Analyse
Kleines Budget, grosse Ziele: Der HC Thurgau übt einen unmöglichen Spagat

Der HC Thurgau muss mehr Geld in die Mannschaft investieren. Oder seine Ziele anpassen. Für regelmässige Vorstösse in die Playoff-Halbfinals der Swiss League reicht das Talent im Kader nicht aus.

Matthias Hafen

Viele tapfere Arbeiter, wenige herausragende Spielertypen: Das war der HC Thurgau 2020/21.

Mario Gaccioli (Weinfelden, 18. September 2020)

Die Medienmitteilung vom vergangenen Freitag war unscheinbar: «Anton Ranov wechselt zum EHC Basel.» Eine Transfermeldung, wie sie in diesen Tagen zu Dutzenden vorkommen. Doch diese hat für den HC Thurgau eine ganz besondere Bedeutung. Der Wechsel des 26-jährigen Stürmers vom Swiss-League-Konkurrenten Visp zu Basel aus der MySports League offenbart eine grundsätzliche Problematik, die dem HC Thurgau zu schaffen macht.

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Analyse
Kleines Budget, grosse Ziele: Der HC Thurgau übt einen unmöglichen Spagat

Der HC Thurgau muss mehr Geld in die Mannschaft investieren. Oder seine Ziele anpassen. Für regelmässige Vorstösse in die Playoff-Halbfinals der Swiss League reicht das Talent im Kader nicht aus.

Matthias Hafen

Viele tapfere Arbeiter, wenige herausragende Spielertypen: Das war der HC Thurgau 2020/21.

Mario Gaccioli (Weinfelden, 18. September 2020)

Die Medienmitteilung vom vergangenen Freitag war unscheinbar: «Anton Ranov wechselt zum EHC Basel.» Eine Transfermeldung, wie sie in diesen Tagen zu Dutzenden vorkommen. Doch diese hat für den HC Thurgau eine ganz besondere Bedeutung. Der Wechsel des 26-jährigen Stürmers vom Swiss-League-Konkurrenten Visp zu Basel aus der MySports League offenbart eine grundsätzliche Problematik, die dem HC Thurgau zu schaffen macht.

Die Ostschweizer waren selber an Anton Ranov dran, bemühten sich stark um den Schweizer Flügelstürmer mit kroatischen Wurzeln. Immerhin bringt Ranov NLA-Erfahrung aus vier Jahren beim HC Davos mit sowie die geballte Routine aus mittlerweile sieben Saisons in der Swiss League bei Langenthal, Ajoie, Winterthur und Visp. Bei den ambitionierten Wallisern hatte der 26-Jährige keine Zukunft mehr. Thurgau zog deshalb alle Register in den Vertragsverhandlungen, um den 1,85 Meter grossen und 97 Kilogramm schweren Angreifer in die Ostschweiz zu locken. Der Wechsel scheiterte schliesslich am Geld. Thurgaus knappes Budget liess es nicht zu, mit der Offerte des EHC Basel gleichzuziehen.

Der HCT verliert einen Bieterstreit also schon gegen Klubs aus der unterklassigen MySports League. Das ist kein Vorwurf, sondern die Realität.

Und die Rede ist notabene von Anton Ranov und nicht von einem gut bezahlten Jewgeni Schirjajew oder Pascal Caminada. Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob das Budget des HC Thurgau mittelfristig überhaupt noch Swiss-League-tauglich ist, wenn der frühere HCT-Trainer und -Sportchef Christian Weber mit Basel in der MySports League mehr zur Verfügung hat.

Thurgau läuft Gefahr, nach hinten durchgereicht zu werden

Gewiss, der EHC Basel ist eine Ausnahme. Der frühere NLA-Klub hegt wieder Ambitionen, will möglichst rasch zumindest in die Swiss League zurück. Das sollte dem HC Thurgau aber noch mehr zu denken geben. Denn Basel gehört zu jenen Klubs, die in der zweithöchsten Schweizer Liga dereinst die ungeliebten Farmteams EVZ Academy und Ticino Rockets ersetzen sollen. Heisst also, wenn Basel und andere ambitionierte Traditionsvereine in die Swiss League aufsteigen respektive von ihr aufgenommen werden, läuft der HCT mit seinem Budget Gefahr, nach hinten durchgereicht zu werden. Und das nur, weil er nicht mehr Geld ausgeben will, als er einnimmt – wirtschaftlich also alles richtig macht.

Bei aller finanzieller Vernunft darf man nicht die Augen davor verschliessen, dass die meisten Ligakonkurrenten jedes Jahr ihre Budgets in die Höhe schrauben – zum Teil massiv wie der EHC Visp gerade zeigt. Der HC Sierre kündigt Ähnliches an. Der HC Thurgau hingegen steigerte seine Lohnkosten für die erste Mannschaft über die vergangenen fünf Jahre gerade einmal um zehn Prozent. Das ist quasi ein Stillstand. Und für nächste Saison wird bei den Ostschweizern coronabedingt gar eine Kürzung des Swiss-League-Budgets ins Auge gefasst. Im Gesamtkontext bedeutet das ein Rückschritt.

Dabei hat sich Thurgau auf die Fahne geschrieben, künftig zur erweiterten Spitze der Swiss League zu gehören, regelmässig die Playoff-Halbfinals zu erreichen.

Doch eigentlich sind die Ostschweizer in der zweithöchsten Liga nichts anderes als ein EHC Winterthur. Mit dem Unterschied, dass im Thurgau besser gearbeitet wird.

Besonders im sportlichen Bereich, aber auch in der Teppichetage. Viel Idealismus in der Geschäftsführung und die Arbeit von zahlreichen, teils freiwilligen Helfern im Hintergrund halten die Show auf bemerkenswertem Niveau am Laufen.

Die Trainer holen nahezu das Maximum heraus

Sportlich hat diese Saison einmal mehr gezeigt, dass das Trainerduo Mair/Winkler aus beschränkten Mitteln nahezu das Maximum herausholt. Andere Teams wären mit so vielen Verletzten über eine so lange Zeit hoffnungslos abgehängt worden. Der HC Thurgau schaffte sogar die direkte Playoff-Teilnahme. Wer sich in diesem Team mit starken Leistungen hervortut, kann sich einen Namen machen, wie das Beispiel Joel Scheidegger zeigt. Und als sich im Viertelfinal gegen Langenthal herauskristallisierte, dass es dem Kader an Spielern fehlt, die eine Partie reissen können, erzwang Thurgau als funktionierendes Kollektiv beinahe noch ein Entscheidungsspiel. Dennoch ist der HC Thurgau an einem Punkt, an dem ihn nur noch ein besseres Kader weiterbringen kann. Aktuell muss bei ihm einfach alles zusammenpassen und noch ein bisschen mehr, damit die Halbfinalteilnahme von 2019 keine einmalige Sache bleibt.

Der HC Thurgau tut deshalb gut daran, in sein Kader zu investieren. Spieler zu verpflichten, die auch etwas kosten dürfen. Dafür muss er mehr Geld generieren. Gerade in dieser Zeit eine Herkulesaufgabe. Und die Effizienz im Backoffice kann auch nicht ins Unendliche gesteigert werden. Schafft er es aber nicht, bleiben die Halbfinals und die Zugehörigkeit zur erweiterten Swiss-League-Spitze je länger je mehr ein Traum. Alleine zu hoffen, dass man durch zwei National-League-Aufsteiger in den nächsten Jahren in der Swiss League nach vorne gespült wird, ist kein zukunftsorientierter Plan.

Nicht zuletzt wäre mehr Budget für gute Spieler auch eine Wertschätzung gegenüber Trainer Stephan Mair und dessen erfolgreicher Arbeit in den vergangenen fünf Jahren. Wer würde nicht gerne sehen, was der Südtiroler mit einer talentierteren Mannschaft anstellen kann. Zwar ist Thurgau unter Mair wie schon unter dessen Vorgänger Christian Weber respektive Mario Kogler wieder zu einer attraktiveren Adresse geworden. Spieler, die in dieser Liga den Unterschied ausmachen können, unterschreiben aber noch immer vorzugsweise bei der Konkurrenz.

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