Frauensession
So sähe die Schweiz aus, wenn sie von Frauen regiert würde

246 Frauen, 2 Tage, 1 Ziel: An der Frauensession Ende Oktober sollen die Anliegen der Frauen Gehör finden. Geht es nach den vorberatenden Kommissionen, soll es unter anderem schon bald ein neues Bundesamt geben.

Chiara Stäheli

Zum 50-Jahr-Jubiläum des Wahl- und Stimmrechts für Frauen hat die Post eine Briefmarke herausgegeben.

Bild: Salvatore Di Nolfi / Keystone

Das Parlament diskutiert lieber über Wölfe als über den Elternurlaub oder Frauenmorde: So ähnlich formulierte die Berner GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy die mangelnde Berücksichtigung von Frauenthemen im Parlament einst in einem Zeitungsinterview. Doch machen Frauen tatsächlich anders Politik? «Ja», findet Sophie Achermann. Sie ist Geschäftsleiterin von Alliance F, dem grössten Frauendachverband der Schweiz. «Bis vor fünfzig Jahren wurden sämtliche politischen Entscheide von Männern gefällt. Nun wollen wir Frauen konkret aufzeigen, wo es im Bereich der Gleichstellung nach wie vor Handlungsbedarf gibt.»

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Frauensession
So sähe die Schweiz aus, wenn sie von Frauen regiert würde

246 Frauen, 2 Tage, 1 Ziel: An der Frauensession Ende Oktober sollen die Anliegen der Frauen Gehör finden. Geht es nach den vorberatenden Kommissionen, soll es unter anderem schon bald ein neues Bundesamt geben.

Chiara Stäheli

Zum 50-Jahr-Jubiläum des Wahl- und Stimmrechts für Frauen hat die Post eine Briefmarke herausgegeben.

Bild: Salvatore Di Nolfi / Keystone

Das Parlament diskutiert lieber über Wölfe als über den Elternurlaub oder Frauenmorde: So ähnlich formulierte die Berner GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy die mangelnde Berücksichtigung von Frauenthemen im Parlament einst in einem Zeitungsinterview. Doch machen Frauen tatsächlich anders Politik? «Ja», findet Sophie Achermann. Sie ist Geschäftsleiterin von Alliance F, dem grössten Frauendachverband der Schweiz. «Bis vor fünfzig Jahren wurden sämtliche politischen Entscheide von Männern gefällt. Nun wollen wir Frauen konkret aufzeigen, wo es im Bereich der Gleichstellung nach wie vor Handlungsbedarf gibt.»

Dafür ruft Alliance F gemeinsam mit Partnerverbänden die Frauensession ins Leben. Sie findet am 29. und 30. Oktober statt. An diesen beiden Tagen werden 246 Frauen aus der Schweiz in Bern den Nationalratssaal belegen, ihre Anliegen diskutieren und die Anträge aus den vorberatenden Kommissionen behandeln.

Zum zweiten Mal eine Frauensession nach 1991

An der Session mit dabei sind Frauen zwischen 17 und 82 Jahren aus allen Teilen der Schweiz. Sie konnten sich um einen der 200 freien Plätze bewerben, die restlichen 46 Plätze sind für ehemalige und amtierende National-, Stände- und Regierungsrätinnen vorgesehen. Die Wahl war für alle offen, abgestimmt haben rund 12'000 Personen. Und antreten durften auch Frauen ohne Schweizer Pass und unter 18 Jahren. Die Frauensession findet nach 1991 zum zweiten Mal statt, Anlass dafür bietet das 50-Jahr-Jubiläum des Frauenstimmrechts in der Schweiz.

Wer ist Alliance F?

Im Jahr 1900 gründeten etwas mehr als eine Handvoll Frauen in Bern den «Bund Schweizerischer Frauenvereine», seit 2001 tritt der Frauendachverband unter dem Namen Alliance f auf. Ziel des Vereins ist die Interessenvertretung der Anliegen der Schweizer Frauen in der Politik. Die überparteiliche Verbindung engagiert sich in den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik für die Gleichstellung der Geschlechter und sieht sich selbst als «Stimme der Frauen in der Schweizer Politik». Seit 2014 wird der Verein von Ständerätin Maya Graf (Grüne) und Nationalrätin Kathrin Bertschy (GLP) präsidiert, Sophie Achermann agiert als Geschäftsführerin.

Die Frauensession soll möglichst genauso funktionieren wie eine herkömmliche Session. Daher haben die rund 200 Frauen im vergangenen Monat an den Sitzungen der acht Kommissionen getagt und dort ihre Meinungen eingebracht. Daraus entstanden Vorschläge, die Ende Oktober unter den Parlamentsmitgliedern der Frauensession diskutiert werden.

So hat beispielsweise die Kommission für Digitalisierung eine Motion ausgearbeitet, in der gefordert wird, dass der Frauenanteil in den sogenannten MINT-Berufen bis 2030 auf 50 Prozent gesteigert werden soll. Zudem sollen mindestens zwölf neue Professuren in der Geschlechterforschung geschaffen werden. Die Kommission für Rechtsfragen fordert weiter, dass 0.1 Prozent des BIP für den Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt budgetiert werden soll, und die Ja-ist-Ja-Lösung – auch Zustimmungslösung – gesetzlich verankert wird.

Eine andere Forderung kommt aus der Kommission für Arbeit und Absicherung: Das eidgenössische Büro für Gleichstellung soll in ein Bundesamt für Gleichstellung und Familie umgewandelt werden. Zusätzlich soll ein Infrastrukturfonds für familienexterne Kinderbetreuungsangebote eingerichtet werden. Weiter fordern die Kommissionen unter anderem die Einführung des Stimm- und Wahlrechtes auf nationaler Ebene für Personen, die seit mindestens fünf Jahren in der Schweiz wohnen, sowie verschärfte Lohnkontrollen oder einen Elternurlaub.

Petitionen werden ans Parlament übergeben

Die Organisatorinnen verfolgen mit der Frauensession insbesondere ein Ziel: «Wir wollen die wichtigsten Anliegen der Gleichstellungsbewegung in das Parlament tragen», so Achermann. Frauen seien noch immer in vielen Bereichen benachteiligt. Dieser Ungleichheit soll mit der Frauensession und den daraus resultierenden Anträgen an das Parlament entgegengewirkt werden. Denn nach den Abstimmungen im Plenum an der Frauensession werden die Vorschläge der Kommissionen in Petitionen umgeschrieben und an Nationalratspräsident Andreas Aebi übergeben. Und zwar mit dem Ziel, dass die Petitionen von den institutionellen Kommissionen übernommen oder zumindest diskutiert werden.

«Wir wollen innovative Ansätze aufzeigen und das Parlament dazu anregen, Veränderungen anzugehen», sagt Teilnehmerin und FDP-Stadträtin in Bern, Claudine Esseiva. Denn die Schweiz hinke bezüglich Gleichstellung im internationalen Vergleich noch immer hinterher.

Ein Abbild der Schweizer Frauen?

Im Vorfeld der Veranstaltung wurde Kritik an der Zusammensetzung des Frauenparlaments laut. Dieses werde stark von rot-grünen Kreisen dominiert, bürgerliche Stimmen würden fehlen, so der Vorwurf. Dieser kommt nicht ganz von ungefähr, wie eine Analyse der Teilnehmerinnen zeigt: Von den 200 gewählten Frauen ist rund ein Fünftel aktives Mitglied der SP, viele gehören dem Frauenstreikkollektiv an oder engagieren sich in Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen.

Aus der FDP sind lediglich fünf Frauen vertreten, die offiziell der Partei angehören, aus der SVP gar keine. Achermann entgegnet der Kritik: «Wir haben bei der Anmeldung für die Frauensession die Parteizugehörigkeit nicht abgefragt.» Einen Grund für die vielen Teilnehmerinnen aus linken Kreisen sieht sie in der besseren Mobilisierung in gewissen Regionen.

Auch Claudine Esseiva, die nebst ihrer politischen Tätigkeit Co-Präsidentin der Business & Professional Women ist, sagt: «Die Profile der teilnehmenden Frauen sind sehr divers.» Klar seien Frauenthemen in linken Kreisen wohl stärker präsent. Doch: «Das ändert nichts an der Tatsache, dass auch die Frauen an der Session unterschiedliche Meinungen haben.»

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