Wie der Konsument zum Weltverbesserer wurde

CHUR. Die Moral kommt aus dem Portemonnaie. Ob Ökostrom, Auto mit Hybridantrieb, Bio-Salat aus der Region oder fair gehandelter Kaffee; wer gezielt einkauft, kann die Welt verbessern – sie nachhaltiger, gerechter und grüner machen. Eine bestechende Idee.

Stefan A. Schmid
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CHUR. Die Moral kommt aus dem Portemonnaie. Ob Ökostrom, Auto mit Hybridantrieb, Bio-Salat aus der Region oder fair gehandelter Kaffee; wer gezielt einkauft, kann die Welt verbessern – sie nachhaltiger, gerechter und grüner machen. Eine bestechende Idee. Nicht nur in der Schweiz steigen auch deshalb die Umsätze mit Bioprodukten Jahr für Jahr, zudem sind wir Fairtrade-Weltmeister. Mit dem Einkaufswagen können Konzerne erzogen und Marktkräfte zurückgebunden werden, davon sind immer mehr Konsumenten überzeugt. Ein Hoch auf den «Otto Moralverbraucher»!

Der deutsche Wirtschaftsjournalist Caspar Dohmen hat ihm ein Buch gewidmet. Ein Buch darüber, wo die Macht des Konsumenten anfängt und wo sie endet. Dohmen geht etwa der Frage nach, was mit dem Kauf fair gehandelter Produkte tatsächlich bewirkt werden kann – weniger als man meint. Er zeigt, wann Boykotte Wirkung zeigten: etwa, als Automobilisten in den 90er-Jahren den Multi Shell in die Knie zwangen, der seinen Öltank «Brent Spar» in der Nordsee versenken wollte. Und er zeigt, wann Kaufverweigerungen ins Leere laufen.

Dohmen ist aber auch kritisch: «Wer glaubt, er könne allein durch sein Einkaufsverhalten die Welt retten, sitzt einer Illusion auf.» Ethischer Konsum sei gut fürs Gewissen und ein erster Schritt hin zu einem faireren Wirtschaftssystem, mehr aber auch nicht. Der Konsument müsse sich vor allem politisch engagieren, ist er überzeugt. Stark ist Dohmen vor allem dann, wenn er Abhängigkeiten, Vernetzung, Mechanismen sowie Irrungen und Wirrungen der Wirtschaft beleuchtet: die Macht der Grosskonzerne, die Kehrseite des Freihandels oder die fatalen Folgen des Massenkonsums. Das ist brandaktuell, spannend und erhellend zugleich.

Caspar Dohmen: «Otto Moralverbraucher». Orell Füssli. 224 Seiten. 25.90 Franken.

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