Kommentar

Schweizer Fussball-Nati: Mit dem ersten Schritt ist es nicht getan

Analyse zur Schweizer Nationalmannschaft nach der ersten Zusammenkunft seit der WM in Russland.
Christian Brägger, Leicester

Vladimir Petkovic: motiviert und fokussiert. (Bild: Toto Marti/Freshfocus (Leicester, 11. September 2018))

Sportredaktor Christian Brägger.

Das Schweizer Team hat keinen Schaden genommen, es funktioniert. Das ist die Erkenntnis nach den Pannen rund um die WM und nun den ersten Spielen danach. Die Schweizer haben in den vergangenen Tagen positive Signale gesetzt und das schiefe Bild, das von ihnen entstanden war, mindestens teilweise korrigiert. Es ist eine Art Empfehlungsschreiben, ihnen weiter zu vertrauen. Die Bestätigung des 6:0 gegen Island gelang im Test gegen England zwar nicht. Einmal mehr verloren die Schweizer gegen einen vermeintlich Grossen, der für das Freundschaftsspiel notabene sein B-Team berufen hatte.

Nach dem 0:1 in Leicester geht erst recht ein Lob an die Adresse der Uefa. Weil die Nations League mit Ernstkämpfen im Vergleich zu Testspielen geradezu wohltuend ist. Letztere führen, wie erlebt, zu regelrechten Wechselorgien und sind spätestens ab Mitte der zweiten Halbzeit nicht mehr zu bewerten. Dasselbe gilt für die Spieler, die dann eingewechselt werden. Welcher hat je diese Zeit für sich nutzen können? Der europäische Verband sollte reagieren und, wie es üblich ist, drei Wechsel erlauben. Er gäbe damit auch ein Zeichen an den Fan, der in England mindestens 60 Franken fürs Ticket bezahlte, die echte Ausgabe seiner Mannschaft aber nie sah.

Nach Island wollte Vladimir Petkovic nicht von einem Neuanfang sprechen. Dafür müsse man diesen Auftritt zuerst mehrfach bestätigen. Dennoch hat der Nationaltrainer für sich und die Spieler etwas Neues gestartet. Es war zu hören, dass Petkovic nach Russland nicht sicher war, ob er weitermachen wolle. Heute wirkt der Tessiner voll motiviert, fokussiert. Am vergangenen Mittwoch, nach der Aussprache zwischen Medien und Mannschaft, gab es in Feusisberg mit ihm diesen einen innigen Moment, den man sich öfter wünscht und den sein PR-Berater ihm ans Herz legen müsste: Petkovic verlor seine Scheu, wurde nahbar, plauderte ungefiltert – und öffnete sich für einige Minuten.

Der Trainer steht vor nächsten Hürden. War es bisher in der noch jungen Saison nicht so relevant, ob die Schweizer (Schär, Lichtsteiner, Embolo, Seferovic) in ihren Clubs Spielpraxis haben, so ist dies beim nächsten Zusammenzug in einem Monat schon entscheidender. Zudem steht Petkovic im Umgang mit Stephan Lichtsteiner kein einfacher Weg bevor – der Verteidiger ist der Captain und war für die aktuelle Verarbeitung der WM wichtig. Aber Lichtsteiner, ehrgeizig wie eh und je, sieht sein Leistungsniveau mit 34 Jahren nicht sinken – und hält trotz Verjüngung des Teams an seinem Status fest. Lichtsteiner muss trotz Vertrags mit Arsenal bei Petkovic aus Altersgründen irgendwann zum Thema werden. Wie gut kann der Verteidiger bei der EM in knapp zwei Jahren noch sein?

Petkovic testete gegen England die Dreierkette. Das gefiel. Will er sie weiter vorantreiben, dürfte es für Lichtsteiner nicht einfacher werden auf der Seite. Die Idee mit drei Innenverteidigern ist schon deshalb gut, weil die Schweiz mit der ewig gleichen Spielanlage – Viererkette und Ballbesitzfussball – durchschaubar geworden ist und variabler werden muss. Der Trainer sagt: «Die Dreierkette kann eine Variante A werden.» Bis es so weit ist, braucht es Geduld, Übung und die richtigen Spieler. Umso schwerer fällt ins Gewicht, dass der Trainingsalltag fehlt.

Ein Rätsel bleibt, weshalb es so lange gedauert hat, bis Xherdan Shaqiri in der Mitte spielen darf. War es zum Schutz von Blerim Dzemaili? Oder weil Breel Embolo rechts nicht der erwartete Faktor ist und Shaqiri notgedrungen auf dieser Position agieren musste? Gegen Island und England war Shaqiri (Petkovic: «Er kann den Unterschied ausmachen») der beste Schweizer auf dem Platz, lebendig, mit viel Lust. Solange der 26-Jährige richtig gut war, war auch die Schweiz richtig gut, was insgesamt ein wenig mehr als drei Halbzeiten macht. Das Herz der Mannschaft bleibt zwar Granit Xhaka, aber ohne Shaqiris Geistesblitze wird es für die Schweiz in Zukunft schwierig bleiben. In Leicester erhielt man überdies eine Ahnung, was es für ihn heissen muss, für Liverpool zu spielen, wo nur der Meistertitel gut genug ist. Alle britischen ­Medienleute wollten etwas von Shaqiri. Kann es vorkommen, dass er im Umgang mit der Schweizer Presse zuweilen die Contenance verliert oder öffentlich ins Fettnäpfchen tritt – selbst bei Entschuldigungsauftritten –, ist von der Insel in diesem Punkt nur Gutes zu berichten.

«Das Fazit ist positiv. Ich bin glücklich, sind die Tage so gut verlaufen», sagt Xhaka. Eine gewisse Erleichterung war beim Strategen spürbar. Endlich wurde vor allem wieder über Fussball geredet. Doch schon bald dürften Veränderungen anstehen, wenn Bernhard Heusler bei der Analyse der Verbandsstrukturen zum Schluss kommt, solche seien ­nötig. Wie sehr wird dies die A-Nationalmannschaft beeinflussen? Fürs Erste hat sie einen Schritt in die richtige Richtung getan, der aber nur etwas wert ist, wenn der nächste folgt. Es geht um die Kreditwürdigkeit, die sich Spieler und Trainer bewahren müssen, damit die Nationalmannschaft weiter der Schweiz gehört.