Mädchen oder Bub?

Intersexualität In der Schweiz kommen jedes Jahr etwa dreissig Kinder ohne eindeutiges Geschlecht zur Welt. Die Nationale Ethikkommission stellte gestern 14 Empfehlungen für die Behandlung solcher Kinder vor. Ein generelles Verbot von Operationen hält eine Spezialistin des Ostschweizer Kinderspitals für ungünstig. Bruno Knellwolf

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Aussen eine Frau, innen ein Mann? Einem Kind, dessen Geschlecht nicht eindeutig bestimmbar ist, muss sofort nach der Geburt geholfen werden. (Bild: fotolia/Bildmontage: lo/al)

Aussen eine Frau, innen ein Mann? Einem Kind, dessen Geschlecht nicht eindeutig bestimmbar ist, muss sofort nach der Geburt geholfen werden. (Bild: fotolia/Bildmontage: lo/al)

«Ist es ein Mädchen oder ein Bub?» Doch was, wenn die Frage der Tante nach der Geburt nicht auf den ersten Blick zu beantworten ist? Wenn das Kind weder das eine noch das andere ist? Eine schwierige Situation für die Eltern und später für das Kind. Man spricht von Intersexualität. Ein Begriff, den die Nationale Ethikkommission der Humanmedizin nicht mehr hören will, wie sie gestern in Bern verlauten liess. Die Kommission spricht in einer ihrer 14 Empfehlungen deshalb von «Geschlechtsvarianten».

Am Ostschweizer Kinderspital nennt man das «Störungen der Geschlechtsentwicklung», was extrem selten vorkommt, wie Dagmar l'Allemand-Jander, Leitende Ärztin Endokrinologie, erklärt. Sie leitet ein multiprofessionelles Betreuungsteam am Ostschweizer Kinderspital, das sich in solchen Fällen in der Geburtsklinik so schnell wie möglich medizinisch und psychologisch um Kind und Eltern kümmert.

Bis 30 Fälle pro Jahr

Eigentlich sind viele Kinder nach der Geburt von Störungen betroffen. Jedes fünfzigste Kind ist zum Start seines Lebens mit irgendeiner Behinderung konfrontiert, zum Beispiel einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte oder einer zu engen Speiseröhre, mit Intersexualität allerdings weniger als eines von 5000. Kommissionsmitglied Jean Martin spricht von 20 bis 30 Menschen, die in der Schweiz mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kommen.

Zu wenig Cortison

«Eine Hauptursache ist, dass Mädchen zu viele männliche Hormone bilden, weil sie selber zu wenig Cortison, zu wenig Stresshormone haben», sagt die Ärztin. Das macht etwa die Hälfte aller Fälle aus. Die Palette an verschiedenen Arten solcher Störungen ist allerdings breit. «Die Hormonstörung wirkt sich körperlich aus, indem das äussere Genitale manchmal wie bei einem Knaben aussieht. Aber diese Kinder haben eine Gebärmutter, haben Eierstöcke und können später Kinder bekommen und Geschlechtsverkehr haben», sagt l'Allemand-Jander. So sind diese Menschen dem Wesen nach weiblich. Es gibt auch den anderen Fall, erklärt die Spezialistin: «Es gibt Knaben, die eher wie Mädchen aussehen, weil sie keine männlichen Hormone bilden können oder ihr Körper nicht auf diese Hormone reagiert. Es wäre ungünstig, sie zu Männern heranwachsen zu lassen, weil sie sich nicht so fühlen werden und keine Kinder zeugen können.»

Das Thema wird stark tabuisiert. Im Mai dieses Jahres hat der Schweizer «Tatort» Intersexualität mit einem Mord an einem Kinderchirurgen thematisiert. Der Bundesrat hat auf zwei im Nationalrat eingereichte Interpellationen reagiert, welche die Varianten der Geschlechtsentwicklung und allfällige Operationen deswegen hinterfragten. Darauf hat der Bundesrat die Ethikkommission beauftragt, Empfehlungen für Eltern und Ärzte auszuarbeiten.

Nun schreibt die Kommission, dass noch bis Ende des 20. Jahrhunderts diese Kinder in den ersten Lebensmonaten und -jahren einem Geschlecht zugewiesen und entsprechend operiert wurden. Da weibliche Genitale chirurgisch leichter zu formen seien als männliche, wurden die meisten Kinder kurzerhand zu Mädchen «gemacht», wie die Ethikkommission in ihrem Bericht feststellt. Dieses Vorgehen habe später oft zu schwerwiegenden psychischen und körperlichen Problemen der so Operierten geführt.

Das Problem der Ethikkommission sei, dass sie sich mit Fällen aus der Vergangenheit beschäftigt habe und nicht mit dem, was heute in den Spitälern geschehe, sagt l'Allemand. «Früher dachte man tatsächlich, dass eine Umwandlung auch das innere Geschlechtsempfinden ändere. Dass dem nicht so ist, weiss man seit 15 Jahren.» Die Ethikkommission habe solche Fälle untersucht, die nicht nach heutigen Standards betreut wurden oder nach der Operation zu medizinischen Problemen geführt hätten. Es gebe aber viele Menschen, die froh seien über eine Operation im Kleinkindesalter, die das Leben der Aufwachsenden erleichtert hätte.

Selber entscheiden lassen

Die Kommission empfiehlt nun, alle «nicht bagatellhaften» geschlechtsbestimmenden Behandlungsentscheide mit unumkehrbaren Folgen erst dann zu treffen, wenn der oder die Betroffene selbst darüber entscheiden kann. Ausgenommen sind Eingriffe aus medizinischer Dringlichkeit. Die kann es nach l'Allemand aber geben. Zusammen mit einer Genitalfehlbildung könne es beispielsweise zu einer Wasser-Salz-Verlust-Krise kommen, die lebensbedrohlich sei. Oder Blut könne wegen der Fehlbildung nicht aus der Gebärmutter abfliessen. Da müsse aus medizinischen Gründen operiert werden. Es sollte eine individuelle Lösung für jedes Kind gefunden werden, deshalb hält die Ärztin ein generelles Verbot von Operationen bei Kleinkindern für ungünstig. Dagegen würden sich die Fachleute wehren.

Allerdings stehe die Operation nicht im Vordergrund der Behandlung. Wichtig sei es, dafür zu sorgen, dass das Kind später eine befriedigende Sexualität haben könne und fruchtbar sei. «Deshalb wäre es unser Wunsch, ein drittes Geschlecht einzuführen. Das würde dem Kind und den Eltern Zeit geben, um über Entscheidungen nachzudenken», sagt l'Allemand. In der Schweiz ist es zwingend, dass für die Identifizierung ein Geschlecht angegeben wird, auch wenn man sich darüber nicht sicher ist. In Australien gibt es das dritte Geschlecht. Die Ethikkommission spricht sich nun dagegen aus, will aber die bürokratischen Hürden für eine Geschlechtsänderung im Pass verkleinern.

Beratung bis Erwachsenenalter

Auf jeden Fall ist für die Ethikkommission klar, dass psychosoziale Aspekte allein – wenn sich die Eltern «schämen» oder die Grossmutter Druck macht – keinen irreversiblen Eingriff an einem nicht urteilsfähigen Kind rechtfertigen. Deshalb schlägt sie vor, betroffenen Eltern und Kindern eine persönliche, kompetente und kostenlose Beratung bis ins Erwachsenenalter anzubieten.

Damit die Betroffenen nicht unter Zeitdruck geraten, regt die Kommission an, das derzeit bei 20 Jahren liegende Höchstalter für Leistungen aus der Invalidenversicherung für die somatische und psychologische Behandlung Betroffener heraufzusetzen.

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