Weil die Unterkünfte nicht ins Landschaftsbild passen – Kalchrain muss die Freilandschweinehaltung aufgeben

Mehr als zwei Jahr lang lebten beim Massnahmenzentrum Kalchrain Freilandschweine. Damit ist bald Schluss. Der Kanton erteilt für die zeltähnlichen Unterstände der Tiere keine Baubewilligung. Bizarr: Das Massnahmenzentrum gehört selber zum Kanton.

Larissa Flammer

Exklusiv für Abonnenten

Da war die Welt noch in Ordnung: Im Juni 2018 genossen die Schweine beim Kalchrain die Freilandhaltung und ihre frei zugängliche Unterkunft.

Bild: Andrea Stalder

Sogar der Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes lobte den Kanton. Im Juni 2018 standen die glücklichen Freilandschweine beim Massnahmenzentrum Kalchrain im Zentrum einer Pressekonferenz. Betriebsleiter, Detailhändler, die das Fleisch kauften, und eben der Tierschutz freuten sich über die naturnahe Haltung der intelligenten Tiere.

Dieser Artikel ist exklusiv für Abonnenten.

Profitieren Sie jetzt von allen abo+ Vorteilen:

  • Unbegrenzt lesen
  • Jederzeit kündbar
Zum Spezialangebot Abonnent/in? Anmelden

Aktuelle Nachrichten

Weil die Unterkünfte nicht ins Landschaftsbild passen – Kalchrain muss die Freilandschweinehaltung aufgeben

Mehr als zwei Jahr lang lebten beim Massnahmenzentrum Kalchrain Freilandschweine. Damit ist bald Schluss. Der Kanton erteilt für die zeltähnlichen Unterstände der Tiere keine Baubewilligung. Bizarr: Das Massnahmenzentrum gehört selber zum Kanton.

Larissa Flammer

Exklusiv für Abonnenten

Da war die Welt noch in Ordnung: Im Juni 2018 genossen die Schweine beim Kalchrain die Freilandhaltung und ihre frei zugängliche Unterkunft.

Bild: Andrea Stalder

Sogar der Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes lobte den Kanton. Im Juni 2018 standen die glücklichen Freilandschweine beim Massnahmenzentrum Kalchrain im Zentrum einer Pressekonferenz. Betriebsleiter, Detailhändler, die das Fleisch kauften, und eben der Tierschutz freuten sich über die naturnahe Haltung der intelligenten Tiere.

Doch damit ist jetzt Schluss. Der Betrieb, der dem Kanton gehört, muss die Freilandschweinehaltung Ende Jahr aufgeben, wie die «Thurgauer Zeitung» erfahren hat. Der Grund erscheint auf den ersten Blick kurios.

Form, Farbe und Material passen nicht in Landschaft

Die Freilandschweine haben auf ihren Wiesen zeltähnliche Unterkünfte, wo sie Wasser, Futter und Schutz vor Wind finden. Regen oder Schnee machen ihnen nichts aus. Bis sie jeweils geschlachtet wurden, lebten sie draussen. Alle paar Monate wurde die Herde mitsamt Unterkünften auf eine neue Wiese umgesiedelt. Denn die liebste Beschäftigung der Schweine ist das Wühlen in der Erde, sodass die Wiese nach einer gewissen Zeit komplett umgepflügt ist.

Schweine beschäftigen sich mit Vorliebe mit der Suche nach Futter.

Bild: Andrea Stalder (Kalchrain, 13.Juni 2018)

Weil die Unterkünfte nicht dauerhaft im Boden verankert sind und regelmässig verschoben werden, war das Massnahmenzentrum Kalchrain davon ausgegangen, dass keine Baubewilligung notwendig ist. So erklärt es der Kanton auf Anfrage. Das Amt für Raumentwicklung intervenierte, eine Bewilligung wurde nachträglich beantragt, jedoch nach Absprache mit allen Beteiligten nur befristet erteilt. Die Begründung: Die Rundbogenzelte stehen teilweise in einer Landschaftsschutzzone.

Im Entscheid des Amts für Raumentwicklung heisst es gemäss Auskunft des Kantons, «dass sich die Rundbogenzelte nicht ausreichend in das empfindliche Landschaftsbild einfügen». Störend seien insbesondere Form, Farbe und Material. Sie würden klar nicht dem Baustil von im Thurgau üblichen, traditionellen landwirtschaftlichen Bauten entsprechen.

«Gegen ein alternatives, traditionelles Erscheinungsbild wäre aus landschaftlicher Sicht indes nichts einzuwenden.»

Einnahmequelle und Beschäftigungsfeld fallen weg

Das Amt für Raumentwicklung (Departement für Bau und Umwelt) legte dem Massnahmenzentrum (Departement für Justiz und Sicherheit) nahe, eine andere Stallform zu wählen. Gemeinsam mit dem Hochbauamt suchte man nach einem bewilligungsfähigen mobilen Stall. Ohne Erfolg: «Aus betriebswirtschaftlichen und landwirtschaftstechnischen Gründen kam für das Massnahmenzentrum Kalchrain schliesslich keine der geprüften Alternativen in Frage.»

Bis spätestens Ende Jahr wird die Freilandschweinehaltung aufgegeben, die Rundbogenzelte werden verkauft. Damit verliert der Kanton Geld. Auf eine entsprechende Frage antwortet er:

«Die Freilandschweinehaltung war für das Massnahmenzentrum Kalchrain eine willkommene Einnahmequelle.»

Auch war die Tierhaltung eine «sehr gute Beschäftigungsmöglichkeit» für die eingewiesenen Straftäter. Allerdings entstehe in diesem Bereich keine Lücke, da die Landwirtschaft Kalchrain über zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten verfüge.

Auch die Schweinezucht im Berghof, die das Massnahmenzentrum Kalchrain betrieb, wurde eingestellt. Ein Brand, den ein technischer Defekt ausgelöst hatte, zerstörte Ende Februar 2020 die Hälfte des Zuchtstalls. Der Kanton teilt mit: «Es wird nun abgeklärt, ob und unter welchen Umständen wieder ein Stall für Schweinehaltung gebaut wird.»

Aktuelle Nachrichten