«Nicht wie auf dem Abstellgleis»

Mit dem Arbeitsende fällt die berufliche Bestätigung, die dem Mensch fehlt. Immer mehr Neupensionierten bereitet das Mühe – und sie brauchen professionelle Hilfe. Psychologin Michèle Dubois weiss, womit sie hadern.

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Pensionäre fühlen sich heute energievoll: Sie wollen Pläne schmieden und nicht nur auf dem Ruhebänkli sitzen. (Bild: fotolia)

Pensionäre fühlen sich heute energievoll: Sie wollen Pläne schmieden und nicht nur auf dem Ruhebänkli sitzen. (Bild: fotolia)

Zwei Menschen, die genug Geld haben, sich anlachen und ohne Ende reisen: In der Werbung wird der neue Lebensabschnitt stets als Paradies dargestellt. Nicht alle empfinden die Pensionierung aber als späte Freiheit… Immer mehr Neupensionierte brauchen sogar professionelle Hilfe, um sich aus dem Arbeitsleben zurückzuziehen. Psychologin Michèle Dubois berät an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften Menschen, die kurz vor dem Arbeitsende stehen. «Etwa fünfzig Menschen sind das jährlich, die Zahl steigt stetig – weil die Menschen die Zeit nach der Pensionierung gestalten und nicht nur absitzen wollen», sagt sie. Ihre Beratung aufsuchen würden Leute, die sich Fragen stellen zu sich und ihrer Zukunft, die sich gerne Fragen stellen lassen, um ihre Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. «Manchmal werden auch nur Informationen gebraucht. Wie lange die Begleitung dauert, hängt von der Frage des Klienten ab. Das reicht von einer einmaligen Beratung bis zu einem längeren Prozess.»

Mit dem Job fällt eine Bestätigung weg, die der Mensch braucht, die ihm fehlt. «Er empfindet es oft als persönliche Kränkung, beruflich nicht mehr gefragt zu sein», sagt Dubois im Interview mit unserer Zeitung. Viele Leute würden sich laut Studien zehn bis zwölf Jahre jünger fühlen als sie tatsächlich seien. «Sie erleben sich als aktiv und energievoll, wollen mit 64 oder 65 Jahren noch Pläne schmieden und sich nicht wie auf dem Abstellgleis fühlen.» Mit dem Arbeitsende fallen von einem Tag auf den anderen aber zentrale soziale Rollen und damit Persönlichkeitsfacetten weg. «Das kann Angst machen, in ein Loch oder gar in eine Depression zu fallen. Bei diesem Übergang braucht es eine Neuorientierung», so Dubois. (dbu)

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