«Ich würde weiterarbeiten»

Dass ein bedingungsloses Grundeinkommen träge machen würde, sei ein Vorurteil, sagt Theo Wehner, Professor für Arbeitspsychologie.

Eveline Rutz
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Die Gegner eines bedingungslosen Grundeinkommens glauben, dass viele Menschen die Arbeit niederlegen würden. (Bild: fotolia)

Die Gegner eines bedingungslosen Grundeinkommens glauben, dass viele Menschen die Arbeit niederlegen würden. (Bild: fotolia)

Herr Wehner, erhielten alle ein bedingungsloses Grundeinkommen, würden sich doch viele zurücklehnen.

Theo Wehner: Hinter dieser Vermutung steht ein Menschenbild, welches viel mit der heutigen Arbeitswelt zu tun haben muss. Es geht davon aus, dass die Menschen nur arbeiten, wenn sie dazu angetrieben werden – wenn sie sonst in ihrer Existenz bedroht sind. Es ist mir ein Rätsel, wie man dieses Stereotyp auf ein neu zu entwerfendes Gesellschaftsmodell übertragen kann.

Sie gehen nicht davon aus, dass ein Grundeinkommen faul macht?

Wehner: Nein, das ist ein Vorurteil. Es stimmt zwar, dass es Sozialhilfebezüger und Langzeitarbeitslose gibt, die keinen Antrieb haben und sich nicht um Arbeit bemühen. Viele sind jedoch erschöpft und hoffnungslos aufgrund ihrer Arbeitserfahrungen in der momentanen Gesellschaft. Wie sich die 1:12-Initiative auswirken würde, kann man abschätzen. Man kann etwa die Steuerausfälle oder die Abwanderung der Topverdiener berechnen. Beim Grundeinkommen fällt eine Prognose hingegen schwer. Man kann über die Wirkungen wenig sagen und sollte vielmehr über die Möglichkeiten nachdenken.

Theo Wehner, Professor für Arbeitspsychologie an der ETH Zürich. (Bild: SRF)

Theo Wehner, Professor für Arbeitspsychologie an der ETH Zürich. (Bild: SRF)

Worin bestehen diese?

Wehner: Die heutige Arbeitswelt ist für viele belastend und führt nicht zur Erfüllung von beruflichen Vorstellungen, oft sogar zu gesundheitlichen Problemen. Würde das Grundeinkommen eingeführt, wäre man stärker damit konfrontiert, was man tun will. Man könnte, ja müsste seinen Neigungen nachgehen. Heute ist die Berufswahl massgeblich von der Frage geprägt, ob man eine sichere Stelle finden und ausreichend Geld für den eigenen Unterhalt oder den einer ganzen Familie verdienen wird.

Das heisst, man wäre in der Berufswahl freier.

Wehner: Freier, aber auch stärker herausgefordert. Man könnte Frustrationen nicht mehr runterschlucken und sagen: Ich muss diesen Job halt machen. Die Eigenverantwortung und das Ergründen des Selbst würden zunehmen.

Gibt man Jugendlichen nicht ein falsches Signal, wenn man ihnen quasi eine Staatsrente in Aussicht stellt?

Wehner: Es ist ja nicht so, dass man von 2500 Franken pro Monat feudal leben könnte. Man nähme den Leuten damit die Existenzangst. Wünsche und Hoffnungen würden jedoch nicht beseitigt. Im Gegenteil: Jugendliche würden ermutigt, das zu tun, was ihnen wirklich liegt. Wer etwa Künstler werden möchte, müsste nicht mehr fürchten, in einem brotlosen Job zu landen.

Letztlich fördert ein Grundeinkommen eine egoistische Sichtweise. Jeder verwirklicht in erster Linie sich selbst.

Wehner: Ob das egoistisch ist, weiss ich nicht; es ist eher individualistisch. In der jetzigen Arbeitswelt ist Egoismus jedenfalls weit verbreitet. Die Konkurrenz ist riesig. Um sich durchzusetzen, braucht man starke Ellbogen. Der Mensch wird nicht als Egoist geboren, es sind die äusseren Bedingungen, die ihn dazu machen.

Wer würde noch zu 100 Prozent erwerbstätig sein?

Wehner: Sehr viele. Ich würde weiterhin an der Hochschule lehren. Doch was sind schon 100 Prozent? Ärzte arbeiten heute 70 oder 80 Stunden pro Woche, was der Qualität ihrer Arbeit nicht unbedingt gut tut. Um das Notwendige produzieren zu können, müssen wir jedenfalls nicht 40 Stunden pro Woche arbeiten. Das belegen die Arbeitslosenquoten in allen Ländern der Welt. In der EU beträgt sie elf Prozent.

Wie würde sich ein Grundeinkommen auf das Befinden von Arbeitslosen auswirken?

Wehner: Sie würden nicht mehr stigmatisiert. In der Schweiz, wo die Arbeitslosigkeit tief ist, plagen sie unweigerlich Selbstzweifel. Im jetzigen System haben sie das Gefühl, versagt zu haben. Diese negativen Emotionen wären weg und neue Antriebskräfte würden wach.

Die Schweiz würde sich international isolieren. Welche Folgen hätte dies?

Wehner: Das Modell könnte andere Gesellschaften beleben oder Konkurrenz auslösen. Die Folgen sind nicht wirklich abschätzbar. Grundsätzlich stösst das heutige System an seine Grenzen. Ein Umdenken muss so oder so stattfinden. In Namibia hat sich ein Grundeinkommen bewährt, um die Armut zu bekämpfen. In Brasilien will man damit Wachstum ermöglichen und in der Schweiz Wohlstand umverteilen. Das sind ganz unterschiedliche Ansätze.

Welche Erfahrungen wurden in Namibia konkret gemacht?

Wehner: Der Zusammenhalt in jedem Bezirk nahm deutlich zu. Viel von dem Geld, das nicht unmittelbar für das Alltägliche gebraucht wurde, ist in die Bildung der Kinder geflossen. Das lag auch daran, dass die Frauen das Einkommen verwaltet haben. Die Auswirkungen waren aber nicht so, dass alle nur noch träge in die Sonne gelegen hätten.

Kritik kommt nicht nur aus der Wirtschaft, sondern auch von den Gewerkschaften. Worauf führen Sie dies zurück?

Wehner: Die Gewerkschaften, die sich als Anwälte der Arbeitnehmer verstehen, müssten ihre Rolle völlig neu definieren. Die Rekrutierung würde sich beispielsweise verändern. Arbeitnehmer müssten sich nicht mehr um eine Stelle bewerben, sie würden von Unternehmen angefragt und könnten von zehn Angeboten neun ablehnen. Die gewerkschaftliche Position in der Tarifauseinandersetzung bräuchte es aber sicher immer noch.

Wäre Ihre berufliche Laufbahn anders verlaufen, wenn Sie ein Grundeinkommen erhalten hätten?

Wehner: Ich bin auf dem zweiten Bildungsweg an die Universität gelangt. Meine Eltern haben mir mitgegeben, dass man sich laufend weiterentwickeln sollte. Hätte ich gar nicht darauf achten müssen, mir meine Existenz zu sichern, hätte ich wohl noch mehr ausprobiert. Und ich wäre vielleicht früher ausgestiegen, um einer jüngeren Kollegin Platz zu machen.