Russland sperrt sich selber aus

FUSSBALL. Heute trifft ZSKA Moskau zu Hause in der Champions League auf Manchester City. Zum wiederholten Mal findet ein Spiel der Russen vor leeren Rängen statt. Rassismus ist in Russland knapp vier Jahre vor der WM ein grosses Problem.

Andy Sager
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Das Banner gegen Rassismus wird wieder niemand live im Stadion sehen: Für ZSKA Moskau folgt heute das zweite von vier Geisterspielen wegen rassistischer Vorfälle. (Bild: dpa/Peter Kneffel)

Das Banner gegen Rassismus wird wieder niemand live im Stadion sehen: Für ZSKA Moskau folgt heute das zweite von vier Geisterspielen wegen rassistischer Vorfälle. (Bild: dpa/Peter Kneffel)

Affenlaute, Hitlergrüsse und Hakenkreuze sind in Schweizer Stadien kaum zu sehen. In Russland, Gastgeber der WM 2018, findet man solche Symbole vielerorts. Auch der Fanblock von ZSKA Moskau fällt immer wieder negativ auf. Zur Bestrafung musste der russische Meister vor drei Wochen sein Champions-League-Spiel gegen Bayern München vor leeren Rängen austragen. Wegen negativer Zwischenfälle in Rom im September wurden die Russen nun mit drei weiteren Geisterspielen und 200 000 Euro Busse bestraft. Zwar hat ZSKA bereits Einspruch gegen das Urteil eingelegt. Die Ränge werden trotzdem leer bleiben. Die Uefa entscheidet frühestens am nächsten Montag erneut. Aufschiebende Wirkung hat die Berufung nicht.

Rassismus ist zu verwurzelt

Auch wenn die Strafe bestehen bleibt, darf bezweifelt werden, ob die russischen Anhänger und Verantwortlichen daraus lernen. Zu gross sind die Probleme, zu vielfältig die Verflechtungen von Fussball und Gesellschaft, zu verbreitet die rassistischen Ressentiments. Und die Verantwortlichen realisieren erst seit kurzem, dass sich im Hinblick auf die WM 2018 einiges ändern muss. Vorfälle wie in den vergangenen Jahren darf es nicht mehr geben: Als City bereits 2013 zu Gast war, wurde Manchesters Yaya Touré mit Beschimpfungen und Affenlauten vom Moskauer Publikum verhöhnt. Der Ivorer protestierte zwar, ZSKA-Präsident Jewgenij Giner reagierte aber dreist. Er sagte zu den Vorwürfen: «Für ZSKA spielen Afrikaner und Brasilianer, von welchem Rassismus kann da die Rede sein?» Einer der Afrikaner im Team der Russen ist der ehemalige Super-League-Torschützenkönig Seydou Doumbia.

Dass es noch extremer geht, zeigten die Anhänger von Zenit St. Petersburg. Vor zwei Jahren veröffentlichte der grösste Fanclub ein «Manifest», in dem der Club aufgefordert wurde, keine dunkelhäutigen oder homosexuellen Spieler zu verpflichten. Finde man keinen slawischen Spieler, könne man einen Europäer und nur im Notfall einen Südamerikaner verpflichten.

Die Anhänger von Rekordmeister Spartak Moskau stehen dem in nichts nach: 2009 feierten sie während eines Ligaspiels mit einem Hakenkreuzbanner und der Aufschrift «Herzlichen Glückwunsch, Opa» den 120. Geburtstag von Adolf Hitler.

Unterschiedliche Reaktionen

In der Zwischenzeit haben die Vereine begonnen zu reagieren. St. Petersburg setzt auf Vernunft und wirbt für Toleranz. Der Club hat mittlerweile dunkelhäutige Spieler wie den Brasilianer Hulk im Kader. Spartak Moskau drohte einzelnen Fans mit einer Schadenersatzklage von 340 000 Euro. Dennoch scheinen die Bemühungen eher Augenwischerei. Selbst der italienische Nationaltrainer Russlands, Fabio Capello, stellt sich gegen die Vorwürfe und vermutet «einen Block der Gegner Russlands» dahinter.

Den Russen bleiben knapp vier Jahre, um ihr Image aufzubessern. «Wenn wir uns bei der WM nicht sicher fühlen, kommen wir nicht nach Russland», stellte Touré klar. Denn trotz der jüngsten Bemühungen sagte der Deutsche Kevin Kuranyi unlängst zur Frage, ob Rassismus in Russlands Stadien noch ein Problem sei: «Leider ja. Das ist zum Verzweifeln, diese dummen Leute kriegst du nicht los.»

Übrigens: Sportlich gesehen ist Manchester heute Favorit. Die Engländer haben vor einem Jahr beide Spiele gewonnen und stehen mit nur einem Punkt aus den ersten zwei Gruppenspielen bereits unter Zugzwang.