wirkt. Mindestens genauso wichtig ist aber bei einem modernen Auto – gerade mit elektrischem Antrieb – die digitale Seite. So bietet der Kia zahlreiche Fahrerassistenzsysteme bis hin zum teilautomatischen Fahren auf der Autobahn und einen sehr modernen Innenraum. Hier beeindruckt der EV6 auf den ersten Blick mit seinen zwei gebogenen 12,3-Zoll-Displays, die sich vor dem Fahrer aufspannen. Hinzu kommt ein grosses Head-up-Display, was vor allem für die Navigation eine angenehme Ergänzung ist.

Cockpit mit bequemen Sitzen und grossem Touchscreen. Bei der Software ist noch Luft nach oben.

Cockpit mit bequemen Sitzen und grossem Touchscreen. Bei der Software ist noch Luft nach oben.

Bild: zVg

Insgesamt wird das Bediensystem dem modernen Anspruch des EV6 leider nicht ganz gerecht. Die Bedienung über den Touchscreen wirkt teilweise unnötig kompliziert und nicht ganz flüssig. Zudem kann das Navi benötigte Ladestopps nicht automatisch einplanen. Hier muss man sich entweder selber informieren – oder für externe Apps das Smartphone nutzen.

Kia bietet den EV6 indes mit zwei Akkugrössen – 58 oder 77,4 kWh – mit Heck- oder 4×4-Antrieb an. Für die Schweiz wird das getestete 4×4-Modell mit 325 PS wohl die beliebteste Version darstellen, ein Topmodell mit 585 PS und Allrad folgt 2022, die übrigen Versionen sind ab sofort verfügbar – schon ab 49950 Franken.

Heck mit hoher Abrisskante und geräumigem Kofferraum.

Heck mit hoher Abrisskante und geräumigem Kofferraum.

Bild: zVg

Kia EV6 LR AWD

Motor: 2× E-Maschine

Leistung: 325 PS/605 Nm

Antrieb: Aut. 1-Gang, 4×4

L×B×H: 4680x1880x1550 mm

Kofferraum: 480–1300 l

Gewicht: 2188 kg

0–100 km/h: 5,2 Sek.

Vmax: 185 km/h

Reichweite WLTP: 506 km

Preis: ab 60950 Franken

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