Laufen ist Macht

Fussball anhand von Zahlen begreifen zu wollen, ist eine faszinierende Beschäftigung – auch weil Zahlen in diesem Sport vieles aussagen und doch oft schon bei nächster Gelegenheit relativiert werden.

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Fussballer sind auch ausdauernde Läufer: Goran Karanovic vom FC St.Gallen im Duell mit Olivier Jäckle vom FC Aarau. (Bild: Keystone)

Fussballer sind auch ausdauernde Läufer: Goran Karanovic vom FC St.Gallen im Duell mit Olivier Jäckle vom FC Aarau. (Bild: Keystone)

Ein Beispiel vom vergangenen Samstag: Ich schaute mir neben Aarau gegen St.Gallen den Spitzenkampf der zweithöchsten englischen Liga Queen’s Park Rangers gegen Burnley an. Es trafen die beiden besten Abwehrreihen aufeinander. Die Partie endete 3:3.

Mehr Kilometer als Dortmund
Eine interessante Zahl entdeckte ich auch im Interview mit Jeff Saibene in der „Ostschweiz am Sonntag“ vom 26. Januar. Die St.Galler Mannschaft legt pro Spiel 130 Kilometer zurück. Das ist der höchste Wert in der Super League. Der Zufall wollte es, dass am gleichen Tag in einem Interview der „Welt am Sonntag“ auch Dortmunds Trainer Jürgen Klopp seine Mannschaft für den läuferischen Einsatz lobte. „Wir haben im letzten Spiel (vor der Winterpause) gegen Hertha BSC mit 128 Kilometern Laufleistung sogar unseren eigenen Rekord geknackt.“ Klopps Bemerkung ist insofern aussergewöhnlich, als der Trainer des Champion-League-Finalisten als erster den Fussball primär zum Laufsport erhoben hat. Vor ein paar Jahren war es sein erklärtes Ziel, dass seine Mannschaft die meisten Kilometer auf dem Rasenviereck bewältige - was auch eintraf. Nimmt man die Angaben zum Nennwert, dann würden die St.Galler fast in jedem Spiel sogar die Bestleistung der Dortmunder übertreffen.

Bruggmanns These
Mag sein, dass die Erhebungen nicht auf identische Art erfolgen. Fraglich ist zum Beispiel, ob die Laufmeter des Torhüters auch dazu gezählt werden. Dass die Mannschaft des FC St.Gallen soweit läuft, wie die Füsse tragen, ist augenfällig. Am Samstag beim Saisonstart bewegten sich Saibenes Leute eine halbe Stunde lang im Sprinttempo Richtung Aarauer Tor. Abzusehen war, dass über 90 Minuten und auf einem so tiefen Terrain selbst Laufwunder eine solche Pace nicht aufrecht erhalten können. Die St.Galler waren aber in dieser Phase immer anspielbar, konnten so auch ihre spielerische Überlegenheit in die Waagschale werfen. Laufen ist Macht, zumindest im Fussball. Damit habe ich nur einen Satz von Bernhard Bruggmann, dem Fussball-Instruktoren und Journalisten, etwas umgemodelt, der in einem Buch den Begriff „Technik ist Macht“ kreiert hatte. Seine These: Wenn im Fussball alle gleich schnell und gleich athletisch sind,  dann geben Akteure mit dem besseren spielerischen Vermögen den Ausschlag. Dass alle Theorie auch im Fussball nur grau ist, erwies sich just im Spiel gegen Aarau. Schon in der Phase der läuferischen Überlegenheit der St.Galler erarbeitete sich der Gegner gleich viele Chancen und ging sogar in Führung.

Laufsharing an der Linie
Interessant wäre nun zu erfahren, welche St.Galler individuell am meisten zu den 130 Kilometern beitragen. Aber vielleicht sind solche persönliche Angaben dem Datenschutz unterworfen. Dann kann man immerhin ein paar Vermutungen anstellen: Montandon und Besle dürften neben Lopar aufgrund ihrer Position ein paar Meter weniger abspulen als der Durchschnitt. Generell wird vermutet, dass die Spieler auf der Aussenbahn die grösste Wegstrecke zurücklegen. Dort wird allerdings auch am meisten ausgewechselt. Laufsharing ist an der Seitenlinie Standard. Mutsch, Lenjani und Vitkieviez würde ich mal als besonders lauffreudig einordnen.

Karanovic als einzige Sturmspitze gehört wahrscheinlich auch dazu. Aber man kann sich täuschen. Es gab ja FC-Anhänger, die allen Ernstes Scarione als  bequem einstuften. Die sportliche Leitung gab aber einmal zu verstehen, dass just er läuferische Höchstwerte erziele.

Routine immer noch gefragt
Bernhard Bruggmann macht übrigens auch mit Trainingsübungen für Kinder auf sich aufmerksam. Seine Bücher verkaufen sich sogar im Ausland. Zudem gehört er zu den dienstältesten Korrespondenten des St.Galler Tagblatts. Er schrieb schon in den 1960-er-Jahren über den FC St.Gallen und liefert heute noch Betrachtungen zum 2.-Liga-Fussball. Nur wenig länger ist Henri Seitter Berichterstatter des SC Brühl. Langjährige Beobachtung ist im Fussball immer noch gefragt, gerade um aktuelle Entwicklungen richtig einstufen zu können. Eine davon ist, dass ältere Spieler im temporeichen Geschehen immer weniger gefragt sind. Und schon kommt wieder der verblüffende Kontrapunkt: Der FC St.Gallen als laufstärkste Mannschaft der Super League ist auch jene mit dem höchsten Durchschnittsalter.

Fredi Kurth