«Für die bestmögliche Gesundheit»

Jacques de Haller, Präsident der FMH, verteidigt die Ärzte in der Debatte über das Gesundheitswesen. Er warnt vor illusorischen Kostensenkungsplänen. Die Politik müsse entscheiden, ob sie für eine gute medizinische Versorgung mehr investieren will. Die Prämienexplosion sei nicht Schuld der Ärzte.

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FMH-Präsident Jaques de Haller setzt sich in der Debatte um die Krankenkassen-Prämienexplosion für die Anliegen der Ärzte ein. (Bild: ky/Lukas Lehmann)

FMH-Präsident Jaques de Haller setzt sich in der Debatte um die Krankenkassen-Prämienexplosion für die Anliegen der Ärzte ein. (Bild: ky/Lukas Lehmann)

Jacques de Haller, «selbstherrlich», «arrogant», «populistisch», «aggressiv». Von wem ist die Rede?

Jacques de Haller: Das sagt man angeblich über mich. Das gehört zum Spiel. Es zeigt, wie schwierig die Diskussion im Gesundheitsbereich geworden ist. Die FMH will eben ihre Ideen durchbringen. Als Ärzte sind wir ständig im Kontakt mit Menschen. Ich habe 21 Jahre lang als Allgemeinpraktiker in Genf rund 80 000 Leute behandelt. Wir wissen, was die Leute beschäftigt.

Auch Sie kritisieren gern. Etwa Gesundheitsminister Couchepin. Was haben Sie für ein Problem mit ihm?

De Haller: Persönlich keines. Wir wollen aber frischen Wind im Departement. Die Art, wie dort verhandelt oder nicht verhandelt wird, ist unschön. In der gegenwärtigen Situation braucht es Dialog statt untaugliche Schnellschüsse – wie Praxisgebühr und Senkung der Labortarife.

Es sind die Kassen und Ärzte, die im Parlament blockieren können.

De Haller: Die FMH hat 35 500 Mitglieder, die ich im Rahmen meiner Funktion vertrete. Die sind unzufrieden, weil die Verwaltung mehr Probleme schafft als Lösungen. Andererseits muss die FMH konstruktiv wirken. Gewisse Gebiete sind für uns verhandelbar, andere nicht.

Man hat den Eindruck, jede Sparmassnahme wird von den Ärzten bekämpft.

De Haller: Nein. Schauen Sie, was wir gemacht haben: Wir haben seit sechs Jahren den Ärztetarif Tarmed.

Er basiert auf Kostenneutralität: Drei Jahre lang durften ärztliche Kosten keinen Rappen steigen. Das ist zentral, um die Kosten zu bremsen. Dann haben wir mit Santésuisse vereinbart, dass die Kosten der Leistungen nicht mehr als ein bis zwei Prozent pro Jahr steigen. Damit haben wir die ambulanten Kosten im Griff. Die Kosten zu senken, wäre allerdings illusorisch.

Warum?

De Haller: Ökonomisch gesehen steigen die Gesundheitskosten seit 40 Jahren überall in der entwickelten Welt um rund 4 Prozent pro Jahr. Das ist keine Kostenexplosion. Zudem: Die Bevölkerung wird älter. Ältere Menschen sind häufiger krank als jüngere. Die Technologie hat sich verbessert. Die Leute wollen die besten Methoden. Wenn ich Krebs habe, möchte ich so gut wie möglich behandelt werden. Das kostet mehr als früher. Der Anspruch an die Medizin ist gestiegen. Der IV-Bereich verlangt von den Ärzten heute viel mehr als früher.

Also sind Mehrkosten zu akzeptieren?

De Haller: Die Menschen wollen eine gute Versorgung. Für was soll der Staat denn da sein? Nur, um Autobahnen zu bauen und Kampfflugzeuge zu kaufen? Oder für die Solidarität, um die bestmögliche Gesundheit zu gewährleisten? Nun steigen Prämien bis zu 20 Prozent. Das ist ein technisches Problem der Finanzierung.

Es war ein politischer und ökonomischer Fehler von Bundesrat und Kassen, mit dem Abbau der Reserven die Prämiensteigerungen tiefer zu halten und damit in den letzten Jahren zu tiefe Prämien zu goutieren. Jetzt bezahlen wir die Zeche für diese Politik.

Die Prämien steigen enorm.

De Haller: Die Frage ist: Alles machen für alle, die es brauchen? Oder nicht? Letzteres hiesse Rationierung, etwa dass Leute ab 80 Jahren keine Hüftprothesen mehr bekommen. Das will niemand.

Vielleicht braucht es mehr Steuergelder für Prämienverbilligungen; oder einkommensabhängige Franchisen. So oder so: Die Politik muss entscheiden, ob in Gesundheit investiert werden soll, damit wir so lange gesund bleiben wie möglich.

Couchepin will die Hausärzte zulasten der Spezialärzte besserstellen. Auch hier sind Sie dagegen?

De Haller: Nein. Es bringt nur nichts.

Es gibt 6608 Grundversorger, Internisten, Allgemeinpraktiker, 106 freipraktizierende Urologen, 253 Orthopäden. Wenn Sie denen 100 000 Franken nehmen und sie den Grundversorgern geben, macht das keinen Sinn.

Aber Spezialisten sind bessergestellt

De Haller: Ja. Spezialisten, die mehr verdienen, verdienen aber nicht unbedingt zu viel. Sie verdienen weniger als Anwälte oder als Zahnärzte. Das Problem ist, dass der Hausarztberuf nicht motivierend ist für Nachwuchs.

Psychiater verdienen übrigens noch weniger als Grundversorger.

Die Hausärzte klagen über ihren Lohn. Nun möchte die Politik ihnen kostenneutral mehr Lohn geben. Doch Sie sind dagegen. Das macht auch keinen Sinn.

De Haller: Die Spezialisten verdienen gar nicht hauptsächlich via Tarmed. Sie verdienen via Privatversicherung. Am Tarmed zu basteln würde nichts bringen.

Geht es Ihnen darum, Hau- nicht gegen Spezialärzte auszuspielen?

De Haller: Die Politiker spielen Schwarzer Peter. Es ist unmöglich, kostenneutral umzuschichten. Das Geld ist im Rahmen des Tarmed nicht vorhanden.

Macht es Sinn, wenn der Ärztestop nur noch für Spezialisten gilt?

De Haller: Nein. Der Ärztestop ist eine Massnahme, die nicht wirklich überzeugend ist. Sie wird es auch nicht sein, wenn nur die Spezialisten darunter fallen.

Der Stop soll auch für Spezialisten in Spitalambulatorien gelten. Gerade dort ist der Kostenzuwachs enorm.

De Haller: Ja, aber ein Teil der Zunahme ist erwünscht, weil Behandlungen, die früher nur stationär möglich waren, heute im ambulanten Sektor stattfinden. Zudem findet der Notfalldienst in Zusammenarbeit mit Hausärzten mehr in Spitälern statt. Es ist aber nötig, dass die Kantone bei Spitalambulatorien weiter steuern.

Yves-Pierre Maillard, Präsident der Gesundheitsdirektoren, und der Preisüberwacher fordern ein neues Lohnsystem: Kopfpauschalen oder Fixlöhne statt einzelne Leistungen zu berechnen.

De Haller: Zunächst: Die Politik muss aufhören zu behaupten, die Ärzte würden generell mehr behandeln als notwendig. Dem ist nicht so – es gibt Studien, die beweisen das Gegenteil.

Maillard spricht von teils «überflüssigen Konsultationen»; der Luzerner Gesundheitsdirektor Markus Dürr redet von einem medizinischen Buffet, von dem aus die Ärzte «munter» Teller füllten.

De Haller: Diese Aussagen sind verletzend. Glauben Sie, dass Patienten freiwillig ein Spital aufsuchen oder Leistungen fordern, die sie nicht brauchen, nur weil es Spass macht? In der Medizin geht es darum, Patienten bestmöglich zu behandeln.

Zurück zu Fixlohn und Kopfpauschalen. Das bringt also auch nichts?

De Haller: Ein Fixlohn wäre schwierig umzusetzen, denn die Ärzte leisten Überstunden, Samstagnachmittags, an Sonntagen. Dann müssten wir kompensieren. Es geht ja nicht, dass ich meine Arztpraxis am Montag erst später öffne.

Und eine Kopfpauschale?

De Haller: Diese existiert. Es ist eine Art von Managed Care, eine Leistung via Ärztenetzwerk. Diese Ärzte bekommen pro Patient eine Pauschale. Das funktioniert nur gut, wenn es freiwillig ist.

Das heutige System impliziert, dass jeder frei den Arzt wählen kann.

Mit der Aufhebung der freien Arztwahl und des Vertragszwangs könnten Kassen Ärzte aussortieren, denen Kostenbewusstsein fehlt. Was spricht dagegen?

De Haller: Das ist vom Tisch. Das Volk hat den Verfassungsartikel, der an der freien Arztwahl rütteln wollte, abgelehnt.

So können sich Ärzte wie in der «geschützten Werkstatt» zurücklehnen?

De Haller: Weder die Praxis noch das Spital ist eine solche. Klar, die ärztliche Leistung wird vergütet. Aber die Arbeit muss man bewältigen. Zudem kann ein Arzt Patienten verlieren. Das durchschnittliche Einkommen eines Hausarztes beträgt rund 200 000 Franken. Nach Abzug von AHV, Zweiter und Dritter Säule bleiben rund 125 000 Franken.

Ist das nicht genug?

De Haller: Es ist ein Zeichen von mangelnder Wertschätzung, wenn das Einkommen stets sinkt, jedoch nach wie vor die gleiche Leistung erwartet wird.

Dann werden Sie nun also das Managed-Care-Modell fördern?

De Haller: Ja, dafür engagieren wir uns schon seit langem. Wir haben ein Grundlagendokument in die Gesundheitskommissionen gegeben. Möglicherweise wird Managed Care das neue normale System. Aber wir können diese Entwicklung nicht erzwingen. Zudem hat das System der Pauschalen seine Tücken.

Wie meinen Sie das?

De Haller: Es kann Druck erzeugt werden, eine billige Medizin zu betreiben. Ich glaube nicht, dass das mit Ärzten passiert. Eine Kontrolle ist aber notwendig, wie dies zum Beispiel mit dem neuen Spitalpauschaltarif der Fall sein wird.

Welche Kostensenkungsidee gibt's noch?

De Haller: Wir sehen Vorteile im Managed-Care-Modell, das vorübergehend zu einer Senkung der Kosten um 15 Prozent führen könnte. Weiter soll das Notfallwesen umgestaltet werden, indem Notfallpraxen vermehrt in Spitälern sind.

Damit erhalten die Hausärzte mehr Lebensqualität, was wichtig ist. Sonst sind sie ständig auf Abruf. Finanzielle Anreize zur Unterstützung von Hausärzten in Randregionen wäre eine weitere Idee.

Interview: Marcello Odermatt