«Sachliche Kritik akzeptieren wir»

Jüdische Mitbürger werden gegenwärtig wegen der Eskalation in Gaza massiv angefeindet. Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), hat sich deshalb an die Öffentlichkeit gewandt.

Richard Clavadetscher
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Herr Winter, jüdische Mitbürger müssen wegen Gaza zurzeit einiges erdulden. Sie gingen deswegen an die Öffentlichkeit. Weshalb?

Herbert Winter: Wir gingen an die Öffentlichkeit, weil wir vor dem Hintergrund des jetzigen Konflikts im Vergleich zu früher mit sehr viel mehr und vor allem sich zum erstenmal auch gegen uns Juden richtenden Hass-Mails, Briefen und Posts in sozialen Netzwerken konfrontiert sind. Dies wollten wir der Öffentlichkeit unbedingt vermitteln.

Immer, wenn der Staat Israel gegen Palästinenser vorgeht, gibt es Kritik auch an Ihre Adresse. Also doch eigentlich nichts Neues?

Winter: Es ist tatsächlich so, dass wir bei jedem Konflikt, der zwischen Israel und den Palästinensern offen ausbricht, gehässige Mails und Telefone bekommen. Diese konzentrieren sich weitgehend auf den Konflikt – teilweise in sehr harten Worten. Solange es Kritik bleibt – selbst wenn sie hart ist –, ist dies für uns in Ordnung – auch wenn wir sie nicht teilen. Diesmal aber ist es anders: Ganz viele Äusserungen im Internet und viele Mails an uns sprachen sich gegen die Juden in der Schweiz aus. Sie waren hasserfüllt und riefen sogar zu Gewalt gegen Juden in Zürich auf.

Haben Sie denn Befürchtungen, dass Judenhass salonfähig wird?

Winter: So weit würde ich nicht gehen. Uns macht aber schon Sorgen, was jetzt geäussert wird, es sind nicht wie früher bösartige Aussagen gegen Israel, sondern Ausdrücke des Hasses und der Aufforderung zu Gewalt gegen uns Juden in diesem Land.

Was fordern Sie?

Winter: Unsere Forderungen gehen an den Staat – ob dies nun der Bund sei oder die Kantone und Städte. Wir fordern, dass man sich des möglichen Gefahrenpotenzials bewusst ist. Der Staat hat seine Bürger schliesslich zu schützen. Der Staat muss auch unbedingt mehr machen, um Rassismus und Antisemitismus zu bekämpfen. Er sollte mit viel klareren Worten dagegenhalten und entsprechend Präventionsarbeit auf allen Stufen der Gesellschaft leisten.

Wenn Ihnen nun jemand sagt, er habe nichts gegen jüdische Mitbürger, er verurteile aber Israels Vorgehen in Gaza als unverhältnismässig, was antworten Sie darauf?

Winter: Sachliche Kritik darf jeder äussern. Solange diese Kritik nicht antisemitisch ist oder sogar zu Gewalt aufruft, ist sie für mich akzeptabel – auch wenn ich sie nicht teile.

Nun sind ja nicht alle Bürger Israels mit dem Vorgehen der Armee in Gaza einverstanden. Wie sieht dies denn bei den jüdischen Mitbürgern in der Schweiz aus?

Winter: In der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz geht die Bandbreite des politischen Denkens hinsichtlich des Nahostkonflikts von ganz links bis ganz rechts. Bei den meisten Juden besteht aufgrund der Religion, der Geschichte, von familiären Banden eine enge Verbundenheit mit Israel, und es besteht ein weitgehender Konsens, dass der Staat Israel ein Recht hat, in sicheren Grenzen und in Frieden mit seinen Nachbarn zu leben.

Sie sind Präsident des SIG. Hat dieser eine offizielle Haltung zu diesem Konflikt?

Winter: Wir sind der Dachverband der jüdischen Gemeinden in der Schweiz und verstehen uns als politisches Organ. Wir wollen unsere Anliegen hier einbringen – ob sie nun politischer, gesellschaftlicher oder kultureller Art sind. Zu allem, was die Politik im Nahen Osten betrifft, haben wir keine offizielle Haltung, auch wenn wir unsere Solidarität mit dem Staat und Volk Israel ausdrücken und selbstverständlich auf einen baldigen Frieden in der Region hoffen.