Und die Welt steht still: Tod von Demenzkranken wird in St.Gallen zum Thema eines Musiktheaters

Demenzkranke am Ende ihres Lebens, ihre Lebensgeschichten und ihre Lieder, werden Teil eines Musiktheaters. Die Fachstelle Demenz der Fachhochschule St. Gallen bringt es im November zum ersten Mal in die Schweiz - in die Olma.
Christoph Zweili

Gesucht sind berührende Lebensgeschichten von Menschen mit Demenz aus der Region. (Bild: Urs Bucher)

Palliative Care, die «Letzte Hilfe» am Ende des Lebens, stellt Pflegende und Ärzte immer wieder vor grosse Herausforderungen. «Bei der Erarbeitung der nationalen Strategie wurden Menschen mit Demenz zu wenig eingebunden», sagt Thomas Beer, Dozent für Pflege und Pflegewissenschaft an der Fachhochschule St. Gallen (FHS). «Die Bedürfnisse von demenzkranken Menschen werden in Sterbehospizen und Palliativeinrichtungen in der letzten Phase ihres Lebens oft nicht erkannt und zu wenig berücksichtigt. Diese Menschen, die mit einer oder an einer Demenz sterben, brauchen eine spezifische Pflege und Betreuung.»

1100 Pflegende werden sich am 7. Demenzkongress vom 13. November in St. Gallen mit demenzkranken Menschen am Lebensende auseinandersetzen, Tagungsthema ist die «End-of-life-care» bei demenzkranken Menschen. Laut Heidi Zeller, Leiterin der 2014 gegründeten Fachstelle Demenz an der FHS, «geht es unter anderem darum, die Symbolsprache von sterbenden Menschen mit Demenz verstehen zu lernen. Und wie sich ihre Bedürfnisse in Pflegeheimen und Hospizen in dieser letzten Lebensphase umsetzen lassen.»

Musik von Menschen in ihrer letzten Lebensphase

Der Tod, das ist ein Thema, das wir gerne vermeiden oder auch aufschieben. Ganz besonders, wenn es um unseren eigenen geht. Der freischaffende Frankfurter Sozialpädagoge und Projektkünstler Stefan Weiller macht genau das Gegenteil: Er rückt den Tod in den Vordergrund. Der 48-Jährige will diese Distanz zu Menschen mit Demenz und Sterbenden auflösen und einen Blick in den Alltag von Menschen in ihrer letzten Lebensphase ermöglichen.

Der freischaffende Autor versteht sich als Geschichtensammler – seit 2010 führt er Gespräche mit sterbenden Menschen im Hospiz zur Musik ihres Lebens. Daraus entstanden ist das Projekt «Und die Welt steht still – Letzte Lieder und Geschichten», das er initiiert, konzipiert und mit grossem Erfolg in Deutschland arrangiert hat, zuletzt im Februar im deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

Die Geschichten, die Weiller aufschreibt, und die Lieder, die er mit seinen Gesprächspartnern hört, sind so vielfältig wie unsere Gesellschaft. Sie zeugen von Lebensfreude, aber auch von der Angst vor dem Sterben – und offenbaren, dass die letzte Lebensphase nicht immer nur Trauer, Stille und Krankheit, sondern auch Humor, Zuversicht, Liebe und Menschlichkeit bedeutet.

Zum ersten Mal in der Schweiz

Die Fachstelle Demenz an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in St. Gallen setzt dieses preisgekrönte Projekt nun erstmalig in der Schweiz um. Am 12. November, dem Vorabend des Demenzkongresses, findet auf dem Olmagelände eine öffentliche Aufführung statt, der Anlass wird gefördert von der Ria & Arthur Dietschweiler Stiftung. Dafür sammelt Weiller Lebensgeschichten von Menschen aus der Region St. Gallen, die in ihrer letzten Lebensphase in Hospizen, Pflegeheimen, Spitälern und von ambulanten Hospizdiensten begleitet werden. Ihre musikalischen Erinnerungen, die für sie im Leben bedeutsam waren, fliessen direkt ins Konzert ein.

Was dabei entsteht, ist eine Art «Soundtrack am Ende des Lebens», wie ihn der Autor bezeichnet. Umgesetzt wird das zweistündige dokumentarische Projekt mit einem Projektchor sowie professionellen Musikerinnen, Sängern und Schauspielern. Entstehen wird eine Aufführung zwischen Dokumentation, Kunst, Theater und Musik. Ein Projekt, das Menschen, die mit der Endlichkeit ihres Lebens konfrontiert sind, die Möglichkeit gibt, sich an einem Kunstprojekt zu beteiligen, das sich dem Leben – ihrem Leben – widmet und der Frage nach Lebensqualität in der letzten Lebensphase nachspürt.

«Der Zeitplan ist ehrgeizig», sagt Beer.

«Wir suchen aktuell Menschen, die ihre Lebensgeschichten für die St.Galler Aufführung erzählen. Die ersten zwei dieser Geschichten wollen wir bis im Juni zusammen haben.»

Vier dieser Lebensgeschichten will Weiller mit der entsprechenden Musik in seine regionale Aufführung einbringen, ergänzt mit weiteren aus seinem Fundus – «niemand kann somit im voraus sagen, wohin die musikalische Reise gehen wird. Die Lieder sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie sich gewünscht haben: Sie reichen von Herbert Grönemeyer und Johnny Cash über Whitney Houston bis hin zu La Traviata, Schlager und Rock’n’Roll», sagt Zeller.

Ehrenamtliche Mitwirkung am Projekt

Wer einen traurigen Abend erwartet, läuft Gefahr, im November enttäuscht zu werden: Gut möglich, dass sich die Zuschauer zum Schluss in diesem soziokulturellen Gesamtwerk in einem Gefühlschaos wiederfinden. «Bis auf die Berufsmusiker arbeiten alle Beteiligten ehrenamtlich am Projekt mit», sagt Beer.

«Dieser Milizgedanke ist auch dem Autor wichtig. Mit dem Eintritt werden lediglich die Unkosten gedeckt.»

Ins Projekt mit eingebunden sind die ortsansässige Alzheimervereinigung, das Bürgerspital St. Gallen, und der Hospiz-Dienst St. Gallen und Rheintal sowie die Palliativstation des Spitals Walenstadt und Spitexorganisationen.