Medienschelte ist en vogue

Kommenden Mittwoch wird wieder zu Gericht gesessen: Das neue «Jahrbuch Qualität der Medien» wird vorgestellt. Vor einem Jahr hielten die Herausgeber vom Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich folgendes fest: «. . . ohne zivilgesellschaftlich gestützte medienpolitische Massnahmen wird sich die Reduktion der Qualität des Informationsjournalismus in den kleinen Medienmärkten der Schweiz weiter akzentuieren.»

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Philipp Landmark, Chefredaktor St.Galler Tagblatt. (Bild: Ralph Ribi)

Philipp Landmark, Chefredaktor St.Galler Tagblatt. (Bild: Ralph Ribi)

Man könnte die These auch verständlich formulieren: «Ohne staatliche Eingriffe geht die Qualität der Medien bachab.» Aber das wäre in den Augen der Wissenschafter vermutlich wieder eine der angeprangerten unzulässigen Zuspitzungen.

Philipp Landmark, Chefredaktor St.Galler Tagblatt. (Bild: Ralph Ribi)

Philipp Landmark, Chefredaktor St.Galler Tagblatt. (Bild: Ralph Ribi)

Hier lässt sich ein grundlegendes Problem der Medien-Debatte festmachen. Während Journalistinnen und Journalisten darauf konditioniert sind, ein Problem anschaulich darzustellen, halten ihnen einzelne Medienwissenschafter allen Ernstes vor, dass sie «unterkomplex» formulieren. Offenbar ist es unsexy, verständlich zu sein. Umgekehrt verwundert es nicht, dass die Medienwissenschaft beklagt, von den Medien nicht gehört, geschweige denn verstanden zu werden.

Einschub: Genau so wenig, wie es «die Medien» gibt, darf man die Medienwissenschaft über einen Leisten schlagen und nur an ihren Lautsprechern messen. Gerade aus Ostschweizer Sicht darf man feststellen, dass etwa das Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen den Draht zur journalistischen Praxis pflegt.

Das Jahrbuch aus Zürich (in dem die Ostschweiz ein weisser Fleck bleibt) folgt theoretischen Ansätzen und einer sperrigen Qualitätsdefinition. Es ist deshalb nicht zu erwarten, dass der neue Jahrgang zu grundsätzlich anderen Erkenntnissen kommt, vielmehr werden sich auch darin zahlreiche Belege für die Notwendigkeit staatlichen Handelns finden. Vor allem die politische Linke wittert in den Befunden die Chance, über Fördermassnahmen massiv in den Markt einzugreifen. Der Bundesrat ist da weniger voreilig und lässt sich von einer mit Experten besetzten Medienkommission Empfehlungen erarbeiten.

Begründet wird all dies mit der – unbestrittenen – Bedeutung der Medien für das Funktionieren der Demokratie.

Darauf beruft sich auch Bundespräsident Ueli Maurer, wenn er den Medien an den Karren fährt. Vor fünf Jahren schon las Maurer den Schweizer Verlegern und ihren zugewandten Orten tüchtig die Leviten. Seine Rede wurde damals als oberflächlich und flapsig empfunden – nicht zuletzt, weil Maurer stets betonte, dass er die Zeitungen, die er scharf kritisierte, gar nicht liest. Vor wenigen Tagen nun trat Maurer erneut vor die Spitzen der Schweizer Medien und recycelte seine damalige Rede weitgehend: Kernige Sätze, kaum Substanz. Diesmal pöbelte die Branchen-Spitze zurück, es gab Buhrufe und Pfiffe.

Sind die Verleger und die Chefredaktoren dünnhäutiger geworden? Ja, vermutlich auch das. In einer Zeit, in der das Geschäftsmodell Zeitung grundlegend in Frage gestellt wird, erträgt man notorische Nörgler und selbstzufriedene Besserwisser schlecht. Unabhängig davon, ob sie Recht haben oder nicht.

Im dichten Rauch ist es oft schwierig, die eigentlichen Brandherde auszumachen. Das ist bei der Medienkritik nicht anders: Sie ist en vogue, das Wehklagen ist vielstimmig. Manch ein lauter, aber leicht zu parierender Vorwurf übertönt dabei schnell einmal subtiler geäusserte, aber eben auch substanziellere Kritik.

Ueli Maurers Vorwurf, die Medien produzierten alle «Mainstream», verpufft, weil er als Messlatte einschlägige SVP-Positionen doziert. Dabei wäre es tatsächlich spannend, die Wechselwirkung der Medien untereinander genauer zu untersuchen. Dank Online-Plattformen und Sozialen Medien wissen Journalistinnen und Journalisten heute sehr viel schneller und genauer, was ihre Kolleginnen und Kollegen in anderen Häusern machen. Das führt dazu, dass grosse Geschichten wohl noch grösser werden. Aber ist das nur falsch?

Ein gutes Beispiel für diesen Mechanismus ist der Fall «Carlos» (die absurd teuren Therapie- und Hätschel-Massnahmen für einen jugendlichen Kriminellen). Keine Zeitung konnte es sich leisten, die Story zu ignorieren. Aber: Die Redaktionen haben nicht einfach «Empörungsbewirtschaftung» betrieben, wie ihnen gerne vorgehalten wird. Vielmehr konnte man unzählige differenzierte Hintergrundartikel, regionale Zusatzrecherchen, vertiefende Interviews und kluge Analysen lesen. Ist das nun Mainstream, wenn sich die Medien des Landes in durchaus unterschiedlicher Herangehensweise mit dem selben aktuellen Thema befassen?

Die Sorge um die Zukunft der Medien ist berechtigt. Daraus lässt sich aber noch keine Berechtigung ableiten, die heutigen Schweizer Medien pauschal schlechtzureden. Philipp Landmark

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