Urteil: Mangelhaft

Die Schweizer Medien sind von einem Team um den Soziologen Kurt Imhof zum drittenmal einem Qualitätstest unterworfen worden. Themen waren unter anderem: Wahlen und Kriminalität. Rolf App

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Mediale Aufmerksamkeit mit Folgen: Der Prozess gegen den Mörder von Lucie Trezzini. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Mediale Aufmerksamkeit mit Folgen: Der Prozess gegen den Mörder von Lucie Trezzini. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

In einer idealen Medienwelt berichten Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen sachlich und ausgewogen. Sie bemühen sich, Ereignisse einzuordnen, berücksichtigen nur, was auch wichtig ist, und vermeiden jede Übertreibung. Schon gar nicht treten sie den Menschen zu nahe, von denen ihre Beiträge handeln.

Das dritte Jahrbuch

Leider sieht die reale Medienwelt ziemlich anders aus. Wie genau, das hat ein Forscherteam um den Soziologen und Politologen Kurt Imhof von der Universität Zürich detailliert untersucht und gestern in Bern präsentiert. Das mittlerweile dritte Jahrbuch «Qualität der Medien»* ist ein grossformatiger Wälzer, gekostet hat seine Erarbeitung eine halbe Million Franken – die Druckkosten noch nicht berücksichtigt.

«10 vor 10» schlägt «Tagesschau»

Dass sich das Unternehmen lohnt, ist kaum zu bezweifeln. Die Situation der Medien ist in vielerlei Hinsicht besorgniserregend – auch in Bezug auf die Qualität mancher Produkte. Seit Jahren lodern denn auch immer wieder Debatten darüber auf, was Medien dürfen – und was nicht.

Allerdings gibt das eine oder andere Resultat des Jahrbuchs (siehe Kasten) schon an der Medienkonferenz zu reden. Zum Beispiel die Tatsache, dass die Nachrichtensendung «10 vor 10» punkto Sachlichkeit und Einordnungsleistung besser abschneidet als die «Tagesschau». Sie erklärt sich nicht zuletzt aus den unterschiedlichen Rollen der beiden Fernsehsendungen: Die «Tagesschau» bringt mehr reine Nachrichten, «10 vor 10» kann sie dann hintergründig beleuchten. Mit unterschiedlicher Qualität hat das wenig zu tun.

Schon dieses Beispiel zeigt: Der Teufel steckt bei diesem Jahrbuch im Detail. Das fängt schon bei der Frage an, was eigentlich Qualität im Falle der Medien bedeutet. «Oft wird gesagt, Qualität sei ein Puddingbegriff», sagt Forschungsleiter Mark Eisenegger. «Das stimmt aber nicht.» Qualität bemesse sich «nach dem Grad der Erfüllung zentraler Funktionen der Medien für den demokratischen Prozess».

Das heisst: Dieser Qualitätsbegriff hat einen staatspolitischen Hintergrund, was durchaus sein darf. Das heisst aber auch: Er führt zur Abwertung vieler gesellschaftlicher Vorgänge. Sie sind, in der Nomenklatur der Forscher, «Soft news» und stehen weit weniger hoch im Kurs als die «Hard news».

Mord und Sexualverbrechen

Doch bei aller Kritik im Einzelnen – auch die im Bericht enthaltene Vertiefungsstudie zur Lage der Medienkritik wirft etliche Fragen auf –, wird man doch manches für bedenkenswert halten, was Imhofs rund sechzig Mitarbeiter umfassende Truppe zutage fördert. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass sich die Kriminalitätsberichterstattung nicht nur des Boulevard in einem die Relationen missachtenden Mass mit schweren Delikten gegen Leib und Leben und gegen die sexuelle Integrität befasst hat. «Das Ausmass dieser Beschäftigung führt dazu, dass sich ein Gefühl der Bedrohung einstellt, das der Realität nicht entspricht», sagt Eisenegger. «Zudem ist diese Berichterstattung selten hintergründig – und oft noch verbunden mit der Diffamierung Angeschuldigter, noch bevor sie verurteilt sind.» Die Berichterstattung über den Tötungsfall Lucie Trezzini habe sogar die Revision des Strafgesetzbuches beeinflusst.

Bessere Wahlbilanz als 2007

Besser fällt das Urteil einer Studie zu den Wahlen aus. Zwar zeigt sich über eine längere Frist, dass die Parlamentswahlen gegenüber den Bundesratswahlen an Gewicht verlieren. Aber im vergangenen Jahr war im Unterschied zu 2007 eine grössere Vielfalt an Themen und Akteuren in den Medien präsent. Dafür mangelte es an der Einordnung – wohl eine Folge zu knapper Ressourcen.

Dass sich die Politik der Lage der Medien annehmen sollte, davon ist Kurt Imhof überzeugt. «Wir brauchen eine gattungsunabhängige Förderung des Informationsjournalismus», sagt er, «und zwar über eine staatsferne Stiftung.» Und er fügt bei: «Warum die Mittel dafür nicht aus einer Abgabe auf Werbung aller Art gewinnen?»

* Jahrbuch 2012 Qualität der Medien, Schwabe-Verlag