Italienisch interessiert nicht mehr

Um das Fach Italienisch steht es nicht gut an den Schulen in der Schweiz. Nicht nur das Interesse fehlt, verschiedene Kantone verstossen in diesem Zusammenhang gegen das Maturareglement. Die Tessiner sind darüber enttäuscht.

Carlo Schuler
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Italienischunterricht an der Schule: Insgesamt aber ist die Stellung des Italienischen an Schweizer Schulen prekär. (Bild: ky/Karl Mathis)

Italienischunterricht an der Schule: Insgesamt aber ist die Stellung des Italienischen an Schweizer Schulen prekär. (Bild: ky/Karl Mathis)

Gerade eben hat der Obwaldner Kantonsrat ein Postulat abgelehnt, welches das Fach Italienisch neu als Grundlagenfach an der Kantonsschule einführen wollte. Bereits im letzten Jahr hatte die Obwaldner Regierung beschlossen, Italienisch an der Kantonsschule nicht mehr als Schwerpunktfach zu führen. Schüler aus Obwalden, welche Italienisch als Grundlagenfach belegen wollen, müssen das Gymnasium in Luzern besuchen. Peter Lütolf von der Obwaldner Bildungsdirektion sagt jedoch, dass dies in seinem Kanton zurzeit niemand macht.

Acht Kantone vorschriftswidrig

Gemäss Maturitätsanerkennungsreglement (MAR) ist es Vorschrift, dass zwei Landessprachen als Grundlagenfächer angeboten werden. In der deutschen Schweiz sind das de facto Italienisch und Französisch. Die Studierenden müssten gemäss MAR die Möglichkeit haben, sich zwischen einer der beiden Landessprachen entscheiden zu können.

Obwalden steht mit seiner Regelung nicht allein: Aus einer Umfrage der Schweizerischen Maturitätskommission im Jahre 2011 geht hervor, dass nur in 17 Kantonen Italienisch als Grundlagenfach angeboten wird. Dies widerspricht dem MAR. Die Kommis-sion hält denn auch fest: «Aus der Erhebung geht klar hervor, dass diese Regelung nicht an allen Maturitätsschulen befolgt wird.»

Vorstoss im Parlament

Die Kommission hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, welche die Situation des Italienischen genauer analysieren und einen umfassenden Bericht liefern soll.

Im Juni hat zudem die Bündner Nationalrätin Silvia Semadeni (SP) eine Interpellation mit dem Titel «Förderung der nationalen Sprachminderheiten» eingereicht.

Peter Lütolf von der Obwaldner Bildungsdirektion macht noch auf einen zusätzlichen Aspekt aufmerksam: Ein Fach anbieten heisse noch lange nicht, dass das Fach dann auch effektiv erteilt werde. Er weiss von einem Kanton, wo die Stunden dermassen ungünstig angesetzt sind, dass das Grundlagenfach Italienisch jeweils gar nicht zustande kommt. «Faktisch wird Italienisch wohl in verschiedenen weiteren Kantonen nicht durchgeführt, also nicht nur in jenen, die es nicht anbieten», meint Lütolf.

Wenige Lichtblicke

Die Nachfrage bei mehreren kantonalen Erziehungsdirektionen bestätigt diesen Befund: Es gibt Kantone, wo das Grundlagenfach Italienisch zwar angeboten, dennoch aber nicht erteilt wird. Immerhin gibt es ein paar wenige Kantone, wo rund 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler am Gymnasium von einem der verschiedenen Italienischangebote Gebrauch machen. Einen interessanten Anreiz zur Förderung dieser Sprache setzt übrigens der Kanton Appenzell Ausserrhoden: Wenn die Lernenden an der Mittelschule drei Fremdsprachen wählen, zählt für die Promotion die bessere Note von Englisch oder Italienisch.

Und auf der Stufe Volksschule war Anfang Juli eine positive Meldung aus dem Kanton Uri zu vernehmen: Dort ergab eine Umfrage, dass das Bedürfnis für die Beibehaltung des Italienischen als Wahlpflichtfach auf der 5. und 6. Primarstufe nach wie vor vorhanden ist. Wobei die Nachricht insofern zu relativieren ist, als in Uri Italienisch bis vor einigen Jahren auf der Primarstufe noch obligatorisch war.

Im deutschsprachigen Teil Graubündens hingegen gehört Italienisch an der Volksschule weiterhin zum Katalog der obligatorischen Fächer.

«Fundamentale Werte»

Insgesamt aber ist die Stellung des Italienischen prekär. Uberto Motta, Professor für italienische Literatur an der Universität Freiburg, meint: «Es besteht der Eindruck, dass es an einem Impuls von oben fehlt. Italienisch wird im Vergleich zum Deutschen und zum Französischen als zweitrangig erachtet.» Deutliche Worte braucht auch der Tessiner Bildungsdirektor Manuele Bertoli: «Die Situation ist nicht normal. Italienisch müsste an den Gymnasien als Grundlagenfach angeboten werden. Das sagt das Reglement, das sagt die Maturitätskommission, das sagt Bundesrat Burkhalter. Und trotzdem wird es vielenorts nicht gemacht. Das Recht legt etwas fest, und die gelebte Realität sieht ganz anders aus.»

Dabei gehe es um mehr als nur um die Förderung einer Sprache: «Es geht auch um den Wert der Mehrsprachigkeit und um den Respekt gegenüber den verschiedenen Kulturen. Das sind fundamentale Werte unseres Landes.»

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