Schweizerdeutsch auf Genfer Lippen

Unikum in der Romandie: Im Kanton Genf erhalten Sekundarschüler Dialektunterricht. Ziel ist es, negative Reflexe gegenüber der Deutschschweiz abzubauen.

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Ein Abstecher in die Deutschschweiz: Louise und Luana präsentieren der Klasse die Stadt Zürich und ihren Dialekt. (Bilder: ky/Jean-Christophe Bott)

Ein Abstecher in die Deutschschweiz: Louise und Luana präsentieren der Klasse die Stadt Zürich und ihren Dialekt. (Bilder: ky/Jean-Christophe Bott)

Béatrice Lappi strahlt ihre Klasse aufmunternd an. «Also, jetzt alle zusammen», spornt die Deutschlehrerin die Schüler an, und nach einigem Zögern tönt es im Chor: «Hoi, wie gaht's?» «Guet, und Dir?»

«Eine komische Sprache»

Es sind nicht etwa in die Schweiz eingewanderte Deutsche, die sich an diesem Dienstagmorgen mit dem Dialekt vertraut machen. Vielmehr gehört Schweizerdeutsch seit diesem Schuljahr im Kanton Genf zum Unterricht, zumindest für jene Sekundarschüler, welche die Richtung moderne Sprachen gewählt haben. Zu ihnen gehört auch die 13jährige Layna, die jetzt auf die Tafel zeigt und «Madame, Madame, Sie haben das «n» vergessen» ruft. «Gömmer morn öppis go trinke?», steht da. Béatrice Lappi lächelt nachsichtig und sagt, das sei schon richtig so, im Dialekt heisse es trinke, nicht trinken. Laynas Reaktion ist verständlich: Hochdeutsch lernen die 13- und 14jährigen Jugendlichen schon seit fünf Jahren, Schweizerdeutsch haben sie erst im letzten September entdeckt. Wobei entdecken durchaus wörtlich zu nehmen ist, wie Béatrice Lappi sagt. Tatsächlich wussten einige Schüler ausländischer Herkunft zu Beginn des Unterrichts nicht, in welchen Teilen des Landes Schweizerdeutsch gesprochen wird. «Das Matterhorn und der Rheinfall sind für diese Kinder nicht automatisch Referenzen.» Die insgesamt 18 Lektionen pro Schuljahr sind darum eher als Entdeckung der schweizerischen Kulturen zu verstehen.

Zum Unterricht gehört etwa, dass die Schüler sich in Zweiergruppen über verschiedene Städte der Deutschschweiz informieren und sie danach ihren Klassenkameraden vorstellen. Die 13jährige Quendresa aus Kosovo und die 14jährige Layna aus Palästina haben sich für Luzern entschieden und zeigen Bilder des Löwendenkmals und der Kapellbrücke, Luana und Louise berichten über Zürich, sein Sechseläuten und das Zürigeschnetzelte mit Rösti. Am Schluss ihres Referats mühen sie sich auch redlich mit einigen Dialektausdrücken ab. «En Guete», heisst es in Zürich, und zum Abschied meist «Ade!».

Etwas komisch sei diese Sprache schon, sagt Layna in einem Gespräch am Rande der Schulstunde. Sie klinge zwar ähnlich wie Hochdeutsch, sei aber schwieriger auszusprechen. Quendresa, Louise, Balthazar und Léo stimmen ihr ausnahmslos zu. Vor allem die vielen rollenden «r» gehen den frankophonen Schülern, die zu Hause teils auch noch Albanisch, Spanisch oder Italienisch sprechen, nicht leicht über die Lippen. Dass in jedem Kanton ein anderer Dialekt gesprochen wird, macht die Sache für die jungen Genfer nicht einfacher. Den Lehrkräften geht es übrigens nicht besser, wie Béatrice Lappi weiss. Sie selbst ist deutscher Muttersprache und spricht nicht fliessend Schweizerdeutsch, versteht es dank ihrem Thurgauer Vater aber gut. Nicht alle Kollegen haben diesen Bezug zum Dialekt, und sie waren darum am Anfang «etwas nervös», wie Frau Lappi erzählt. Zum Glück könnten sie sich auf detailliert gestaltetes Material, das eine Kommission erarbeitet hat, verlassen.

Gegen die «Diabolisierung»

So viel ist sicher: Die jungen Genferinnen und Genfer werden am Ende ihres zweijährigen Unterrichts keine Unterhaltung auf Schweizerdeutsch führen können. Doch das ist auch gar nicht das Ziel der Initiative des Genfer Bildungsdepartements. Für den Bildungsdirektor Charles Beer geht es vielmehr um Grundsätzliches: «Viele Westschweizer reagieren auf alles, das aus der Deutschschweiz kommt, mit einem Abwehrreflex. Bei den Genfern ist diese Haltung wegen ihrer geographischen Distanz besonders ausgeprägt.» Diese «Diabolisierung» des Deutschschweizerischen und damit auch des Dialekts werde seit Jahren von den Eltern an die Kinder weitergegeben, sagt Beer. Wer dies ändern wolle, müsse der heutigen Generation zeigen, dass Schweizerdeutsch «nichts Dramatisches» habe. Beer selbst hat diese Erfahrung erst im Rahmen seiner politischen Kontakte gemacht. Sein Repertoire sei darum noch bescheiden, räumt er lachend ein. Immerhin: «Häsch Dini Ovo hüt scho gha?» kennt auch der Chef. Und die Reaktionen der 960 Schüler, die aktuell unterrichtet werden, stimmen ihn zuversichtlich. «Die meisten haben Spass.» Vielleicht werde so auch die Neugier der jungen Genferinnen und Genfer geweckt, über die Kantonsgrenzen hinauszublicken, hofft Beer.

Die 14jährige Louise jedenfalls wird dieses Jahr mit ihrer Klasse drei Tage in Schaffhausen verbringen und war bereits einmal in Bern. Die Stadt hat ihr gut gefallen. «Überall gibt es Blumen.» Lust auf einen längeren Sprachaufenthalt in der Deutschschweiz hat sie trotzdem nicht. Am liebsten würde sie dafür nach London reisen, denn Englisch findet sie toll.

Englisch macht das Rennen

Sie ist nicht die einzige: Die ganze Klasse hätte lieber mit Englisch angefangen als mit Deutsch, weiss Pultnachbarin Luana. Der Erziehungsdirektor lässt sich davon nicht erschüttern. Die gesamte Westschweiz habe sich bewusst für Deutsch als erste Fremdsprache entschieden; um eine «Hitparade» gehe es dabei nicht. Auch Béatrice Lappi weiss: Deutsch ist schwer zugänglich für die Kinder, Schweizerdeutsch noch schwerer. Umso mehr freut es die Lehrerin, dass die Klasse trotz anfänglichem vereinzeltem Naserümpfen jetzt fleissig mitmacht. Eine angenehme Seite hat der Unterricht allemal: Für Schweizerdeutsch als Sprache gibt es keine Noten. Vielmehr einen Bonus für alle, für die «Grüezi» oder «Häsch Dini Ufzgi hüt scho gmacht?» kein Chinesisch sind. Denise Lachat, Genf

Der Zürcher «Bögg»: Eine Referenz, die nicht allen Genfer Schülern geläufig ist. (Bild: JEAN-CHRISTOPHE BOTT (KEYSTONE))

Der Zürcher «Bögg»: Eine Referenz, die nicht allen Genfer Schülern geläufig ist. (Bild: JEAN-CHRISTOPHE BOTT (KEYSTONE))