Grenzerfahrung
St.Galler Yogalehrer lädt zum morgendlichen Eisbaden auf Drei Weieren: «Den Mutigen gehört die Welt!»

Unerschrockene Eisschwimmer tummeln sich in den Drei Weieren: Yogalehrer Dimitrij Itten und andere körperbewusste St.Galler frönen dem Eisbad. So holt man sich den Adrenalinkick in Coronazeiten.

Melissa Müller

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«Das ist mein Weg, mich selbst zu heilen»: Dimitrij Itten schätzt die Drei Weieren auch im Winter.

Bild: Sara Spirig

Ein Mann meditiert in einem Eisloch im zugeschneiten Weiher, die nackten Arme aufs Eis gelegt, die Augen geschlossen. Umgeben von Kälte, ist er ganz bei sich. Der St.Galler auf dem Bild ist Yogalehrer Dimitrij Itten. Er hat auf Facebook damit die Aufmerksamkeit auf sich gezogen: 336 Likes, 65 Kommentare. Es regnete Herzen und Kommentare wie: «You rock» oder «Den Mutigen gehört die Welt». Einige loben aber auch seinen Mut, sich öffentlich zu psychischen Problemen zu bekennen.

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St.Galler Yogalehrer lädt zum morgendlichen Eisbaden auf Drei Weieren: «Den Mutigen gehört die Welt!»

Unerschrockene Eisschwimmer tummeln sich in den Drei Weieren: Yogalehrer Dimitrij Itten und andere körperbewusste St.Galler frönen dem Eisbad. So holt man sich den Adrenalinkick in Coronazeiten.

Melissa Müller

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«Das ist mein Weg, mich selbst zu heilen»: Dimitrij Itten schätzt die Drei Weieren auch im Winter.

Bild: Sara Spirig

Ein Mann meditiert in einem Eisloch im zugeschneiten Weiher, die nackten Arme aufs Eis gelegt, die Augen geschlossen. Umgeben von Kälte, ist er ganz bei sich. Der St.Galler auf dem Bild ist Yogalehrer Dimitrij Itten. Er hat auf Facebook damit die Aufmerksamkeit auf sich gezogen: 336 Likes, 65 Kommentare. Es regnete Herzen und Kommentare wie: «You rock» oder «Den Mutigen gehört die Welt». Einige loben aber auch seinen Mut, sich öffentlich zu psychischen Problemen zu bekennen.

Herzrasen in der Nacht

Denn Dimitrij Itten stellt sich nicht als Superman dar. Er leide seit frühester Jugend unter Panikattacken, lässt er seine Facebook-Freunde wissen. Zwischen 2013 bis 2016 sei er von Depressionen und Schlaflosigkeit heimgesucht worden. Er hatte Angst vor dem Einschlafen, vor dem Moment, sich fallen zu lassen. Einmal erwachte er mitten in der Nacht mit Herzrasen und riss aus Panik die Bilder von den Wänden.

In Indien liess er sich später zum Yogalehrer ausbilden und entdeckte dabei seine starke, lebenslustige Seite wieder. «Ich lernte, meine dunkle Seite zu akzeptieren. Meine Ängste und meine Verletzlichkeit», schreibt der Sohn des Psychotherapeuten Theodor Itten auf Facebook.

Velokurier, Vater, Gin-Festival-Gründer

Dimitrij Itten fand in den darauffolgenden Jahren zu neuer Stärke, nichts habe ihn mehr bremsen können. Er wurde Vater, Velokurier, gründete ein Yogastudio, stellte ein Gin-Festival auf die Beine und begann mit dem Eisbaden. Er sagt:

«Das Eisschwimmen nimmt mir meine Ängste, konfrontiert mich aber zugleich auch damit.»

Im Eis habe er die Angst unter Kontrolle. Das sei sein Weg, sich selbst zu heilen.

Wer sich mit der Kälte anfreundet, wird mit guter Laune belohnt.

Bild: Sara Spirig

Das klingt so vielversprechend, dass es ihm manche nachtun wollen. An einem nassgrauen Wintermorgen leitet er fünf Yogaschüler dazu an. Sie rollen ihre Yogamatte auf den Drei Weieren im Schnee aus. Eine zarte Schicht von kaltem Weiss hat sich über die Landschaft gelegt. Eine Joggerin dreht einsam ihre Runden, ein paar Krähen rufen aus dem Wald. «Bewegt euch», leitet Itten die Gruppe an, und alle hüpfen. Freunde von ihm haben mit der Axt bereits ein Eisloch in den Weiher geschlagen.

Wer baden will, muss erst das Eis aufbrechen.

Bild: Sara Spirig

Dimitrij Itten erklärt, dass man sich vor, während und nach dem Baden ganz auf den Atem konzentrieren soll. «Nicht im Kopf, im ganzen Körper», sagt er und tippt sich an die Schläfe. Und man soll nicht zögern:

«Wir sind ready fürs Eiswasser.»

Ausserdem soll man sicherheitshalber immer zu zweit ins Wasser steigen. Und jenen, die es geschafft haben, einen Applaus spenden.

Der Körper wehrt sich gegen den Kälteschock

Los geht's: Kleider ausziehen, Gehirn ausschalten und die Treppe runter. Das fällt sogar den Gförlis erstaunlich leicht. Bei einer 41-Jährigen setzt allerdings die Schnappatmung ein: Der Körper wehrt sich gegen den Kälteschock.

«Ruhig weiteratmen», sagt Dimitrij Itten. Die Frau hat schnell genug und geht wieder raus. Sie verpasst damit den entscheidenden Kick, der nach 20 Sekunden im Wasser einsetzen soll: wenn die Wärme in die Brust schiesst und Arme und Beine zu brennen beginnen. Manche Eisbader sind süchtig nach diesem Moment. So wie Itten, der den Extremzustand fünf Minuten auskostet und stoisch meditiert.

Tanz im Schnee

Auch ein junges Paar hält es minutenlang im Eiswasser aus. Sie schauen sich dabei ruhig in die Augen, der Mann taucht einmal sogar den Kopf unter Wasser. Nachdem sie sich wieder angezogen haben, umarmen sie sich und tanzen lachend durch den Schnee.

Eine feingliedrige junge Frau tut sich etwas schwerer. Sie zittert, klappert mit den Zähnen, krümmt sich und zieht die Arme schützend an die Brust. «Meine Finger sind so steif, ich kann mir die Schuhe nicht mehr anziehen», sagt sie, und ein Freund hilft.

«The Ice Man» aus Holland inspiriert zum Eisbaden

Eine andere geniesst das Kribbeln auf der Haut, das sich ähnlich anfühlt wie nach der Sauna. Und strahlt vor Freude, die kleine Mutprobe bestanden zu haben.

Eisbaden macht eindeutig glücklich. Man fühlt sich erfrischt, euphorisch, klar im Kopf. Das propagiert auch der Holländer Wim Hof, der «The Ice Man» genannt wird. Hof glaubt an die Heilkraft extremer Kälte. Er kann stundenlang in Eiswasser baden und rennt Marathons im Schnee – barfuss. Hof behauptet, seine Methode stärke nicht nur das Immunsystem, sondern helfe auch gegen alle möglichen psychischen Leiden.

Risiko fürs Herz

Mediziner weisen aber auch auf Gefahren hin. Wer Herzprobleme hat, sollte nicht ins eiskalte Wasser. Laut der Wiener Journalistin und Eisschwimmerin Katrin Cerny sollte man danach auf keinen Fall sofort heiss duschen oder in die Sauna: Dann schiesse das kalte Blut ungebremst zum Herzen, was zum Stillstand führen könne.

Winterschwimmen müsse man trainieren und dabei genau auf die Signale achten, die einem der Körper sendet. Sie rät zudem zu einem Gesundheitscheck beim Arzt, um abzuklären, ob eine Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems vorliegt.

Dank dem weltberühmten «Ice-Man» hat das Winterschwimmen eine wachsende Fangemeinde. In Basel schwimmen sie im Rhein, in Zürich in die Limmat, in Bern in der Aare. «Wim Hof zeigt, wozu man fähig ist», sagt der St.Galler Eisschwimmer Stjepan Coric. Eigentlich sei er ein Gfrörli.

«Durch das Eisbaden habe ich gelernt, die Kälte zu lieben.»

Man fühle sich dabei lebendig. Itten will das Eisbaden denn auch professionalisieren und für Gruppen anbieten, eine Eissäge hat er schon gekauft.

Warme Kleider sind die halbe Miete

Wie in Trance schlüpfen die Badenden auf Drei Weieren wieder in Hosen und Pullover. Weil die Finger klamm sind, dauert alles etwas länger.

Während des Anziehens weiten sich die Blutgefässe wieder, das kalte Blut der Extremitäten fliesst zurück in den Rumpf.

Bild: Sara Spirig

Dimitrij Itten hat Handschuhe mit Lammfell, dicke Socken und warme Schuhe ohne Bändel, in die man einfach reinschlüpfen kann. Das zahlt sich aus. Dick eingemummelt, begibt sich die Gruppe auf den Weg hinunter in die Stadt. Wach und belebt starten sie in den Tag.

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