Akris trifft japanischen Stararchitekten

Akris-Designer Albert Kriemler zeigt an der Pariser Fashion Week seine Sommerkollektion 2016. Er hat dafür mit dem japanischen Stararchitekten Sou Fujimoto zusammengearbeitet – und amüsiert sich mit Kork, Plexiglas und Plastik.

Odilia Hiller/Paris
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Ohne einen Hauch dessen aufzugeben, was das St. Galler Modelabel Akris ausmacht, geht Albert Kriemler, Kreativchef des Hauses, an der Pariser Modewoche für Prêt-à-porter weiter seinen eigenen Weg. Luxuriöse Stoffe, A-Linien und fliessende, schmeichelnde Silhouetten sind noch immer da. Kriemler muss aber für seine Sommerkollektion 2016 weder Pferde noch kleinwüchsige oder aneinandergebundene Models auf den Laufsteg bringen, um die Aufmerksamkeit der Branche zu erhalten – alles so geschehen an der bald zu Ende gehenden Fashion Week. Auch am vergangenen Sonntagabend sind wieder alle gekommen: Chefredaktorinnen, Einkäufer der grossen Modehäuser rund um den Globus, einige Stars wie Sängerin und Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin Conchita Wurst oder die amerikanische Soul- und Funksängerin Janelle Monáe und ganz viel (Ost-)Schweizer Prominenz.

Auf der Suche nach dem Neuen

Diesmal haben Albert Kriemler und sein Team sich offensichtlich richtig amüsiert beim Erschaffen ihrer fast 50 neuen Looks. Inspiriert von den Bauten eines der jüngsten Shootingstars der internationalen Architekturszene, Sou Fujimoto, hat er es nicht dabei belassen, einzelne Formen oder Farben seiner Werke in die Kollektion einfliessen zu lassen. Ständig auf der Suche nach neuen Texturen baut Kriemler Sommerkleider aus Technomaterialien wie Plastik, Kork oder Plexiglas, die so luftig sind wie Fujimotos architektonische Meisterwerke. Der Designer schneidet grosse und kleine Löcher in Kleider aus Strick, Broderie anglaise oder Kunststoffnetzen. Sie erinnern an Fujimotos Konzerthaus in Budapest oder den filigranen Taiwan Tower. Wie der Architekt lässt er Birken wachsen, wo es sonst keine Bäume gibt: im Pariser Grand Palais, wo sich vor dem nachgebauten «House N» Fujimotos fast alle Gäste des Défilés mindestens einmal ablichten lassen, und auf Kleidern mit Fotodrucken aus seinen Häusern.

Aus dem Innern der weissen Mauern wachsen die Bäume aus Dach und Fenstern in Richtung Decke des Grand Palais und vermitteln, was in jeder ernstzunehmenden Modekollektion steckt: gesprengte Grenzen. Selten werden diese auf so subtile, differenzierte Weise verschoben wie bei Albert Kriemler, dessen Kreationen weltweit so gut wie alle Politikerinnen und Businessfrauen von Rang und Namen tragen wollen. Bald könnte man daran denken, ein Netzwerk zu schaffen, wo sie sich untereinander absprechen können, um nicht im gleichen Akris-Kleid zum nächsten Meeting zu erscheinen.

Für Menschen gemacht

Am Morgen nach dem Défilé erzählt der St. Galler Modeschöpfer in seinem Showroom von seinem Schlüsselerlebnis mit Fujimotos Architektur in London: «Das Besondere an seinem Pavillon im Londoner Hyde Park ist nicht nur die filigrane Struktur. Die Konstruktion ist für Menschen gemacht. Man kann darin herumgehen, sitzen, etwas trinken.» So sei es mit allen Bauten Fujimotos. Sie seien für Menschen gemacht. Der Architekt achte stark darauf, wie man sich in seinen Räumen fühle. Weder erfüllten sie nur ihre Funktion noch seien sie ausschliesslich für das visuelle Erlebnis da, sondern wirklich, um darin zu leben. Genau dasselbe sei ihm bei seinen Kleidern wichtig. Wie sich Frauen darin fühlen, hat für Kriemler oberste Priorität. Sie sollen in seinen Kleidern wohnen können. Wahrscheinlich würde es ihm deshalb nie einfallen, ein Kleid aus Plexiglas-Quadraten zu schneidern, das zwar toll aussieht, aber kaum angenehm zu tragen wäre. Für Akris heisst die Konsequenz: Die hauchdünnen Plexiglas-Stücke werden in zwei Schichten Organza eingefasst, so dass alles leicht, fein und weich wird.

Skype, Paris und Tokio

Erstmals hat er, der einst selber Architekt werden wollte, bevor er in den 1980er-Jahren ins Familienunternehmen einstieg, mit einem Ideengeber so eng zusammengearbeitet wie mit Fujimoto. Sie trafen sich über eine längere Zeit erst auf Skype, dann in Paris und in Tokio, wo der Japaner zu Hause ist und arbeitet. Auch für den Architekten eine gänzlich neue Erfahrung: «Ich hatte keine Ahnung von Mode, habe aber schnell gemerkt, wie viele Gemeinsamkeiten unsere Arbeit birgt», sagt er am Rande des Défilés im Gespräch. Der 44-Jährige strahlt, wenn er erzählt, wie er mit Albert Kriemler an den Details der Kollektion feilte. «Es ist eine so viel detailliertere Arbeit als unsere. Einfach faszinierend.» Der Rotstift des Architekten ist auf den Kleidern ebenso zu finden wie seine kleine, runde Brille – von der am Sonntag jedes Model eine in Form einer Sonnenbrille trägt.

Das erste Echo der Fashionistas und Modekritiker ist positiv. Castingdirektor Rolf Scheider, Ex-Juror von Germany's Next Topmodel, ist auf der Vespa angebraust und muss nach der Schau direkt weiter zu Alexander McQueen. «Tolle Farben, tolle Schnitte! Das steht jeder Frau», ruft er beim Abfahren.

Conchita Wurst, die immer Akris trägt, wenn sie seriös und professionell auftreten will, liebt das Label. «Das habe ich mit unserer First Lady gemeinsam», sagt sie in Anspielung auf die Gattin des österreichischen Bundespräsidenten, Margit Fischer, die sich für öffentliche Auftritte fast ausschliesslich in Akris kleidet. Und: «Ich würde gerne einmal nach St. Gallen kommen, wenn ich eingeladen werde.» US-Sängerin Janelle Monáe sorgt mit ihrem Auftritt in Akris für den grössten Rummel unter den Paparazzi vor dem Grand Palais.

Ex-Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand sitzt in der Front Row und bestaunt die Entwürfe mit Ständerätin Karin Keller-Sutter und ihrem Mann sowie dem St. Galler Stadtpräsidenten Thomas Scheitlin, der auf den ersten Blick etwas Mühe zu haben scheint mit dem Mantel aus Kork. Seine Gattin Brigitta ist nach der Schau begeistert, ebenso wie Christina Kölliker, die Ehefrau des St. Galler Regierungsrates Stefan Kölliker.

Der Sommer 2016 kann kommen.

Die Primarschule St.Leonhard führt in der Turnhalle die An- und Stellprobe vom Schlussbild ihres Bühnenprogramms "Sanktasia" durch: Albert Kriemler (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Die Primarschule St.Leonhard führt in der Turnhalle die An- und Stellprobe vom Schlussbild ihres Bühnenprogramms "Sanktasia" durch: Albert Kriemler (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Sou Fujimoto - Thema - Akris (Bild: David Vintiner)

Sou Fujimoto - Thema - Akris (Bild: David Vintiner)