Hormone und Krebs stoppen

Antihormontherapien gegen Krebs sind unumgänglich trotz ihrer Nebenwirkungen. Das Brustzentrum St. Gallen ist an einer vielbeachteten internationalen Studie beteiligt, die jungen Brustkrebspatientinnen helfen könnte.

Bruno Knellwolf
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In diesen Organen werden im Körper einer Frau Hormone produziert. (Bild: Illustration: sgt/Jana Samorukova)

In diesen Organen werden im Körper einer Frau Hormone produziert. (Bild: Illustration: sgt/Jana Samorukova)

Jeder Krebsfall ist sehr tragisch, keine Frage. Doch diese internationale Studie der International Breast Cancer Study Group (IBCSG) mit Beteiligung des Brustzentrums St. Gallen hat sich mit jüngeren Frauen beschäftigt, die noch vor der Menopause stehen, vielleicht noch einen Kinderwunsch haben, aber an Brustkrebs erkrankt sind.

Diese Frauen werden oft mit einer Antihormontherapie behandelt, deren Wirkung nun auf verschiedenen Ebenen untersucht worden ist. Die Resultate dieser Forschungen wurden im aktuellen «New England Journal of Medicine» veröffentlicht. Projektleiter in der Schweiz ist Thomas Ruhstaller, Stellvertretender Chefarzt des Brustzentrums St. Gallen am Kantonsspital.

83 Ostschweizerinnen

An der internationalen Studie beteiligt waren 5700 an Brustkrebs erkrankte Frauen vor der Menopause, 279 aus der Schweiz, 83 davon aus St. Gallen, die im Durchschnitt 43 Jahre alt waren. «In diesem Alter ist Brustkrebs zwar seltener, aber sehr einschneidend», sagt Ruhstaller. Die Antihormonbehandlung hat relevante Folgen für das Körperbild, das Sexualleben und auch zum Teil auf die Familienplanung.

Für diese jungen Frauen gilt, dass Antihormontherapien starke Effekte haben. «Sie klauen den Frauen die Hormone. Das ist oft ein grösserer Eingriff als eine Chemotherapie», sagt Ruhstaller. Nebenwirkungen gehören dazu, sind aber je nach Frau verschieden stark. Viele dieser behandelten Frauen, die noch vor der Menopause stünden, klagten über Muskelbeschwerden, vaginale Trockenheit oder Wallungen. Ein Medikament für die Antihormontherapie wirkt im Blut teilweise wie ein Hormon und kann dadurch die Thrombosegefahr erhöhen.

Therapie über fünf Jahre

Trotz dieser vielen möglichen Nebenwirkungen wünschen viele Frauen diese Therapie, weil sie ihr Leben retten kann. «Da geht's ans Lebendige», sagt Ruhstaller. Da nimmt eine Frau die fünf Jahre dauernde Antihormontherapie in Kauf.

Hormone entziehen

Das Prinzip der Antihormontherapie ist verkürzt gesagt das folgende: Bestimmte aber nicht alle kranken Brustzellen strecken Fühler aus, Rezeptoren. Diese sind abhängig von weiblichen Geschlechtshormonen, vor allem Östrogenen. Die werden bis zur Menopause der Frau hauptsächlich in den Eierstöcken gebildet, aber auch von anderen Organen. Entzieht man den Krebszellen die Hormone, sterben sie ab. Kranke Brustzellen, die keine solche Rezeptoren ausstrecken und somit nicht hormon-sensitiv sind, können dagegen nur mit Chemotherapie behandelt werden. Früher wurden krebskranken Frauen oft einfach die Eierstöcke entfernt, um die Hormonproduktion zu stoppen – danach waren diese Patientinnen aber unfruchtbar.

Die Fruchtbarkeit erhalten bleibt dagegen nach Abschluss einer Antihormontherapie, die inzwischen erprobt ist. In den 1970er-Jahren wurde Tamoxifen im grösseren Stil eingesetzt. Mit Erfolg, weil es recht gut verträglich sei und eine hohe Wirkung zeige, wie Ruhstaller erklärt. Es wirkt, unabhängig von welchem Organ im Körper die Hormone kommen und wird heute vorwiegend bei Frauen vor der Menopause eingesetzt.

Nach der Menopause

Für Patientinnen nach der Menopause gibt es Aromatasehemmer, AI-Therapie genannt. Dieses Medikament hemmt das Enzym namens Aromatase, das Hormone bildet. Aromatasehemmer unterbinden die Östrogenproduktion in der Nebenniere und im Fettgewebe, nicht aber in den Eierstöcken und wurde deshalb nur bei Frauen in der Menopause eingesetzt. Als dritte Variante der Antihormontherapie gibt es die GnRH-Analoga, welche die hormonproduzierenden Eierstöcke «tot legen», und so die Östrogenproduktion stoppen – und die Menopause bei jungen Frauen simulieren.

USA versus Europa

Unter den Onkologen dieser Welt gibt es aber zur antihormonellen Brustkrebsbehandlung junger Frauen zwei Meinungen – eine europäische und eine amerikanische.

Die Europäer verschreiben die Eierstocktherapie GnRH zusammen mit Tamoxifen, die Amerikaner geben eher nur Tamoxifen alleine ab. Die Amerikaner setzen eher auf zusätzliche Chemotherapie, die Europäer vertrauen häufiger einer alleinigen Hormontherapie. Darüber welche Art von Antihormontherapie die beste Wirkung zeigt, gibt es viele grosse Studien. «Bei älteren Frauen ist vieles geklärt. Unklar war aber bis heute, was mit jungen Frauen vor der Menopause geschieht», sagt Ruhstaller. Und deshalb hat man dieses IBCSG-Projekt aufgegleist mit Beteiligung des St. Galler Brustzentrums.

5700 Frauen beteiligt

Das Projekt unter der Leitung der IBCSG umfasste drei Studien mit weltweit 5700 Frauen vor der Menopause: Die wichtigste war die Soft-Studie, welche die Hormonfrage klärte. Untersucht wurde der amerikanische Weg versus den europäischen. Die zweite Studie war die Text-Studie. Untersucht wurde darin der Einsatz der Eierstocktherapie GnHR entweder kombiniert mit Tamoxifen oder mit Aromatasehemmern.

Eine dritte Studie zur Frage, wer eine Chemo- und wer Antihormontherapie braucht, und in welcher Kombination, wurde bald abgebrochen, weil zu wenig Probandinnen zur Verfügung standen.

Die Resultate der Soft- und Text-Studien überraschten die Fachwelt. Es zeigte sich, dass die Aromatasehemmer bei jüngeren Brustkrebspatientinnen besser wirken als das lang erprobte Tamoxifen, beide in Kombination mit der Eierstocktherapie GnHR. Der Arm mit alleiniger Tamoxifentherapie wird erst Ende Jahr ausgewertet.

Weltweit erstmalig

Diese grosse Studie zeigte weltweit erstmalig, dass die Einnahme von Aromatasehemmern mit GnHR die Rückfallquote junger Frauen mit dem häufigen hormon-sensitiven Brustkrebs reduziert. «Für die Frauen ist dieses Resultat relevant. Allerdings sind die hier verwendeten Medikamente für Frauen vor der Menopause noch gar nicht registriert», sagt Ruhstaller. Ob das geschehe, werde sich zeigen. Das hat einen Einfluss darauf, ob ein solches Medikament von der Krankenkasse übernommen wird oder nicht.

«Wir würden aufgrund dieser Studie nun bei jüngeren Frauen Aromatasehemmer einsetzen», sagt Thomas Ruhstaller. Gerade bei Frauen mit höherem Rückfallrisiko. Im Dezember wisse man noch mehr, weil dann weitere Resultate des IBCSG-Projekts publik würden.