KANTON ST.GALLEN: Viktor, der Callboy mit Gütesiegel: "Viele Frauen kommen sexuell zu kurz"

Viktor – ein Callboy mit Gütesiegel – bietet seit zwei Jahren seine Dienste an. Mit seiner Nebentätigkeit habe er viel über Frauen gelernt, sagt er. Und: "Man sollte immer das tun, worauf man Lust hat, Ausprobieren gehört zum Leben." Doch auch er hat Grenzen.

Mengia Albertin
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"Ich bin einfach ein spezieller Typ", sagt Callboy Viktor über sich selbst. (Bild: Mengia Albertin)

"Ich bin einfach ein spezieller Typ", sagt Callboy Viktor über sich selbst. (Bild: Mengia Albertin)

600 Franken für drei Stunden, 1200 Franken kostet die ganze Nacht, ein ganzes Wochenende ist Verhandlungssache: Callboy Viktor wohnt in der Region Werdenberg, beglückt professionell Frauen aus der ganzen Schweiz, Deutschland und Österreich und verdient so ­einen schönen Batzen. Ein Traum, könnte man denken – Sex haben und auch noch dafür bezahlt werden. Wer jedoch "nur" für diese Dienste bezahlt werden möchte, zieht schnell den Schwanz ein. "Einige interessierte Männer rufen mich für Informationen an. Wenn sie dann hören, worum es im Job wirklich geht, hat der Grossteil kein Interesse mehr", sagt der 29-jährige Viktor.

"Ich hatte schon Erfahrung mit älteren Frauen"

"Ein Grossteil der Männer ist beim Sex auf sich fixiert und nach dem eigenen Höhepunkt ist der Sex vorbei." Genau darum ginge es in seinem Job eben nicht. Die Frau soll verwöhnt werden und voll und ganz auf ihre Kosten kommen. Ein Callboy muss humorvoll, selbst­bewusst und zuvorkommend sein, findet er. "Ich sehe an jeder Frau etwas Schönes und sage ihr das auch." Die "Schuld" für unzufriedene Frauen in der Partner­schaft ist laut Viktor aber nicht nur bei den Männern zu suchen, sondern auch bei fehlender Experimentierfreudigkeit. "Es ist normal, dass das Sexualleben mit der Zeit monoton wird. Da muss man offen sein."

Vor zwei Jahren stiess der Deutsche per Zufall im Internet auf ein Video über Callboys. Er suchte nach mehr Informationen und fand dabei die Homepage von "Callboy-Schweiz". Eine Nacht darüber zu schlafen reichte aus und Viktor war sich sicher, das Callboy-Leben ausprobieren zu wollen. Den Grossteil seiner sexuellen Erfahrungen hat er zu diesem Zeitpunkt mit älteren Frauen gesammelt. Nach einem Gespräch mit dem Inhaber der Seite meldete er sich an. Zwei Wochen später kontaktierte ihn die erste Kundin. "Ich bot ihr ein unverbindliches Kennenlern-Treffen in meiner Nähe an. Nachdem wir uns beim Plaudern in einem Café persönlich kennen gelernt hatten, war meine erste Buchung sicher." Der erste "Kundenkontakt" fand dann wenige Tage später in einem Hotel statt. Das Ganze ging schnell und blieb Viktor nicht in besonderer Erinnerung. "Nervös war ich nicht, das bin ich nie", sagt er.
Mittlerweile ist er auf drei Callboy-Seiten angemeldet und hat eine eigene Homepage. An "Callboy-Schweiz" zahlt Viktor alle drei Monate einen Betrag zur Nutzung der Plattform. Zu den Treffen nimmt er jeweils seine "Ar­beitstasche" mit Outfits, Hygieneartikeln, Feuchttüchern, erotischem Spielzeug und ab und an einer Aufmerksamkeit für die Kundin mit. Von seinem Callboy-Dasein wissen die engsten Mitmenschen.

Callboy-Gütesiegel nach Coaching

Ein Grossteil der Kundinnen ist zwischen 25 und 50 Jahre alt und komme in ihrer Sexualität oft zu kurz, sagt Viktor. Ob die Damen verheiratet sind oder nicht, tut für ihn nichts zur Sache. "Bei ­einigen der Frauen weiss der Partner Bescheid. Diese Kundinnen sind einfach auf der Suche nach Spass." Kommt schlechtes Ge­wissen auf, wenn seinerseits Zuneigung vorge­spielt wird? "Ich gebe mich immer so, wie ich bin und spiele nichts vor. Das würde eine Frau merken", sagt der Callboy dazu bestimmt. Zwar versucht er ­jegliche Wünsche zu erfüllen, doch auch ein Profi-Liebhaber hat seine Grenzen: Frauen über 55 und keinesfalls Männer. Auch ­einen Auftrag einer Kundin, die zum ersten Mal Sex wollte, lehnte er schon ab. Seine Adresse und Arbeitsstelle gibt er ausserdem nie preis. "Man weiss nie, mit wem man zu tun hat."

"Callboy-Schweiz" bietet den angemeldeten Männern ein freiwilliges, kostenpflichtiges Coaching an. Dabei sollen sich die Callboys mit Themen wie "Authentizität, Gesundheit, Respekt, Leichtigkeit und Freude ausstrahlen", "delikaten Gefahren in diesem Beruf ausweichen" und "menschliche Reife und Qualität" befassen. Sie werden darüber unterrichtet, dass "Frauen anders denken und in ihrer Einzigartigkeit erkannt werden möchten". Wird das Coaching durchlaufen, erhalten die Callboys ein Güte­siegel, das auf der Website mit einem silbergrünen Herz verzeichnet ist. Ein Callboy mit Siegel ist dazu verpflichtet, regelmässige HIV-Tests abzugeben. "Wir wurden da­rin geschult, niemals ohne Schutz zu arbeiten und Geschlechtskrankheiten zu erkennen", erzählt Viktor, der ein Gütesiegel besitzt. "Wirkt etwas verdächtig, spreche ich die Frau da­rauf an, und einzelne Praktiken sind tabu oder wir brechen das Ganze ab."

Viktor ist übrigens nicht nur Callboy. Nebst seinen zwei bis fünf Terminen im Monat arbeitet er als Messtechniker in der Qualitäts­sicherung – auch in dieser Tätigkeit sei im Qualität sehr wichtig – und ist viel mit dem Motorrad, dem Mountainbike und den Ski unterwegs. "Die nächsten zehn Jahre möchte ich so ­weitermachen und keine Beziehung", sagt er. Und dann? "Also sicher die nächsten fünf Jahre, da bin ich mir sicher."