Süsser Dampf mit Nikotin

E-Zigaretten dürfen mit Aromen, aber nicht mit Nikotin verkauft werden. Dies soll sich 2018 ändern. Einem Thurgauer Händler dauert das zu lange. Und Experten warnen derweil vor E-Zigaretten zur Raucherentwöhnung.

Chris Gilb
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Mehrere tausend verschiedene Aromen werden für E-Zigaretten angeboten, dazu gehört auch ganz klassisch das Tabak-Aroma. (Bild: ky/Christian Beutler)

Mehrere tausend verschiedene Aromen werden für E-Zigaretten angeboten, dazu gehört auch ganz klassisch das Tabak-Aroma. (Bild: ky/Christian Beutler)

Der «Dampferkönig», ein Franchise-Geschäft in Au mit Produkten der InSmoke AG, organisiert einmal jährlich einen sogenannten Dampferstammtisch. Die Tische einer Beiz sind dann jeweils gefüllt mit Koffern, in denen auch eine Bohrmaschine Platz hätte, die aber in Wahrheit mit dem E-Zigaretten-Zubehör der anwesenden Raucher gefüllt sind. Dazu gehören der Verdampfer, der Akku samt Ladestation und etliche Liquids, Flüssigkeiten mit Aromastoffen und je nachdem mit Nikotin. Durch Erhitzung werden die Liquids in der E-Zigarette verdampft. «Dampfen macht eben Spass», sagt Irene Ott, Geschäftsführerin des «Dampferkönigs».

Kampf fürs Nikotin

Man sieht sie immer öfters an diversesten Orten: Personen mit einer E-Zigarette im Mund, die Dampfwolken ausstossen, etwa in Supermärkten oder Restaurants. Früher auch im Zug, dort hat die SBB E-Zigaretten aber zwischenzeitlich verboten.

Bisher fallen elektronische Zigaretten in der Schweiz unter das Lebensmittelgesetz. Deshalb ist es zwar erlaubt, sie auch in geschlossenen Räumen wie einem Restaurant zu konsumieren. Geschäfte dürfen jedoch nur Liquids mit Aroma, nicht jedoch mit Nikotin verkaufen; weil Nikotin als Lebensmittelzusatz nicht erlaubt ist. Vom Ausland jedoch dürfen Schweizer Konsumenten 150 Milliliter nikotinhaltiger Liquids einführen.

Einer der etlichen Schweizer Vertreiber für E-Zigaretten und Zubehör ist die InSmoke AG im thurgauischen Aadorf. Sie verkauft E-Zigaretten – sie sehen zwischenzeitlich eher wie kleine Computer denn wie Zigaretten aus – und Liquids etwa mit Früchte- oder Cookie-Geschmack. Selbst der Geschmack von Zigarren ist erhältlich. «Bisher wurde das Nikotin in der Schweiz in einigen Geschäften unter dem Ladentisch in die Liquids gegeben», sagt Stefan Meile, Geschäftsführer von InSmoke. Was nach geltendem Schweizer Recht illegal ist. Seit kurzem produziert InSmoke nun in ihrem eigenen Labor nikotinhaltige Liquids und vertreibt diese online und in 20 Geschäften. Dass InSmoke dafür noch nicht gebüsst wurde, wertet Meile als Zeichen, dass der Staat sich nicht sicher ist, im Recht zu sein.

2018 soll das neue Tabakproduktegesetz in Kraft treten, das unter anderem E-Zigaretten normalen Tabakwaren gleichstellen soll. Somit wird dann der Verkauf von nikotinhaltigen Liquids ermöglicht, jedoch das Rauchen etwa im Restaurant nur noch im Fumoir gestattet sein. Im Rahmen der Vernehmlassung hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) eine Einschätzung zu den Folgen der geplanten Regulierung erstellen lassen. In dieser heisst es, dass der Konsum von E-Zigaretten mit und ohne Nikotin, nach derzeitigem Erkenntnisstand, um ein Vielfaches weniger schädlich ist, als klassische Zigaretten zu rauchen. Diese Einschätzung deckt sich mit mehreren anderen Studien zu E-Zigaretten. Auf diese Einschätzung beruft sich nun auch Meile: «Wieso verbietet das BAG die gesündere Alternative zu normalen Zigaretten immer noch und belastet somit unnötig das Gesundheitssystem?» Er fordert deshalb eine sofortige Liberalisierung. «In vielen Nachbarländern ist der Verkauf schon jetzt gestattet.» Von einer Gleichstellung von E-Zigaretten und Tabakwaren, wie es die geplante Verordnung vorsieht, hält Meile derweil nichts: «In den E-Zigaretten ist kein Tabak, und das Nikotin darin ist für Dritte unschädlich.»

Keine Hilfe beim Entwöhnen

Catherine Cossy, Mediensprecherin vom BAG, widerspricht: «E-Zigaretten geben Nikotin an die Umgebung ab, das von Drittpersonen aufgenommen werden kann. Daneben gibt es auch E-Zigaretten, die krebserzeugende Stoffe wie Aldehyde in die Umgebung abgeben. Daher können Gesundheitsrisiken beim passiven Einatmen des Dampfes nicht ausgeschlossen werden.» Catherine Abbühl, Teamleiterin der Rauchstopp-Hotline der Krebsliga Schweiz, macht zudem geltend, dass die neuste Generation der E-Zigaretten, mit nikotinhaltigen Liquids gefüllt, schneller süchtig machen als die ältere Generation: «Das Nikotin gerät mit diesen Modellen schneller ins Gehirn.» Von der E-Zigarette als Hilfe, um die Sucht zu überwinden, hält sie nicht viel: «Die E-Zigarette ist der Zigarette zu ähnlich. Beides steckt man in den Mund, zieht daran, hält es zwischen den Fingern, so wird man immer an die Sucht erinnert.» Ein Kaugummi als Ersatz oder ein Ball, um die Finger zu beruhigen, sei besser. «Ein Raucherpflaster gibt auch Nikotin ab, dient aber dazu, die Suchtsymptome bei der Entwöhnung zu drosseln und nicht die Sucht zu befriedigen.» Die Krebsliga halte sich an die Weisungen des BAG. «Wir empfehlen die E-Zigarette nicht, um mit dem Rauchen aufzuhören, da auch noch keine Langzeitstudien vorliegen.»

Thomas Beutler, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz, vergleicht E-Zigaretten mit Alcopops und sagt: «Ein 40-Jähriger, der bisher eine Schachtel Marlboro rauchte, will keine Zigaretten mit Schokoladenaroma. Er will Nikotin. Die Aromen für die E-Zigarette zielen wahrscheinlich auf Erstkonsumenten ab.» Diese hätten dann auch weniger Hemmungen, auf richtige Zigaretten umzusteigen. Beutlers Meinung nach bleibt die E-Zigarette in den meisten Fällen sowieso nur eine Ergänzung zur normalen Zigarette: «Zur E-Zigarette greifen die Raucher etwa in Restaurants, weil sie dort grundsätzlich legal sind. Ausserdem ist eine E-Zigarette eher etwas für technikaffine Personen.» Denn dem Mythos von Freiheit, der mit einer Zigarette assoziiert werde, entspreche sie keinesfalls. Dafür sei die Handhabung mit Akku, Liquid und Verdampfer zu aufwendig, sagt Beutler.

Kantonschemiker zuständig

Die Aktivitäten der InSmoke AG zu ahnden, sei Aufgabe des Kantonschemikers, sagt Catherine Cossy vom BAG. Der zuständige Thurgauer Kantonschemiker, Christoph Spinner, hat unterdessen Proben bei der InSmoke AG nehmen lassen: «Wir kontrollieren, ob die Produkte im Einklang mit dem Lebensmittelgesetz stehen. Falls nicht, ist es meine Aufgabe, wieder einen gesetzeskonformen Zustand herzustellen.» Weitere Auskünfte könne er wegen des laufenden Verfahrens nicht geben.