«Diese Kantonalbanken sind ein Klumpenrisiko»

Mehrere Kantonalbanken wie jene in Innerrhoden sind im Verhältnis zur Wirtschaftskraft ihrer Standortkantone enorm gross. Bankenexperten wie Hans Geiger warnen vor Risiken für den Steuerzahler.

David Schaffner
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Beide Banken sind auf ihre Art sehr gross: Der Hauptsitz der APPKB in Appenzell sowie der Hauptsitz der UBS in Zürich. (Bild: Stefan Rsÿtheli augenweiden.ch)

Beide Banken sind auf ihre Art sehr gross: Der Hauptsitz der APPKB in Appenzell sowie der Hauptsitz der UBS in Zürich. (Bild: Stefan Rsÿtheli augenweiden.ch)

Seit der Bund 2008 die UBS mit sechs Milliarden Franken vor dem Untergang retten musste, ist die Grösse der Banken eine der drängendsten Sorgen der Politik. Vor rund einem Monat erhielt die Zürcher Kantonalbank (ZKB) den offiziellen Stempel als Bank, die «too big to fail» ist. Solche Finanzhäuser sind derart bedeutend, dass sie im Falle eines Konkurses weite Teile der Schweizer Wirtschaft mit in den Untergang reissen würden. Für die ZKB gelten daher künftig strengere Gesetze, so wie es bei UBS und Credit Suisse bereits heute der Fall ist. Wahrscheinlich ist, dass auch Raiffeisen bald als sogenannt systemrelevant gilt.

Kaum beachtet in der Debatte blieb bisher die kantonale Ebene: Wie gross sind die Kantonalbanken, die wegen der Staatshaftung im Falle einer Krise ebenfalls vom Staat – in diesem Fall dem Eignerkanton – gerettet werden müssten? Der Zürcher Bankenprofessor und Too-big-to-fail-Experte Urs Birchler ist der Frage nachgegangen und hat eine Berechnung erstellt. Die Resultate sind überraschend: Nicht etwa die ZKB ist eine vergleichsweise grosse Bank, sondern insbesondere die Appenzeller (APPKB) sowie die Obwaldner Kantonalbank (OKB) führen Bilanzen, die im Verhältnis zur Wirtschaftskraft ihrer Standortkantone besonders hoch sind (siehe Grafik).

«Ein Klumpenrisiko»

So wies die APPKB im Jahr 2011 eine Bilanzsumme aus, die mit 2,3 Milliarden Franken rund dreimal so gross ist wie die kantonale Wirtschaftskraft, die im selben Jahr insgesamt 798 Millionen betrug. Konkret bedeutet dies: Im Falle eines Totalverlustes müssten die Innerrhoder drei Jahre lang arbeiten, um diesen decken zu können.

Im Kanton Obwalden betrug der Faktor rund 1,7. Zum Vergleich: Die UBS als grösste Schweizer Bank war im Jahr 2011 rund 2,4mal so gross wie das Bruttoinlandprodukt, wie die Fachleute die Wirtschaftskraft der Schweiz nennen. Besorgt stellt Birchler in bezug auf die Kantonalbanken fest: «In der Spitzengruppe befinden sich die Institute zum Teil in kleinen Kantonen, die an einem Grossverlust ihrer Kantonalbank arg zu beissen hätten.»

Aus dem Vergleich mit der UBS zu schliessen, dass Innerrhoden die APPKB sowie Obwalden die OKB für «too big to fail» erklären müssten, wäre zwar falsch. Von systemrelevanten Banken sprechen Ökonomen nur dann, wenn ein Institut für das ganze Land zu einer Gefahr werden könnte, wie der emeritierte Bankenprofessor Hans Geiger erklärt. Dennoch teilt er die Besorgnis seines Kollegen Birchler und betont: «Diese Kantonalbanken sind ein Klumpenrisiko für den Kanton.» Würde eine dieser Banken grosse Verluste erleiden, «könnte der Eignerkanton diese kaum verkraften». Im Fall der APPKB meint Geiger: «Das Risiko ist für diesen Kanton und seine Steuerzahler überdimensioniert.»

«95 Prozent Gegenwert»

Auf gar keinen Fall, sagen dazu hingegen das Innerrhoder und das Obwaldner Finanzhaus respektive ihre Eignerkantone: «Die Tatsache, dass die APPKB eine Bilanzsumme von heute 2,5 Milliarden Franken aufweist, ist für Innerrhoden kein Problem», erklärt der Innerrhoder Landammann Daniel Fässler, der zudem Mitglied des Bankrats ist. Ähnlich äussert sich Ueli Manser, der Direktor des Instituts mit 92 Mitarbeitern: «Wir bauen auf ein konservatives Geschäftsmodell und setzen auf überblickbare Strukturen.» Bei den Kundenausleihungen handle es sich mehrheitlich um Finanzierungen von Eigenheimen und Wohnbauten. Gehe ein Schuldner in den Konkurs, seien die Ausleihungen daher mit Sicherheiten hinterlegt.

Gleich argumentiert Edith Heller, die Sprecherin der Obwaldner Kantonalbank: «Bei Zusammenbrüchen käme die OKW in über 95 Prozent der Ausleihungen zu einem Gegenwert in Form von Land und Bauten.» Dies bestätigt auch der Finanzmarktexperte und SVP-Nationalrat Hans Kaufmann, einer der besten Kenner der Schweizer Finanzmarktgesetze: «Das Risiko einer Kantonalbank ist nicht mit der Bilanzsumme gleichzusetzen», erklärt der Zürcher, der im Bankrat der ZKB sitzt. «In der Praxis dürfte sich das Verlustrisiko wahrscheinlich höchstens auf einige Prozente dieser Summe reduzieren.» Risikodämpfend wirkt sich bei den kantonalen Instituten zudem aus, dass sie keinen Eigenhandel betreiben und im Falle der APPKB und der OKB nur im Inland tätig sind. Das Eigenkapital der Appenzeller liegt derzeit mit 216 Millionen Franken um mehr als einen Drittel höher als gesetzlich erfordert.

Wie die Banken wuchsen

Zu ihrer erstaunlichen Grösse kamen die beiden Banken übrigens aus unterschiedlichen Gründen: Die APPKB profitierte ab 1996 davon, dass die Ausserrhoder ihre durch Misswirtschaft geschwächte Bank an die damalige Schweizerische Bankgesellschaft verkauften (siehe Text unten). «Viele Bewohner von Ausserrhoden arbeiten gerne mit uns als Haupt- oder Nebenbank zusammen», erklärt Direktor Manser. Dem Kanton schüttete sein Institut im letzten Jahr 7,5 Millionen Franken aus.

In Obwalden hingegen hätten die Steuersenkungen durch die Regierung dazu geführt, dass viele Firmen und Private im Kanton investierten und bauten. «Der OKB ist es gelungen, an diesem Wachstum massgeblich zu partizipieren», erklärt Sprecherin Heller.

Blick auf den Paradeplatz mit dem Hauptsitz der Credit Suisse, rechts, und der UBS, am Donnerstag, 8. Juli 2010 in Zuerich. National und international wird nach Loesungen des Too Big To Fail-Problems gesucht. Eine Studie der Universitaet Zuerich im Auftrag der SP kommt zum Schluss, dass Wandelschulden das beste Mittel gegen die faktische Staatsgarantie für Grossbanken sind.(KEYSTONE/Alessandro Della Bella) (Bild: ALESSANDRO DELLA BELLA (KEYSTONE))

Blick auf den Paradeplatz mit dem Hauptsitz der Credit Suisse, rechts, und der UBS, am Donnerstag, 8. Juli 2010 in Zuerich. National und international wird nach Loesungen des Too Big To Fail-Problems gesucht. Eine Studie der Universitaet Zuerich im Auftrag der SP kommt zum Schluss, dass Wandelschulden das beste Mittel gegen die faktische Staatsgarantie für Grossbanken sind.(KEYSTONE/Alessandro Della Bella) (Bild: ALESSANDRO DELLA BELLA (KEYSTONE))

Gebäude der ARKB in Herisau 1993. (Bild: STR (KEYSTONE))

Gebäude der ARKB in Herisau 1993. (Bild: STR (KEYSTONE))