Im Würgegriff der Euroschwäche

Die April-Umfrage in der Ostschweizer Wirtschaft zeigt deutliche Schwächen in der Industrie. Durch die Aufhebung des Mindestkurses hat sich die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Euroländern bei 76 Prozent der Unternehmen verschlechtert.

Stefan Borkert
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Im Detailhandel hat der Ostschweizer Konjunkturindex die Negativphase wieder überwunden und steht knapp im Plus. (Bild: Coralie Wenger)

Im Detailhandel hat der Ostschweizer Konjunkturindex die Negativphase wieder überwunden und steht knapp im Plus. (Bild: Coralie Wenger)

ST. GALLEN. Der Ostschweizer Konjunkturindex hat als Folge des Nationalbank-Entscheides sein Vorzeichen gewechselt und verharrt auch im April im negativen Bereich. Verantwortlich dafür ist der Teilindex des Industriesektors. Peter Eisenhut von Ecopol sagt, dass die Industriefirmen die aktuelle Lage schlechter als im Vorquartal beurteilten. Man erwarte in den kommenden Monaten einen weiteren Rückgang der Produktion. «Im Detailhandel hat der Konjunkturindex das kurzfristig negative Vorzeichen wieder abgelegt und steht nun knapp oberhalb der Nulllinie», fährt er fort. Im Konjunkturindex der Bauwirtschaft sorge der nach wie vor gute Geschäftsgang für ein positives Vorzeichen, auch wenn sich die Aussichten etwas getrübt hätten.

Industrie leidet

Nach der Aufhebung des Mindestkurses befindet sich die Ostschweizer Industrie im Würgegriff der Euroschwäche. In den Monaten Februar, März und April hat der Geschäftsgang einen markanten Einbruch erlitten, ergab die Umfrage bei der Ostschweizer Wirtschaft. Begleitet wird dieser Einbruch demnach durch einen Rückgang der Bestellungseingänge, eine Drosselung der Produktion, sinkende Verkaufspreise und Anspannungen in der Ertragslage. Knapp 60% der Umfrageteilnehmer geben an, dass sich ihre Ertragslage in den letzten drei Monaten verschlechtert habe, bei den restlichen 40% blieb sie unverändert. Vielen Betrieben droht ein Betriebsverlust.

Die Kunststoff- und Chemiebranche habe den Kampf gegen den Abschwung bisher recht erfolgreich geführt, meint Eisenhut. «Im Maschinenbau wurde die gute Laune zu Beginn des Jahres durch den Frankenschock hingegen verdorben. Nichtsdestotrotz hält eine gewisse Zuversicht für die kommenden Monate an, wird doch weder ein Export-, Produktions- noch ein Beschäftigungsrückgang erwartet.» Mehr beeindruckt zeigen sich die Metall-, die Elektro- und die Textilindustrie sowie die Branche Papier, Druck und Verlag, bei denen die Erwartungen nach unten gerichtet seien. Erstmals seit Beginn 2013 würden mehr Firmen des gesamten Industriesektors in den kommenden Monaten einen Rückgang eher erwarten als ein Wachstum der Exporte. Zudem gehen insgesamt 32% von einer Verschlechterung und nur 19% von einer Verbesserung der Geschäftslage aus. Eisenhut: «Auch der Arbeitsmarkt kommt unter Druck: 24 Prozent der Industriebetriebe rechnen mit einem Beschäftigungsabbau, und nur 8 Prozent gehen von Neueinstellungen aus.»

Tourismus und Export

Die Unternehmen aus dem Kanton St. Gallen konnten gemäss Umfrage ihre Exporte im 1. Quartal 2015 um 1,1% steigern, während die Schweiz insgesamt einen Rückgang von 1,4% registrieren musste. Der Hauptgrund für das bessere Abschneiden der St. Galler Exportwirtschaft liege bei der Maschinenindustrie. Im Durchschnitt der Schweiz lägen die Exporte von Maschinen gut 10% unter dem Vorjahresquartal, in St. Gallen aber erzielten sie ein Wachstum, sagt Eisenhut. Geschrumpft sind die Ausfuhren von Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden und vor allem aus dem Thurgau mit einem Minus von 7%. Die verschlechterte Wettbewerbsposition gegenüber der Eurozone spiegle sich in einem Exportrückgang der Ostschweiz in diese Länder um 8%. Hingegen hätten die Lieferungen in die USA und in die Schwellenländer ein sattes Plus von 10% und 18% erreicht. Nicht überraschend leide der Tourismus stark unter dem Frankenhoch, wie die neusten Logiernächtezahlen bestätigen. So verzeichnet die Tourismusregion Ostschweiz im 1. Quartal einen Rückgang von 7,6%; vor allem Gäste aus Deutschland und des Euroraums blieben der Ostschweiz fern.

Die Ostschweizer Bauwirtschaft konnte ihren Umsatz in den letzten drei Monaten halten. Die Zufriedenheit mit dem Geschäftsgang ist nach wie vor hoch: 31% beurteilen ihn als gut, 9% als schlecht und die restlichen 60% als befriedigend.

Detailhandel unter Druck

«Der Detailhandel sieht sich widersprüchlichen Tendenzen ausgesetzt», sagt Eisenhut. Einerseits erhöhten die Frankenaufwertung und die sinkenden Preise die Kaufkraft und stimulierten den privaten Konsum. Andrerseits fördere der starke Franken den Einkaufstourismus, und die schwächelnde Konjunktur in den Exportbranchen führe in Kombination mit den Anspannungen auf dem Arbeitsmarkt zu einer Zurückhaltung im Konsum. Bisher überwögen die negativen Auswirkungen.