«Ein Schritt hin zur Realität»

Das Schlussdokument der Familien-Synode wird als vage formulierter Kompromiss kritisiert. Der St. Galler Bischof Markus Büchel, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, beurteilt das Dokument positiver.

Richard Clavadetscher
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Bischof Markus: «Papst Franziskus will auch die Kirche auf einen Weg führen. Dies ist zentral bei ihm.» (Bild: Ralph Ribi)

Bischof Markus: «Papst Franziskus will auch die Kirche auf einen Weg führen. Dies ist zentral bei ihm.» (Bild: Ralph Ribi)

Bischof Markus, das Schlussdokument der Familien-Synode liegt seit ein paar Tagen vor. Was lesen Sie daraus?

Bischof Markus: Ich habe die ausserordentliche Synode im letzten Jahr persönlich miterlebt und kann deshalb feststellen, dass das aktuelle Schlussdokument konkreter ist als das letztjährige. Es setzt stark an bei der Wahrnehmung der realen Familiensituationen. Gegenüber der ausserordentlichen Synode 2014, die theoretischer und dogmatischer geprägt war, ist ein Schritt hin zur Realität gelungen.

Papst Franziskus sagte an der Synode, es sei nicht erste Aufgabe der Kirche, zu verurteilen, sondern Barmherzigkeit zu verkünden. Man könnte auch sagen: Die Kirche ist nicht primär da, um zu massregeln, sondern um die Menschen zu begleiten auf ihrem Weg zum Heil. Diese päpstliche Haltung wird Sie glücklich machen: Wenn wir es richtig sehen, haben Sie diese Meinung eigentlich seit je vertreten.

Bischof Markus: Ich habe mich in der Auseinandersetzung mit den Gedanken von Papst Franziskus tatsächlich immer wieder bestätigt gefühlt in meiner bisherigen Arbeit. Vielleicht ist dies deshalb so, weil sowohl Papst Franziskus als auch ich einen langen pastoralen Weg als Seelsorger an der Kirchenbasis hinter uns haben. Dieses Erleben der pastoralen Realität prägt ja dann die Optik. Wenn man beim realen Menschen beginnt und ihn hinführen will zu hohen Idealen, dann weiss man, dass es oft lange Wege sind. Die Synode zeigte: Papst Franziskus will auch die Kirche auf einen Weg führen. Dies ist zentral bei ihm.

Finden Sie von dieser päpstlichen Haltung auch etwas im Schlussdokument?

Bischof Markus: Das Dokument zeigt, dass das Wort «begleiten» wichtig geworden ist. Für die Pastorale war es das schon immer. In den Umfragen, die wir machten, sagen die Menschen, sie würden die Lehre nicht mehr begreifen, sie habe wenig Realitätsbezug. Der Papst sagt nun: Die Lehre bleibt bestehen. An ihr können und wollen wir nicht rütteln. Sie ist ein hohes Ideal, das uns offenbart ist von Jesus Christus, von Gott. Wir wollen den Menschen aber immer tiefer hineinführen in den Glauben, in die Verbindung zu Christus, ihn – eben – auf diesem Weg begleiten.

Der bisweilen harsche Ton konservativer Kreise, wenn diese sich anschicken, Menschen zu beurteilen, er fehlt im Dokument völlig.

Bischof Markus: Er fällt weg, ja. Das heisst nun nicht, dass er nicht trotzdem da ist im realen Leben. Im Dokument aber ist er nicht vorhanden. Das ist gerade eine seiner Stärken: Es nimmt die Realität ernst. Die Realität ist, dass die Interpretation von Partnerschaft und Familie sich durch die Zeit verändert hat in unserer Gesellschaft und in den verschiedenen Kulturen. Damit müssen wir uns, muss sich die Kirche auseinandersetzen.

Die 94 Paragraphen des Schlussdokuments sind sehr allgemein gefasst. Dies geschah wohl, um möglichst viele Synode-Teilnehmer dahinter zu versammeln?

Bischof Markus: Es ist erstaunlich und zu anerkennen: Da ist ein Text verfasst worden, den Kardinäle und Bischöfe im Bewusstsein ihrer grossen Verantwortung für die Botschaft des Glaubens mit Zweidrittelsmehrheit Punkt für Punkt gutheissen konnten. Das ist ein hoher Level. Bedenken Sie, dass da Menschen einem Text zugestimmt haben, die aus allen Kontinenten und Kulturen sowie aus den verschiedensten Kontexten kommen. Was die Synode sagt und auch der Papst besonders betont: Es wird nun auch die «untere Basis», die Bischöfe, in die Verantwortung genommen. Ihnen wird zugetraut, dass sie dort, wo sie wirken, versuchen, diesen Geist in die Realität umzusetzen.

Es ging bei dieser Synode ja um Fragen zu Ehe und Familie. Nun ist die katholische Kirche eine Weltkirche. Gleichzeitig sind die gesellschaftlichen Realitäten auf der Welt sehr unterschiedlich. Gibt es für die Kirche überhaupt eine Möglichkeit, zu einer realitätsnahen und universell akzeptierten gesellschaftlichen Doktrin zu gelangen?

Bischof Markus: Sicher. Wenn wir von der Familie sprechen in der katholischen Kirche, dann meinen wir Mann und Frau, die mit Kindern zusammenleben. Diese Urzelle ist in jeder Kultur dieselbe. Deshalb kann sich die Kirche meiner Meinung nach auch global dazu äussern – wenn sie darauf achtet, dass es kulturelle Einflüsse gibt, die ebenfalls auf diese Urzelle einwirken.

Vor allem Wiederverheiratete und gleichgeschlechtliche Paare haben mit grossen Erwartungen auf diese Synode geschaut. Bei mindestens einer dieser beiden Gruppen jedoch könnte die kulturelle Akzeptanz je nach Weltgegend unterschiedlicher nicht sein. Was bedeutet dies denn nun für die katholische Kirche?

Bischof Markus: Es bedeutet eben, dass da genau hinzuschauen ist und nicht einfach pauschal geurteilt werden kann. Dies auch bei grundsätzlichen Fragen wie etwa der Zulassung zur Kommunion. Das genaue Hinschauen und das Würdigen der konkreten Situation, beides kann dabei zu unterschiedlichen Resultaten führen.

Bei diesen Wiederverheirateten soll nicht einfach «nach Schema F» geurteilt, sondern erst die konkrete Situation betrachtet werden. War das nicht bisher schon so? Bereits Papst Johannes Paul II. sagte ja, es sei bei Geschiedenen zu unterscheiden zwischen unschuldig Verlassenen und anderen. Ist das also nicht treten an Ort?

Bischof Markus: Ein Stück weit. Aber in der sehr dogmatisch geprägten Diskussion, wie sie bisher geführt worden ist, war die entsprechende Äusserung von Papst Johannes Paul II. nicht sehr präsent. Für mich ist dies das Schöne, dass diese Äusserung wieder in den Vordergrund rückt. Wissen Sie, in der pastoralen Praxis war das eigentlich schon immer so. Da vermitteln wir den Menschen schon immer, dass sie dazugehören.

In Europa und insbesondere im deutschsprachigen Raum finden Wiederverheiratete und Homosexuelle im Schlussdokument ihre Erwartungen wohl nicht erfüllt. Sie dürften entsprechend enttäuscht sein. Was sagen Sie diesen Enttäuschten und Ungeduldigen?

Bischof Markus: Da war eben eine gewisse Verengung in Bezug auf die Erwartungen. Alles ist auf diese beiden Gruppen, auf diese Themen fixiert gewesen. Man wollte ein klares Ja oder ein klares Nein hören. Genau diese Verengung hat die Synode jetzt aber aufgebrochen. Sie sagt, diese Fragen seien so delikat, dass sie personen- und situationsbezogen zu betrachten, zu entscheiden und zu lösen sind. Dies gleichzeitig, ohne den Grundsatz der Unauflöslichkeit der Ehe aufzugeben.

Das Schlussdokument bindet den Papst nicht. Man wartet deshalb nun gespannt auf seine umfassende, das Schlussdokument einbeziehende Äusserung – auf Leitlinien mithin. Worauf hoffen Sie diesbezüglich?

Bischof Markus: Auch ich bin gespannt auf diese Leitlinien. Möglich, dass der Papst uns überraschen wird mit den Zeichen, die er setzen will. Ich bin jedoch heute überzeugt, er wird weiterhin vertreten, dass wir nicht einfach verurteilen, sondern Wege suchen sollen, auf denen die Menschen die Liebe und die Barmherzigkeit Gottes erfahren können. Ich denke, die Menschen werden dies als befreiend empfinden.