«Bürger haben mehr Geld in der Tasche»

Es gehe ihm sehr gut, er habe keinen Grund, an Rücktritt zu denken, sagt Bundesrat Hans-Rudolf Merz. Im Interview mit unserer Zeitung spricht er über seinen Herzstillstand und erklärt, warum er trotz Wirtschaftsabschwung zuversichtlich bleibt.

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Hans-Rudolf Merz: «Gerade für junge Leute ist diese Krise auch eine Chance.» (Bild: Manuela Merk)

Hans-Rudolf Merz: «Gerade für junge Leute ist diese Krise auch eine Chance.» (Bild: Manuela Merk)

Herr Bundesrat Merz, was bedeutet Ihnen Weihnachten?

Hans-Rudolf Merz: Weihnachten ist die Zeit der Stille und der Einkehr. Für uns Christen ist es eines der wichtigsten Feste. Es bedeutet aber zunehmend auch Stress und Termindruck. Viele Leute haben darum gemischte Gefühle gegenüber dem Festtag.

Hat das Weihnachtsfest für Sie persönlich auch eine religiöse Bedeutung?

Merz: Als ältester Sohn der Familie durfte ich früher jeweils die Weihnachtsgeschichte lesen. Mir hat eingeleuchtet, dass es religionsbildende Persönlichkeiten wie Jesus gab, die eine derart starke Ausstrahlung, derart viel Charisma hatten, dass man ihnen glaubt, dass ein Glaube daraus entstand. Diese Einsicht ist bei mir heute noch vorhanden.

Sie entgingen im September nur knapp dem Tod. Hat sich Ihre Einstellung zum Leben seither verändert?

Merz: Ich bin gelassener geworden gegenüber den Aufregungen des Alltags. Viele Leute nehmen vieles viel zu wichtig. Aber in Bezug auf meine Aufgaben als Bundesrat hat sich nichts verändert. Ich habe den Vorfall leidenschaftslos weggesteckt. Eine medizinische Behandlung hat zum Ziel, den Patienten wieder arbeitsfähig zu machen. Und wenn das gelingt wie in meinem Fall, dann soll man auch wieder zur Arbeit gehen.

Die ganze Schweiz staunte über Ihre schnelle Rückkehr. Spüren Sie nie Ermüdungserscheinungen?

Merz: Ich habe fast mehr Kraft als vorher. Das Herz funktioniert ja jetzt besser, da die Arterien nicht mehr verstopft sind. Der Grund, dass ich so schnell wieder auf den Beinen war, ist meine Fitness. Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich bin schlank, ich treibe Sport und ich trinke grünen Tee. Der Herzstillstand selber war für mich eine böse Überraschung. Das kam von einer Sekunde auf die andere.

Ist es für Sie schon jetzt klar, dass Sie die ganze Amtszeit bis 2011 machen werden?

Merz: Im Moment geht es mir sehr gut. Ich habe keinen Grund, an Rücktritt zu denken. Aber ausgeschlossen ist es nicht. Es kann ja auch sein, dass meine Partei, die FDP, auf eine solche Idee kommt. Das geht manchmal rasch. Aber sicher ist: Ich werde nicht länger als 2011 bleiben.

Wo wollen Sie als Bundespräsident Schwerpunkte setzen?

Merz: Es gibt wahrscheinlich ein schwieriges Jahr. In einer solchen Situation muss ein Bundespräsident den Bürgerinnen und Bürgern Zuversicht geben. Denn nach der Kälte wird es auch wieder Frühling werden. Hungerkrisen, Kriegsmobilmachungen, Ölschock, Arbeitslosigkeit: Dieses Land hat schon manche Krise durchgestanden. Und es ging immer gestärkt daraus hervor, weil wir unseren Tugenden wie Fleiss, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Einsatz und Innovation treu geblieben sind. Diese Werte müssen wir auch jetzt hoch halten. Gerade für junge Leute ist diese Krise auch eine Chance. Sie können sich einbringen mit ihren unverbrauchten Energien, mit ihrer Innovation.

Welche Staatspräsidenten haben Sie bereits für einen Besuch eingeladen?

Merz: Schon Anfang Januar werde ich den österreichischen Bundeskanzler empfangen. Im Januar wird auch der chinesische Ministerpräsident mit einer grossen Delegation zu einem Arbeitsbesuch in die Schweiz reisen. Und dann ist auch ein Besuch des russischen Präsidenten Medwedew im September geplant. Es wäre schön für die Schweiz, wenn sich das ergeben würde, denn es wäre der erste Besuch eines russischen Präsidenten in unserem Land. Wir haben mit Russland eine strategische Partnerschaft. Das Land hat viele Rohstoffe. Die Schweiz muss ein Interesse daran haben, diese Beziehungen zu pflegen.

Bundesrat Maurer hat gesagt, er wolle der Bundesrat der «kleinen Leute» sein. Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zum «Volk»?

Merz: Ich gehe schon jetzt an viele Anlässe. Ich gehe auch in Herisau in die Läden um einzukaufen und treffe dort stets auch alte Kollegen aus Militär und Vereinen. Aber was heisst schon kleine Leute? Ein Vortrag in einem grossen Saal ist noch keine Begegnung mit dem Volk.

Werden Sie auch als Bundespräsident im Intercity von Herisau nach Bern reisen?

Merz: Ja sicher. Ich werde auch in alle Landesteile gehen. Es ist wichtig, dass ein Bundespräsident präsent ist. Er kann nicht das ganze Jahr im Büro sitzen.

Sie wurden in Herisau begeistert empfangen. Und haben gesagt, das wäre wohl der Höhepunkt des ganzen Amtsjahres. Spüren Sie bereits eine Abwärtsbewegung?

Merz: (lacht). Es ist erst wenige Tage her. Damit wollte ich sagen, wir leben in einem republikanischen System. Das heisst, dass gerade der Bundespräsident auch der Kritik ausgesetzt sein wird.

Kritik wurde bereits laut. Die Schweiz plant ein Konjunkturprogramm von einigen Hundert Millionen Franken. Ist das nicht mickrig angesichts der Dutzenden und Hunderten von Milliarden Franken, welche EU und USA aufwenden wollen, um die Konjunktur zu stützen?

Merz: Die Schweiz kommt weniger voluminös daher. Aber das, was wir beschlossen haben, wird sicher realisiert. In anderen Ländern ist immer auch viel Ankündigungsdiplomatie dabei. Man sollte nicht auf Vorrat Geld ausgeben, sondern dieses gezielt einsetzen. Die Lage der Schweiz ist vergleichbar mit karibischen Ländern, die einen Hurrikan erwarten. Die Häuser werden vernagelt, man muss bereit sein. Der Bundesrat hat mit diesen zwei Etappen beschlossen, die Bretter zu montieren. Vielleicht landet dann der Hurrikan aber auch an einem anderen Ort.

Das tönt optimistisch. Vielen Menschen macht die Krise aber Angst.

Merz: Es war zu erwarten, dass es wieder einmal einen Abschwung gibt. Seit dem Zweiten Weltkrieg hatte die Wirtschaft regelmässig diese Konjunkturzyklen. Es ist jetzt wichtig, kühlen Kopf zu bewahren. Es gibt hier eine Parallele zu meiner Krankheit: Zunächst muss das Problem erkannt werden und es sind Sofortmassnahmen zu treffen, um die Situation zu retten. Schliesslich muss die Behandlung eingeleitet werden, die die Gesundung sicherstellt. Dann gilt es Lehren zu ziehen. In der Finanzkrise hat der Bundesrat deshalb entschieden, die UBS und damit das Finanzsystem zu stabilisieren. Da sich die Finanzkrise auf die Realwirtschaft auswirkt, hat er ein Konjunkturprogramm aus mehreren Etappen aufgelegt. Ab 1. Januar geben wir im Rahmen der ersten Etappe mehrere hundert Millionen Franken zusätzlich aus: Diese Gelder sind wirkungsvoll investiert.

Täglich ereilen uns neue Hiobsbotschaften. Es sieht nach einer längeren Krise aus.

Merz: Das Seco hat nach bestem Wissen und Gewissen prognostiziert; danach schrumpft die Wirtschaft 2009 um 0,8 Prozent, aber bereits 2010 soll sie wieder um 1 Prozent wachsen. Ich vertraue auf diese Voraussagen. Ich möchte Schweizerinnen und Schweizer etwas beruhigen. Fast alle Branchen haben Reallohnerhöhungen angekündigt. Wir werden 2009 eine sehr tiefe Inflation haben. Hinzu kommen Steuererleichterungen. Alle haben deshalb nächstes Jahr mehr Geld in der Tasche. Interview: Jürg Ackermann/

Philipp Hufschmid, Bern