Weniger Geld, weniger Qualität

Mit seiner Studie zur Qualität der Medien bringt der Soziologe Kurt Imhof die Schweizer Verleger jedes Jahr in Wallung. Überraschende Resultate bietet die Untersuchung aber auch dieses Jahr nicht – mit einer Ausnahme.

Andri Rostetter
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Werden die Medien besser oder schlechter oder ist gar die Studie darüber mangelhaft? (Bild: Ralph Ribi)

Werden die Medien besser oder schlechter oder ist gar die Studie darüber mangelhaft? (Bild: Ralph Ribi)

BERN. Man muss kein Experte sein, um zu diesem Befund zu kommen: Die Medienwelt ist im Umbruch. Weltweit kämpfen Zeitungen mit sinkenden Auflagen und Werbeeinnahmen. 2012 erlebte die deutsche Presse die grösste Entlassungswelle seit Bestehen der Bundesrepublik, in den USA gingen in den letzten Jahren Zeitungsverlage dutzendweise in Konkurs. Mit «Newspaper Death Watch» oder «The Demise of Print» ist eine ganze Reihe von Blogs entstanden, die das Zeitungssterben mit sarkastischen Kommentaren begleiten. Und sogar im Internet, dem grössten Hoffnungsmarkt des vergangenen Jahrzehnts, kommen selbst personell und finanziell gut dotierte Newsportale selten auf einen grünen Zweig. Der Journalismus ist weltweit in der Krise – und niemand weiss Rat.

«Gehasst wie die Pest»

Was die Schweizer Medien betrifft, befasst sich zumindest die Forschung hingebungsvoll mit dem Phänomen. Das Echo auf die Resultate ist jeweils bescheiden – mit einer Ausnahme: Die Studie «Qualität der Medien» aus der Werkstatt des Zürcher Soziologen Kurt Imhof ist schon fast zum Garant für heftige Debatten geworden. Bereits der erste Bericht von 2010 löste gehässige Reaktionen aus; Urteile wie «rückwärtsgewandt» oder «unwissenschaftlich» zählten noch zu den freundlicheren. Seither wiederholt sich das Ritual alle zwölf Monate: Imhof publiziert seine Studie, die Medien gifteln über mangelhafte Methoden und ungenügende Faktenbasis. Die meisten Verleger würden Imhofs Jahrbuch «hassen wie die Pest», stellte die «Basler Zeitung» fest.

Identische Befunde

Die Reaktion ist nachvollziehbar: Mit beunruhigender Konstanz kommt Imhofs knapp 40köpfiges Forschungsteam Jahr für Jahr zum gleichen Schluss: Die Schweizer Medien werden immer schlechter. Auch das neueste Jahrbuch, das gestern in Bern präsentiert wurde, unterscheidet sich, zumindest was die Hauptbefunde betrifft, kaum von seinen Vorgängern: Die Werbeeinnahmen sinken, die Ressourcen werden knapper, die Konzentration nimmt zu. Fazit der Studie: «2012 war für den Informationsjournalismus ein schlechtes Jahr.»

Falsch ist das nicht, zum Zeitungssterben in der Schweiz gibt es gesicherte Zahlen. Diese stammen allerdings nicht von Imhofs Institut, sondern von der Branche selber: Von 2001 bis 2012 hat die Gesamtauflage der Schweizer Printmedien um 33 Prozent abgenommen, gleichzeitig ist die Zahl der Titel um 26 Prozent zurückgegangen. Das Internet kann diese Verluste nicht wettmachen: Die Titelzahl der wichtigsten Newsportale ist noch immer um 38 Prozent tiefer als im Pressesektor. Und Geld verdienen lässt sich damit (noch) kaum. Drastisch ist auch der Rückgang im Werbemarkt: 2012 musste die Presse mit 183 Millionen Franken weniger Einnahmen auskommen als im Vorjahr, und auch die Online-Newsportale kämpften trotz steigender Nutzerzahlen mit stagnierenden Einkünften. Das alles arbeitet die Studie sauber heraus.

Schwieriger wird es, wenn es um die Qualität geht. Für die Forscher steht fest: Sinkende Einnahmen wirken sich direkt auf die Leistung der Medien aus. «Weniger Geld bedeutet weniger journalistische Ressourcen für die Vermittlung von politischen Inhalten», erklärt Forschungsleiterin Esther Kamber. «Und diese Vermittlung ist die zentrale Aufgabe der Medien in einer Demokratie.» Doch wie misst man diese Qualität? Lässt sie sich überhaupt messen?

«Carlos» versus Gripen

Imhofs Team untersuchte hauptsächlich die Frontseiten und Aufmacherbeiträge der untersuchten Zeitungen, Radios und Internetportale. Da kann es schon mal passieren, dass die NZZ im Qualitätsranking weit vor ihrer Online-Ausgabe aufscheint, obwohl sich die Inhalte der beiden Medien nicht unterscheiden. Denn über die Qualität eines Mediums entscheidet in der Studie einzig die sogenannte Einordnungsleistung. Das heisst: Hievt eine Zeitung einen Inhalt auf die Frontseite, der von den Studienautoren als wenig relevant eingestuft wird, fällt sie im Qualitätsranking zurück. So ist etwa der «Fall Carlos» aus Sicht der Forscher weniger relevant als die Beschaffung des Gripen.

Wenig überraschend schneiden deshalb im Qualitätsranking die Gratis- und Boulevardmedien am schlechtesten ab – und zwar noch schlechter als im Vorjahr. Mit einer kleinen Überraschung konnten Imhof und sein Team gestern dennoch aufwarten: Gemäss der Studie haben sich die Boulevardmedien seit 2010 kontinuierlich verbessert und nun die Gratismedien erstmals qualitativ überholt.

Geld für die Redaktionen

Aus Sicht der Studienautoren sind die schwindenden Einnahmen nur ein Teil des Problems. Viel heikler sei die Kritikresistenz der Branche: «Die Stufe der Ignoranz, auf der wir uns befinden, verhindert die Entstehung eines brancheninternen Diskurses, der die Standards des Informationsjournalismus wieder stärkt und relevante Lösungsvorschläge hervorbringt.» Ein solcher Lösungsvorschlag ist etwa die Presseförderung, wobei «auf keinen Fall» die Verlage unterstützt werden sollen, sondern direkt die Redaktionen. Neu ist allerdings diese Idee nicht: Sie stand bereits im Jahrbuch von 2012.

Qualität der Medien. Jahrbuch 2013, Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft, Universität Zürich. Schwabe-Verlag, Basel.

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