"Ich kann nun vom Sport leben"

Vor zwei Monaten wurde Kariem Hussein Europameister. Nun blickt der 24jährige Hürdenläufer und Medizinstudent zurück und spricht über die Veränderungen seit seinem Sieg, die Doppelbelastung und seine Medaillenträume.

Raya Badraun
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An der Heim-EM schaffte Kariem Hussein Historisches: Im Letzigrund wurde der Thurgauer Europameister über 400 Meter Hürden. (Bild: Keystone)

An der Heim-EM schaffte Kariem Hussein Historisches: Im Letzigrund wurde der Thurgauer Europameister über 400 Meter Hürden. (Bild: Keystone)

Herr Hussein, es ist gar nicht so einfach, einen Interviewtermin mit Ihnen zu bekommen. Was ist passiert?

Kariem Hussein: Ich bin gerade mit der Masterarbeit beschäftigt, daneben hatte ich einige Termine. Das alles muss gut geplant sein. Zudem wollte ich noch in die Ferien. Diese verbrachte ich dann aber zu Hause, da ich krank war.

Fanden Sie trotz der vielen Termine einmal Zeit, über dieses spezielle Jahr nachzudenken?

Hussein: Es ist nicht so, dass ich mich am Samstagabend hingesetzt und mir Gedanken darüber gemacht hätte. Ich denke jedoch immer wieder an die EM, gerade dann, wenn mich jemand darauf anspricht.

Was hat sich in Ihrem Leben verändert, seit Sie Europameister sind?

Hussein: Ich spüre selbst keine Veränderung an mir. Doch von aussen werde ich nun anders wahrgenommen. Die Leute erkennen mich.

Durch Ihren Erfolg sind wahrscheinlich auch die Sponsoren auf Sie aufmerksam geworden.

Hussein: Ja, ich habe neue Angebote bekommen. Zudem habe ich mit der UBS, Nike und Weltklasse Zürich im nächsten Jahr dieselben Sponsoren wie 2014.

Können Sie nun vom Sport leben?

Hussein: Ja. Die genauen Beträge kenne ich noch nicht. Ich weiss aber, dass ich mich sicher bis Rio 2016 ganz um den Sport und mein Studium kümmern kann. Das ist ein beruhigendes Gefühl.

Warum legen Sie im Studium keine Pause ein und konzentrieren sich ganz auf den Sport?

Hussein: Es ist nicht so einfach, ein Studium zu unterbrechen. Zudem habe ich nicht vor, mit 27 oder 28, wenn ich die Ausbildung beendet habe, mit der Leichtathletik aufzuhören – im Gegenteil. Ich kann mir dann immer noch überlegen, eine Zeit lang auf den Sport zu setzen.

Das Medizinstudium ist anspruchsvoll. Sie müssen ein Genie sein, dass Sie diese Doppelbelastung stemmen können…

Hussein: (lacht) Ich glaube nicht, dass ich ein Genie bin. Ich habe einfach für mich herausgefunden, wie ich die Doppelbelastung bewältigen kann.

Sind Sie sehr diszipliniert?

Hussein: In Prüfungsphasen gehöre ich auch zu denjenigen, die am Ende noch Gas geben müssen. So war ich manchmal zwei, drei Wochen vor den Prüfungen absorbiert. In dieser Zeit musste ich mit dem Sport zurückfahren. Wenn ich nun das Praktikum beginne, muss ich ebenfalls Prioritäten setzen und herausfinden, wie ich trainieren kann.

Hat das Studium erste Priorität?

Hussein: Der Sport ist flexibler als das Studium. Darum muss ich den Sport dem Studium anpassen – so einfach ist das.

Auf was müssen Sie aufgrund dieser Doppelbelastung verzichten?

Hussein: Während der Wettkampfsaison zum Beispiel auf Ferien. Zudem gibt es Phasen, in denen ich meine Kollegen kaum sehe. Das gehört dazu und das sind für mich keine Opfer. Ich mache den Sport und das Studium ja gerne. Die Zeit ist einfach beschränkt.

Was wäre möglich, wenn Sie sich ganz auf den Sport konzentrieren würden?

Hussein: Ich weiss es nicht. Es ist sicher viel komplexer, wenn man neben dem Sport noch ein anstrengendes Studium bewältigen will. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich nur Leichtathlet sein könnte. Dann würde mir wahrscheinlich etwas für den Kopf fehlen.

Dieses Jahr rannten Sie die viertschnellste Zeit der Welt. Ist an der WM im kommenden Jahr eine Medaille möglich?

Hussein: Wenn man die Jahresweltbestzeiten anschaut, sieht es danach aus. Doch die Zeiten, die es braucht, um an einer WM den Final zu erreichen und eine Medaille zu holen, sind tiefer. Um das zu schaffen, muss ich mich noch steigern. Aber ja, warum nicht? Zu einer Medaille würde ich nicht Nein sagen.

Was für Zeiten sind noch möglich?

Hussein: Ich kann mich noch überall verbessern: Schnelligkeit, Kraft, Technik. Das ist harte Arbeit und die Voraussetzung für schnellere Zeiten.

Kurz nach der EM haben Sie Ihre Bestzeit nochmals unterboten. Hat Sie das überrascht?

Hussein: Nach dem EM-Final habe ich fast nicht mehr trainiert, weil so viel los war. Ich war nach all den Eindrücken im Kopf müde, wusste aber, dass ich trotzdem immer noch in Form war. Zudem war es sicher einer der besten Läufe meiner Karriere.