Der erste Elektro-Chinese rollt über Schweizer Strassen – Wir haben ihn getestet

Auch E-Autos werden immer günstiger. Eines der preiswertesten ist das chinesische Klein-SUV JAC e-S2.

Bruno Knellwolf
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Der JAC e-S2 hat eine Reichweite von 275 Kilometern und eine Leistung von 115 PS.

Der JAC e-S2 hat eine Reichweite von 275 Kilometern und eine Leistung von 115 PS.

Bild: Bruno Knellwolf

Da steht es, das erste chinesische Elektroauto, das in der Schweiz zu kaufen ist: Ein JAC e-S2. Ein Auto aus China? Der traditionelle Autoliebhaber rümpft die Nase. Als Kopisten europäischer Modelle verschrien, hatten chinesische Autobauer bis anhin in Europa nicht den besten Ruf. Inzwischen haben die Chinesen aber sogar die renommierte Marke Volvo übernommen, lassen diese aber in Ruhe in Schweden ihre Autos bauen. Und auch der chinesische Autohersteller JAC ist mit dem Volkswagen-Konzern verbandelt. JAC steht für Anhui Jianghuai Automobile Co. und produziert seit 1964 Fahrzeuge: Lastwagen, Nutzfahrzeuge, SUVs und­Limousinen. Und seit neuerem auch Elektroautos wie den JAC e-S2.

Diesen importiert der Aargauer Autohändler Kunz AG in die Schweiz. Also nichts wie rein gesessen. Stromautos sind noch sehr selten auf unseren Strassen, eines aus China ist somit gar eine Exklusivität. Zudem ist der JAC e-S2 eines der günstigsten Elektroautos in der Schweiz, sieht man von den elektrischen Kleinwagen ab. 29989 Franken steht unübersehbar auf dem Blech.

Fünf Menschen – einer davon sollte ein Kind sein – finden im 4,14 Meter langen Auto Platz und sehen ein schlichtes Cockpit: Wenige Knöpfe und Schalter und ein Display, auf dem die Fahrinformationen wie Batteriestand und Reichweite abgebildet sind. Elektroautofahren für Anfänger: Wer sich dieses Auto kauft, braucht keine Stundenlangen Informationen des Händlers. Im Interieur dominieren Hartplastik, einfaches Leder und dazu Elemente in Chrom- und Aluminium-Optik.

Funktionales Cockpit ohne Schnörkel im chinesischen Elektroauto.

Funktionales Cockpit ohne Schnörkel im chinesischen Elektroauto.

Bild: Bruno Knellwolf

115-PS-Elektroantrieb mit Lithium-Ionen-Batterie

Auf Knopfdruck ist der Elektromotor bereit. Und bald legen sich allfällige Zweifel – der 1460 Kilogramm schwere JAC e-S2 beschleunigt stufenlos in Sekundenschnelle. Natürlich drückt es einen beim Beschleunigen nicht in den Sessel wie in einem Tesla. Das ist zum einen gar nicht nötig und zum anderen entspricht der Antritt europäischer Norm. Frei von Motorenlärm, dreht der 115-PS-Elektroantrieb schnell nach oben bis auf eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h. Dabei liegt das Auto gut in der Spur, auch in der Kurve. Entscheidend ist die Reichweite und dabei zeigt sich im Test, dass für die Reise von Wohlen bis an den Bodensee genug Energie zur Verfügung steht. Nach dem WLTP-Messverfahren reicht eine Batterieladung für 275 Kilometer, was aufgrund des Tests realistisch erscheint. Fahrstil, Aussentemperatur und Geschwindigkeit wirken sich wie bei allen Elektroautos auf die Reichweite aus.

Die Energie stammt von einer 40- kWh-Lithium-Ionen-Batterie, die auch mit der normalen Steckdose aufgeladen werden kann. Das dauert dann allerdings elf Stunden. Wer eine Wallbox in seiner Garage montiert hat, füllt die Batterie in fünf Stunden.

Die Klappe öffnet sich auf Knopfdruck: Das Laden an der Haushalts-Steckdose dauert elf Stunden, an der Wallbox fünf Stunden.

Die Klappe öffnet sich auf Knopfdruck: Das Laden an der Haushalts-Steckdose dauert elf Stunden, an der Wallbox fünf Stunden.

Bild: Bruno Knellwolf

Nicht alles entspricht europäischem Standard. Die Soundanlage auf keinen Fall – zumindest ein DAB-Radio soll aber bald dazukommen. Und auch die Klimaanlage ist nicht über alle Zweifel erhaben. Da ist die Konkurrenz aus Südkorea deutlich weiter und ein ­Hyundai Kona electric ist auch vom Preis her nicht weit entfernt. Ansonsten ist die Standardausrüstung des chinesischen Elektroautos recht umfassend. Der Bluetooth-Anschluss fürs Smartphone funktioniert bestens, im Retourgang wird ein 360-Grad-Bild der Umgebung aufs Display gezaubert. Eine Navigation hat der JAC nicht, die kann aber über die Mirror-Link-Funktion über das Smartphone auf den Bildschirm gespiegelt werden. Legt man den Rückwärtsgang ein, erklingt ein Glockengeräusch, um Fussgänger zu warnen. Zu sagen ist, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis bei diesem Elektroauto stimmt.

Elektroautos in dieser Preisklasse, egal ob aus China oder nicht, werden für die weitere Entwicklung des Elek­tromarkts entscheidend sein. Überhaupt in Schwung gebracht hat diesen Elon Musk mit seinen leistungsstarken Teslas, die bis sechs Mal so teuer sind wie ein JAC e-S2. So wurde das Elek­troauto in der Diskussion generell als Fahrzeug für Sehr-gut-Verdiener bezeichnet, die ihr ökologisches Gewissen locker übers Portemonnaie erleichtern konnten. Der Preis ist mit ein Grund, dass auf den Schweizer Strassen immer noch sehr wenige Elektroautos fahren, obwohl die Betriebskosten eines Stromautos deutlich tiefer sind als beim Verbrennerauto.

Doch die Autobauer sind gezwungen, Elektroautos zu verkaufen, um mit ihrer Flotte die CO2-Grenzwerte nicht zu überschreiten. Ansonsten drohen saftige Strafen. Diese sind in den nächsten Jahren bei vielen Herstellern nicht zu vermeiden, aber mit einem grösseren Anteil an Stromautos kann die CO2-Strafe zumindest reduziert werden. Das geht nicht ohne günstige E-Modelle, die es inzwischen von mehreren Anbietern gibt. Ein bisschen auch von Tesla mit dem Model 3, das ab 44990 Franken zu haben ist und mit dem man laut WLTP 409 Kilometer weit kommt.

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