«Lehrplan hat noch heikle Punkte»

Der Schweizerische Lehrerverband wehrt sich vehement gegen den neuen Lehrplan 21. Bildungsexperte Urs Moser hält wenig von der Pauschalkritik, gibt den Lehrern in einigen Punkten aber durchaus recht. Eine Rückkehr zum alten Lehrplan hält er für falsch.

Aleksandra Mladenovic
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Herr Moser, ist der Lehrplan 21 nach der geballten Kritik zum Scheitern verurteilt?

Urs Moser: Es gibt durchaus ein paar heikle Punkte, die noch zu Diskussionen führen werden. Etwa wie man die Informatik berücksichtigen will. Diese Diskussionen sind aber durchaus erwünscht. Ein Lehrplan kommt nie eins zu eins durch. Er soll ja ein Instrument sein, das den Schulbetrieb steuert. Darüber braucht es eine öffentliche Debatte. Wenn man sieht, welchen Auftrag die Entwickler hatten, muss man sagen, dass dieser mit dem Lehrplan 21 erfüllt wurde.

Inwiefern?

Moser: Das Credo der letzten zehn Jahre war immer, dass man kompetenzorientiertes Lernen fördern sollte. Man will zudem Transparenz schaffen und wissen, was den Schülern tatsächlich in der Schule vermittelt wird, was also aus dem Schulsystem herauskommt. Man hat die Ausarbeitung des Lehrplans vor Jahren ja nicht aus dem Bauch heraus beschlossen. Nun hat man die Reform in einem Papier umgesetzt, das Erwartungen an die Lernergebnisse der Schüler formuliert, didaktische Wege aufzeigt und somit Möglichkeiten bietet, das Lernen der Schüler zu unterstützen. Dass nun von verschiedenen Seiten Pauschalkritik erfolgt, kann ich nicht verstehen. Soll man etwa wieder zurück zu einem Lehrplan, der alles offenlässt?

Das ist aber genau einer der Kritikpunkte – dass der Lehrplan 21 zu vieles offenlässt.

Moser: Einen Lehrplan kann man nicht konkreter machen, das wäre weder erwünscht noch sinnvoll. Die Mindestansprüche sind ja definiert – man kann höchstens noch darüber streiten, ob diese zu hoch oder gar zu tief sind. Das wird aber die Erfahrung zeigen müssen, und man kann den Lehrplan gegebenenfalls ja auch wieder anpassen. Man muss die Anforderungen auch einmal definieren und politisch verabschieden.

Wird denn eine Harmonisierung in den Deutschschweizer Kantonen mit dem Lehrplan 21 erreicht?

Moser: Ja, bezogen auf den Lehrplan wird das Ziel des Verfassungsauftrags erreicht. Man kann nicht auf einen Schlag eine komplette Angleichung herbeiführen. Für gewisse Kantone hätte das enorm einschneidende Massnahmen zur Folge. Nur schon wenn man die Stundentafeln vergleicht und sich überlegt, was bereits eine Lektion mehr pro Woche kostet. Zudem heisst das Ziel Harmonisierung und nicht Gleichschaltung. In der Entwicklung unseres Bildungssystems hat der Föderalismus eine grosse Tradition und es käme nicht gut an, wenn man zu starre Vorgaben machen würde. Das schliesst aber nicht aus, dass es in der Zukunft zu weiteren Angleichungen kommen kann.

Die Lehrer fordern eine Vereinfachung. Stimmen Sie dem zu?

Moser: Klar, es braucht eine gewisse Handlichkeit. Wenn man das Dokument das erste Mal sieht, kann einen das schon erschlagen. Für einen Entwurf finde ich den Lehrplan 21 aber eigentlich ausgesprochen verständlich – vor allem, wenn man ihn mit anderen Lehrplänen vergleicht. Die Sprachverwendung ist ziemlich präzise – in vielen Bereichen ist das gut gelungen. Natürlich kann man aber immer alles noch vereinfachen. Mit der Umsetzung des Lehrplans wird vermutlich vieles klarer.

Was halten Sie von der Kritik, dass der Lehrplan 21 die Schüler überfordere?

Moser: Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass die Lehrer den Lehrplan als überladen erachten. Noch nie sind die zu erreichenden Kompetenzen derart detailliert abgebildet worden. Das kann aber auch eine Erleichterung sein, weil das Dokument klare Vorgaben macht. Viele Kompetenzen sind miteinander verbunden, und die Schüler müssen isoliert lernen – sie sind einfach sehr detailliert im Lehrplan aufgeführt, damit die einzelnen Aspekte des Lernens nicht vergessen gehen. Das ist eine neue Herangehensweise. Ich glaube nicht, dass sich im Unterricht sehr viel ändern wird.

Wie kommen Sie darauf?

Moser: Nehmen wir als Beispiel das Lesen: Im Lehrplan wird das Lesen in verschiedene Fertigkeiten und Kompetenzen aufgeteilt, die die Schüler erwerben müssen. So sollen sie etwa literarische Texte verstehen sowie ihr Leseverhalten und Leseinteresse reflektieren können. Diese Kompetenzen werden im Unterricht ja nicht isoliert vermittelt, sondern als Gesamtpaket beim Lesen von Texten. Daran wird sich auch mit dem neuen Lehrplan nichts ändern. Der gewählte Kompetenzbegriff ist allumfassend – es muss aber nicht alles einzeln unterrichtet werden.

Für die Umsetzung fordern die Lehrer ein ausreichendes Budget. Gleichzeitig weht finanzpolitisch ein rauher Wind, in mehreren Kantonen sind Kürzungen im Bildungswesen geplant.

Moser: In diesem Punkt gebe ich den Lehrern absolut recht. Es reicht nicht, den Lehrplan online zu publizieren und zu hoffen, dass er umgesetzt wird. Es wird Umsetzungshilfen brauchen, Weiterbildungen und konkrete Abstimmungen der Lehrmittel auf den Lehrplan. Die Implementierung des Lehrplans wird über seinen Erfolg entscheiden, und die ist nicht gratis, das ist keine Frage. Die Kantone hatten und haben hier aber auch eine ziemlich lange Vorlaufzeit, zumal nicht erst seit gestern bekannt ist, dass der Lehrplan 21 irgendwann kommt. Bleibt zu hoffen, dass das Ganze auch mit einer entsprechenden Budgetplanung einhergeht.

Hand aufs Herz: Ist der neue Lehrplan als Ganzes überhaupt sinnvoll?

Moser: Wenn man dem Verfassungsauftrag der Harmonisierung zustimmt – ja, absolut. Dieses Ziel wird mit einem gemeinsamen Lehrplan einfacher erreicht. Eine Koordination unter den Kantonen macht Sinn und kommt der Bevölkerung entgegen. Ich wüsste jedenfalls nicht, wieso die Schüler während der obligatorischen Schulzeit in Zürich etwas anderes lernen sollten als die Schüler in Luzern.