Als Tabakfabriken rauchten

Heute wird rauchfrei angestrebt. Früher stellten allein in Rorschach mehrere Fabriken Zigarren und weitere Tabakwaren her. Eine dieser Tabakfabriken wurde in ein Mehrfamilienhaus umgebaut und noch bis zum Abbruch 1969 «Tabaki» genannt.

Otmar Elsener

RORSCHACH. Raucher haben es nicht leicht. Die Zeiten, als in Inseraten Marlboro-Cowboys durch die Prärie ritten, sind vorbei. Daher ist für heutige Nichtraucher kaum zu glauben, dass im Tagblatt in den 1930er-Jahren ernsthaft mit dem Slogan «Sei ein Mann. Rauche Stumpen!» geworben wurde.

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Als Tabakfabriken rauchten

Heute wird rauchfrei angestrebt. Früher stellten allein in Rorschach mehrere Fabriken Zigarren und weitere Tabakwaren her. Eine dieser Tabakfabriken wurde in ein Mehrfamilienhaus umgebaut und noch bis zum Abbruch 1969 «Tabaki» genannt.

Otmar Elsener

RORSCHACH. Raucher haben es nicht leicht. Die Zeiten, als in Inseraten Marlboro-Cowboys durch die Prärie ritten, sind vorbei. Daher ist für heutige Nichtraucher kaum zu glauben, dass im Tagblatt in den 1930er-Jahren ernsthaft mit dem Slogan «Sei ein Mann. Rauche Stumpen!» geworben wurde.

Bevor die Zigaretten aufkamen, gehörten Zigarren, Stumpen und Tabakpfeifen für Männer zum täglichen Leben wie Essen und Trinken. Tabakfabriken florierten im 19. Jahrhundert in der ganzen Schweiz, besonders im Tessin, im Aargau und im Welschland, wo Burrus im Jura – später mit der Zigarettenmarke Parisienne bekannt – und Ormond in Vevey die grössten waren. Von diesen Herstellern sind Markennamen wie Ormond, Villiger, Rössli-Stumpen und Brissago erhalten geblieben.

«Tabac Fabric des Gottshauses»

Auch in Rorschach stand schon vor über 200 Jahren eine Tabakfabrik. Und von 1840 bis 1900 wurden hier sogar in mehreren Tabakfabriken Zigarren, wahrscheinlich auch Schnupf- und Kautabak, produziert. Davon blieb nur der Hausname Tabaki in Erinnerung.

Dank des Leinwandhandels wohnten in Rorschach weltoffene, unternehmerische Kaufleute, die auch Tabak aus Kuba, der Pfalz und dem Elsass importierten. 1777 gestattete der Abt von St. Gallen dem Rorschacher Peter Anton Danielis, Sohn des Leinwand- und Kolonialwarenhändlers Giacomo Danielis, die Errichtung einer Tabakfabrik. Im Rorschacher Plan 1790 von Nicolaus Erath ist ein kleines Haus in der Hub – etwas unterhalb des ehemaligen Werkhofs an der Hubstrasse – als «Tabac Fabric des Gottshauses» angeschrieben. Eine Tabakfabrik befand sich später auch im Klostergebäude Mariaberg, bis dort 1864 das Lehrerseminar einzog.

Eine weitere entstand 1852, als ein Jacob Gechter das noch heute stehende stattliche Haus Friedberg (Promenadenstrasse 87) kaufte und für Tabakverarbeitung umfunktionierte. Es muss aber 1868 teilweise leer gestanden sein, denn die internierten Soldaten der französischen Bourbaki-Armee wurden dort einquartiert.

Es gab auch eine Tabakfabrik Wunderlich oder Wunderli – in Gebäuden hinter dem heutigen Restaurant Löwen an der Hauptstrasse. Weiter gab es eine Tabakfabrik Ehringer an der Hauptstrasse 82 (beim Jakobsbrunnen). Vor dem Stickereiboom war Arbeit in diesen Fabriken, besonders die Herstellung von «Strassburger Tabak», ein wichtiger Erwerbszweig für die Bevölkerung. Die Fabrikbesitzer erzielten gute Gewinne. Nebst importiertem gab es auch Tabak aus Eigenanbau, wozu der Kanton 1820 Bauern angeregt hatte. Bis 1864 sind einige Tabakpflanzungen im Rheintal verzeichnet. Gut möglich, dass auch Rheintaler Tabak in Rorschach zu Zigarren verarbeitet wurde.

Aus Fabrik wird Wohnhaus

Die grösste Fabrik war wahrscheinlich diejenige der Firma Hinderegger und Frick an der Badstrasse 3 im Nordwesten der Stadt. Sie war gegründet worden von einem August Frick aus Cincinnati in den USA. Doch seine Fabrik wie auch die seiner Konkurrenten hatten nur bis etwa 1900 Bestand. Warum lässt sich nicht eruieren. Vermutlich war die schweizerische und ausländische Konkurrenz zu stark. Vielleicht war aber auch die Arbeit in den grossen Stickereifabriken angenehmer und besser bezahlt. Frick verkaufte das 1900 bereits leerstehende Fabrikgebäude an das Baugeschäft J. Bischofberger. Rorschach brauchte Arbeiterwohnungen, und so baute Bischofberger 1902 zuerst im Ostbau, später im Mittel- und Westbau bescheidene Wohnungen ein, indem er in die Fabriksäle und in den Estrich Zwischenwände einzog.

Ursprung des Namens Tabaki

Die Rorschacherin Anneli Dörig, 74jährig, ist in diesem grossen Mehrfamilienhaus aufgewachsen. «Wir wohnten in der <Tabaki>, in ganz Rorschach kannte man das Haus mit diesem Namen. Von der einstigen Tabakfabrik wussten wir nichts mehr», berichtet sie. «Die Wohnungen waren einfach, ohne Warmwasser, ohne Bad, die Aborte ausserhalb auf einem Zwischenboden im Hausgang.» Die kinderreichen Familien arbeiteten gemeinsam im Hof südlich des Hauses, spitzten Bohnen und höhlten Karotten in Heimarbeit für die Konservenfabrik Roco.

Ende eines Quartiers

Die Bewohner des ganzen Quartiers von der Badstrasse bis zur Marmorstrasse nannte man «Tabakianer». Es ergab sich ein derartiges Gefühl der Zusammengehörigkeit, dass noch bis in die 80er-Jahre alljährlich an das «Tabakianertreffen» ging, wer im Quartier aufgewachsen war.

Das lebendige Quartier verlor mit der Zeit seinen Charakter. Gastarbeiter zogen in die billigen, schlecht unterhaltenen Wohnungen. Wie die «Tabaki» verlotterten auch die Häuser in der Umgebung. 1966 planten die Grundstückbesitzer eine Neuüberbauung mit einem Hochhaus. Die Stadt lehnte dies ab, bewilligte aber den heutigen Mehrfamilien-und Geschäftshauskomplex, der ab 1970 erstellt wurde. Die «Tabaki» und zwei weitere Häuser wurden 1969 abgerissen, etwas später verschwand auch die mit einem Garten an die «Tabaki» angrenzende Sonnenhof-Garage an der St. Gallerstrasse, die erste und lange einzige Autogarage in Rorschach.

Der Name Tabaki ist heute nur noch Geschichte.

Quellen: Archiv Bauamt Rorschach, «Kanton St. Gallen 1803–1903», Richard Grünberger in Tagblatt-Chronik 1954, Tagblatt-Archiv

Das «Tabaki» genannte Wohnhaus (links) bei Rorschachs erster Garage war einst eine Tabakfabrik. «Tabaki», Garage und weitere Häuser mussten 1969 weichen für Neubauten an der Ecke St. Galler-/Badstrasse. (Bilder: H. Labhart/Otmar Elsener)

Einstige Werbung für Tabakprodukte: Inserat im Ostschweizer Tagblatt aus Rorschach von 1931. (Bild: Dominik Bärlocher)

«Tabac Fabric des Gottshaus», die erste in Rorschach, im Stadtplan 1790 so bezeichnet in der Hub unterhalb der Klostermühle (später Werkhof). (Bilder: Ann-Marie Schmalz/Google Earth)

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