«Wir haben nichts gegen YouTube»

Der Bundesrat prüft zurzeit im Auftrag des Nationalrats, wie Musiker für den Musikkonsum im Internet entschädigt werden sollen. Der Musiker Christoph Trummer, 33, Vizepräsident des Vereins Musikschaffende Schweiz, sagt, wie das ohne eine neue Steuer für die Haushalte gehen soll.

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Musikdownload aus dem Internet: «Wo mit Inhalten Geld verdient wird, muss dieses auch fair mit den Urhebern geteilt werden.» (Bild: ap/Jacques Brinon)

Musikdownload aus dem Internet: «Wo mit Inhalten Geld verdient wird, muss dieses auch fair mit den Urhebern geteilt werden.» (Bild: ap/Jacques Brinon)

Herr Trummer, was erwarten Sie vom Bundesrat?

Christoph Trummer: Wo im Internet mit multimedialen Inhalten Geld verdient wird, muss dieses auch fair mit den Urhebern geteilt werden. Eine Idee wäre, Internetportals mit multimedialen Inhalten analog zu privaten Radiostationen zu behandeln. Sobald sie Geld verdienen, müssten sie die Daten liefern und mit der Urheberrechtsgesellschaft Suisa abrechnen. Was der Bundesrat konkret verfolgt, wissen wir aber noch nicht. Wir sind sehr gespannt. Es wird wohl auch über die Idee einer Kultur-Flat-Rate gesprochen werden. Da sind wir allerdings eher skeptisch.

Warum sind Sie bei dieser neuen Steuer für die Haushalte skeptisch?

Trummer: Ich glaube nicht, dass ein Flat-Rate-Modell den Umsatzeinbussen durch das Internet gerecht werden könnte. Die Steuer müsste so hoch sein, dass sie vom Volk niemals akzeptiert würde. Die Billag ist ja auch nicht besonders beliebt. Wir bevorzugen, dass das effektive Interesse an unserem Tun auch entsprechend entlöhnt wird. Die Anzahl Besuche, die ein Song auf einem Internetportal bekommt, soll relevant sein, wie viel Geld dann ein Künstler bekommt – zum Beispiel bei YouTube.

Das dürfte für den Bund ziemlich schwierig werden. YouTube etwa gehört dem US-Konzern Google.

Trummer: Natürlich kann der Bundesrat alleine nichts entscheiden, was YouTube im Kern betrifft. Gerade auf internationaler Ebene läuft zurzeit aber sehr viel. Die Amerikaner und die Deutschen sind da wesentlich aktiver, als die Schweiz es bisher war. Das könnte ein Vorteil für uns sein, weil dann international Modelle vorliegen, denen man sich anschliessen könnte.

Gerade weniger bekannte Musiker profitieren doch von Portalen wie YouTube, weil sie gratis Musik und Videos ins Internet stellen können.

Trummer: Wir haben nichts gegen YouTube oder gegen Google. Wir sind uns sehr bewusst, dass uns das Internet viele Möglichkeiten bietet. Das sind dankbare Plattformen. Aber gleichzeitig geht es nicht, dass jemand mit Werbung auf einem Internetportal verdient, das ein Nutzer nur besucht, weil er einen Song hören oder ein Video sehen will. Wenn das der Fall ist, muss ein Teil der Einnahmen auch an die Urheber fliessen.

Wie könnte das konkret funktionieren?

Trummer: In den USA gibt es von YouTube bereits ein Modell, bei dem die Künstler beteiligt sind. Ein Künstler kann einen Anspruch auf seinen Song geltend machen. Sobald jemand seine Musik für irgendetwas verwendet, wird er informiert. Dann kann der Urheber verlangen, dass er beteiligt wird, falls mit diesem Song und der Werbung jemals Geld verdient wird. Dieses System ist in der Schweiz aber noch nicht einsetzbar.

Weshalb sollen die Leute für heruntergeladene Musik bezahlen?

Trummer: Weil Musik ein Produkt ist, das mit viel Arbeit und finanziellem Aufwand realisiert wird. Wenn sich jemand dafür interessiert, soll es auch etwas wert sein. Wir wehren uns nicht gegen den Austausch von Musik unter Freunden, den es ja schon immer gab. Aber wir haben keine Zukunft, wenn die Musik immer mehr nur im Internet konsumiert wird und es dort keine Möglichkeit gibt, mitzuverdienen.

Die Plattenfirmen haben es doch versäumt, sich rechtzeitig auf die neuen Verkaufskanäle im Internet vorzubereiten. Den Internetmusikshop I-Tunes zum Beispiel gibt es in der Schweiz ja noch nicht so lange.

Trummer: Es stimmt, die Musikindustrie hat sehr lange auf untaugliche Modelle gesetzt, um den CD-Markt zu retten. Das ist aber nicht unbedingt die Schuld der Musikschaffenden selber. Unsere Schuld ist, dass wir lieber Musik machen, statt uns um die marktwirtschaftlichen und vertraglichen Aspekte zu kümmern. Nicht jeder Musikschaffende hat eben die Fähigkeit, ein guter Geschäftsmann zu sein. Deshalb wäre es gar nicht so schlecht, wenn sich die Plattenindustrie kompetent um den Teil kümmern würde.

Sie waren unlängst mehrmals im Bundeshaus. Was gab denn den Ausschlag, sich nun plötzlich offensiver für die eigenen Interessen einzusetzen?

Trummer: Den Ausschlag gab die Antwort des Bundesrats auf ein Postulat von Ständerätin Géraldine Savary (SP/VD) im September. Der Tonfall war, dass es keinen Handlungsbedarf gebe. Die Musiker könnten ja mehr Konzerte spielen und Fanartikel verkaufen. Da wurde uns bewusst, dass wir nicht einfach in unseren Studios und Übungsräumen sitzen bleiben können.

Interview: Tobias Gafafer

Christoph Trummer Musiker und Vizepräsident des Vereins Musikschaffende Schweiz (Bild: Quelle)

Christoph Trummer Musiker und Vizepräsident des Vereins Musikschaffende Schweiz (Bild: Quelle)

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