Kuscheln lohnt sich

Eine aktuelle Studie zeigt: Zehnjährige Kinder, welche als Baby viel Hautkontakt hatten, schlafen besser, lernen leichter und können besser mit Stress umgehen. Auch die Mütter profitieren vom Kuscheln – mit besseren Nerven.

Juliette Irmer
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Wissenschaftlich bewiesen: Nähe hilft Frühgeborenen, sich zu entwickeln. (Bild: fotolia/lagom)

Wissenschaftlich bewiesen: Nähe hilft Frühgeborenen, sich zu entwickeln. (Bild: fotolia/lagom)

Ein Baby kommt zur Welt und wird so schnell wie möglich der Mutter auf die nackte Brust gelegt. Was heute in allen Schweizer Spitälern die Norm ist, galt bis weit in die 1980er-Jahre als medizinisch problematisch. Eltern von Frühchen durften ihre Babies im Brutkasten noch nicht einmal sehen, da die Ärzte befürchteten, es könnten so gefähr- liche Keime übertragen werden.

Tatsächlich sind Frühchen anfällig für Infektionen. Überhaupt fällt ihnen das Leben ausserhalb der Gebärmutter schwer. Neben der Intensivmedizin hilft den Frühchen aber vor allem Nähe. «Regelmässiger Hautkontakt erhöht die Behaglichkeit des Kindes. Es konnte mehrmals gezeigt werden, dass diese Kinder weniger zu Komplikationen neigen, seltener erkranken und besser an Gewicht zunehmen. Selbst Schmerzen werden gedämpft», sagt Hans Ulrich Bucher, Direktor der Klinik für Neonatologie am Universitätsspital Zürich.

Kuschelprogramm wirkt nach

Laut einer kürzlich veröffentlichten Langzeitstudie reichen die Vorteile aber weit über die ersten Monate hinaus. Ruth Feldmann und ihre Kollegen von der Universität Bar Ilan in Israel konnten zeigen, dass auch Zehnjährige vom Kuschelprogramm in Babyjahren profitieren: «Sie schlafen besser, lernen leichter und sind stressunempfindlicher als Zehnjährige, die zu früh geboren wurden und ausschliesslich im Brutkasten aufwuchsen», sagt Feldmann.

Mütter weniger gestresst

Feldmann startete ihre Vergleichsstudie 1996. Dazu stellte sie zwei Gruppen mit jeweils 73 Frühchen zusammen. Die eine Gruppe erhielt die damalige Standardbehandlung ohne Hautkontakt, in der anderen Gruppe bekamen die Mütter ihre Babies 14 Tage lang für eine Stunde pro Tag auf die Brust gelegt. «Der Versuch liesse sich heute so nicht wiederholen. Heute kennen viele Eltern die Methode und es wäre ethisch bedenklich, sie ihnen vorzuenthalten», sagt Feldmann.

Feldmann und ihre Kollegen untersuchten die Frühgeborenen beider Gruppen nach 3, 6, 12 und 24 Monaten und nach 5 und 10 Jahren. Die Forscher stellten fest, dass die Mütter aus der Känguru-Gruppe die Bedürfnisse ihrer Kinder aufmerksamer wahrnahmen. Sie waren weniger ängstlich und empfanden ihre Kinder auch als weniger anstrengend. Ihre Kinder wiederum konnten sich besser konzentrieren und lernten leichter lesen und schreiben. Auch Stress setzte ihnen weniger zu. Das testeten die Forscher, indem sie den Zehnjährigen kurz vor einer Angst einflössenden Situation wie dem Halten eines Referats vor Unbekannten eine Speichelprobe entnahmen und die Konzentration des Stresshormons Cortisol massen.

Nervensystem festigen

«Neugeborene Säugetiere liegen in den ersten Tagen und Wochen eng bei der Mutter und werden von dieser verhätschelt», sagt Feldmann, «auf diese Weise festigt sich das vegetative Nervensystem, das Körperfunktionen wie Atmung, Herzschlag, den Schlaf-Wach-Rhythmus und die Stressantwort reguliert. Genau damit haben viele Frühchen Probleme, weil ihnen einige Wochen im Mutterleib fehlen und dadurch die Gehirnentwicklung unterbrochen wurde. Der Hautkontakt mit der Mutter hilft, diese Systeme im Gehirn zu etablieren.» Offenbar selbst dann, wenn er nur über einen kurzen Zeitraum wie in der Studie erfolgt.

Leise Kritik

«Ich zweifle nicht am Nutzen der Känguru-Methode. Aber ich wäre mit der Schlussfolgerung, dass Hautkontakt die Gehirnentwicklung langfristig beeinflusst, vorsichtig», sagt Oskar Jenni, Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich, «die Unterschiede in den beiden untersuchten Gruppen waren nicht so gross und die Hirnentwicklung ist ein sehr komplexer Prozess, der von unzähligen Faktoren abhängt.» Neonatologe Bucher hingegen kann sich vorstellen, dass die Känguru-Methode Langzeitwirkung hat: «Das Verhalten der Mütter wird ja ebenfalls beeinflusst. Diese sind weniger ängstlich, weniger gestresst. Eine glückliche Mutter beeinflusst ihr Kind auf eine positive Weise und das wirkt sich zweifellos langfristig auf die psychische Entwicklung der Kinder aus.» Körperkontakt mögen übrigens nicht nur Frühchen. Zahlreiche Studien zeigen, dass auch zeitgerecht geborene Babies zufriedener sind, wenn sie häufig getragen werden und viel mit ihnen gekuschelt wird. Sie schreien dann weniger und finden leichter in den Schlaf.

Feldmann hält den Kontakt zu «ihren» Frühchen. Wenn Sie volljährig sind, möchte sie deren Gehirn scannen und nachsehen, ob das Kuschelprogramm dort Spuren hinterlassen hat.