Flurnamen sorgen für rote Köpfe

In den letzten Jahren sind im Thurgau Tausende von Flurnamen systematisch in eine mundartliche Schreibweise geändert worden. Jetzt kurz vor Ende des Projekts gibt es lautstarke Kritik. Regierungsrat Kaspar Schläpfer ist erstaunt.

Markus Schoch
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Veralteter Wanderwegweiser: Der Nollen heisst auf den Karten jetzt Nolen. (Bild: Reto Martin)

Veralteter Wanderwegweiser: Der Nollen heisst auf den Karten jetzt Nolen. (Bild: Reto Martin)

frauenfeld. Roopel statt Rothbühl, Hooraa statt Hohrain, Blaaki statt Bleiche. Seit ein paar Wochen sorgen die neuen Mundart-Flurnamen für rote Köpfe. Die Rede ist von «Dialektunsinn», «Willkür», «Leerlauf» und vom Amtsschimmel, der im Thurgau einmal mehr wiehere. CVP-Kantonsrat Thomas Merz-Abt verlangte kurz vor den Sommerferien mit einem Vorstoss im Grossen Rat eine Erklärung vom Regierungsrat für die Änderungen, die in breiten Kreisen der Bevölkerung auf Unverständnis stossen und zunehmend für Verwirrung sorgen würden.

Bedenken melden auch die Rettungsdienste an. Sie befürchten, dass die Ambulanzfahrzeuge im Notfall die richtige Adresse nicht mehr immer auf Anhieb finden, wenn die Weiler auf den Karten und Tafeln plötzlich ganz anders heissen. «Wir können einen solchen Fall nicht mehr ausschliessen», sagt Harry Huber, der Leiter der Sanitätsnotrufzentrale 144. Und er fühlt sich übergangen. Mit ihnen habe niemand geredet, kritisiert er. «Wir stehen vor vollendeten Tatsachen.»

Kritik schon vor fünf Jahren

Adressat der Vorwürfe ist die sogenannte Nomenklaturkommission, die einem Auftrag des Bundes nach einer einheitlichen Schreibweise folgend im Thurgau in den letzten Jahren 25 000 Flurnamen überprüft hat. Ihr gehören der Kantonsgeometer, ortskundige Personen und Eugen Nyffenegger als Verfasser des Thurgauer Namensbuches an, das als Grundlage diente.

Die Klagen sind nicht neu. Bereits vor fünf Jahren verlangte der Frauenfelder SVP-Kantonsrat Werner Dickenmann vom Regierungsrat, an den bestehenden Flurnamen festzuhalten. Die Änderungen seien «oft ein grosses Ärgernis» für die betroffenen Grundeigentümer. Der Regierungsrat wies die Kritik zurück, dass der Kanton stur sei und über die Köpfe der Betroffenen hinweg handle.

Das zuständige Departement für Inneres und Volkswirtschaft sah denn auch «keinen Anlass für eine Praxisänderung». Damit war die Sache erledigt. Die regierungsrätliche Erklärung hatte kein politisches Nachspiel und es gab keinen Sturm der Entrüstung.

Schläpfer: Kein Kurswechsel

Regierungsrat Kaspar Schläpfer kann nicht nachvollziehen, warum jetzt fünf Jahre später die Wellen plötzlich hochgehen. Grossen Widerstand habe es bis vor kurzem nicht gegeben. «In meiner Amtstätigkeit wurden pro Jahr jeweils ein bis zwei Rekurse eingereicht».

Es sei auch nicht so, dass der Thurgau weit übers Ziel hinausschiesse, indem er die Namen konsequent in Mundart schreibe. Viele andere Kantone machten es gleich, andere wie Zürich seien zurückhaltend. Finanziell mache es keinen Unterschied. Die Namen hätten auch angeschaut werden müssen, wenn sich der Thurgau für die Schriftsprache entschieden hätte, erklärt Schläpfer.

Erstaunlich sind die Reaktionen für ihn vor allem, weil das Projekt mittlerweile auf der Zielgeraden ist. In 75 der 80 Gemeinden sind die Orts- und Flurnamen im Rahmen der amtlichen Vermessung bereits rechtskräftig festgelegt. Bei den 5 übrigen Gemeinden sind die Arbeiten im Gang. In zwei bis drei Jahren sollen sie abgeschlossen sein. «Ein Kurswechsel wäre nun sicher nicht richtig», erteilt Schläpfer CVP-Kantonsrat Merz-Abt eine Absage, der einen Marschhalt verlangt, bevor nun «im grossen Stil Tausende von Schildern ausgewechselt» werden.

Entwicklung verschlafen

So weit muss es gar nicht kommen. Verbindlich festgelegt sind die neuen Schreibweisen nur für die amtliche Vermessung, das Grundbuch und die Landeskarte. Ob sie auch für Postadressen, Wegweiser, Ortstafeln oder Strassennamen übernommen werden sollen, sei «allenfalls zu diskutieren», lässt Schläpfer Gesprächsbereitschaft erkennen.

Für Roland Kuttruff, den Präsidenten des Gemeindeverbandes, ist genau diese Frage zentral. Und er ist sicher, dass sie noch viel zu reden geben wird. Er selber findet die neuen Namen «ein bisschen mühsam». Es sei jedoch viel zu spät, um die Änderungen rückgängig zu machen. Schuld seien nicht zuletzt die Gemeinden selber, übt sich der Gemeindeammann von Tobel-Tägerschen in Selbstkritik.

«Wir haben die Namensbücher zwar zur Kenntnis genommen, aber nur die wenigsten waren sich bewusst, was für Folgen sie haben könnten.»

weinfelden 32