Chronik eines grossen Tauschhandels

Die NZZ-Mediengruppe überlässt ihre Beteiligungen an Zürcher Regionalzeitungen der Tamedia und bekommt dafür die Thurgauer Zeitung. Auf Tamedia kommt nun die schwierige Aufgabe zu, die Landzeitungen gewinnbringend zu organisieren.

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Spitzentreffen – mit (von links) Martin Kall, Pietro Supino (Tamedia), Theodor Gut (Zürichsee Zeitung), Conrad Meyer, Albert P. Stäheli (NZZ). (Bild: EQ/ Valeriano Di Domenico)

Spitzentreffen – mit (von links) Martin Kall, Pietro Supino (Tamedia), Theodor Gut (Zürichsee Zeitung), Conrad Meyer, Albert P. Stäheli (NZZ). (Bild: EQ/ Valeriano Di Domenico)

Die Gelegenheit war günstig. Ob sie auch billig war, darüber schweigen sich die Herren aus: Martin Kall und Pietro Supino von Tamedia, Conrad Meyer und Albert P. Stäheli von der NZZ-Mediengruppe haben ins Zunfthaus zur Schneidern geladen, um den neuesten Deal zu erläutern. Aber Zahlen nennen wollen sie nicht.

Wer bekommt was?

Noch ein fünfter ist dabei. Theodor Gut, Verleger der Zürichsee Zeitung.

Er hat das Ganze ins Rollen gebracht, weil er jene 60 Prozent der Zeitung verkaufen will, die seiner Familie noch gehören. Und auch er will partout nicht sagen, wie viel Geld er nun aufs Konto bekommt. Immerhin erzählt er, wie sich aus dem Rennen um die Zürichsee Zeitung in wenigen Tagen ein weit reichender Gütertausch entwickelt hat.

Tamedia erwirbt die Zürichsee Zeitung zu 100 Prozent (davon kommen 40 Prozent von der NZZ), zudem übernimmt sie die NZZ-Anteile am Zürcher Unterländer (100 Prozent) und Zürcher Oberländer (38 Prozent). Sie gibt dafür die Thurgauer Zeitung (100 Prozent) ab. «Die Trennung von der Zürichsee Zeitung ist uns nicht leichtgefallen», sagt NZZ-Verwaltungsratspräsident Meyer. «Der Handel birgt aber die Chance, zwei Medienräume zu einen.»

Problematische Perspektiven

NZZ-CEO Polo Stäheli erklärt dann mehr oder weniger deutlich, warum man an der Falkenstrasse nicht unzufrieden ist: Es ist der NZZ nicht gelungen, ihre nicht zur Gänze kontrollierten Landzeitungen zu einem schlagkräftigen Verbund zu formen. «Die Frage der wirtschaftlichen Perspektiven stellte sich.» Umgekehrt kann die NZZ mit der Thurgauer Zeitung das St. Galler Tagblatt stärken. «Die Thurgauer Zeitung wird ihren Mantel künftig vom St.

Galler Tagblatt bekommen», sagt Stäheli, und fügt bei, er sei stolz auf diesen «ausgesprochen guten» Mantel. Ausserdem steigert das St. Galler Tagblatt seine Auflage auf 127 000.

Kall: «Es kann gelingen»

Auf Tamedia kommt die Aufgabe zu, die Zürcher Landzeitungen und den Winterthurer Landboten, an dem sie 20 Prozent hält, gewinnbringend zu formieren.

Am liebsten würde sich ihr Unternehmensleiter Martin Kall noch die Schaffhauser Nachrichten einverleiben – auf seinen Grafiken kommen sie schon vor. Die – vor allem gegen die Zürichsee Zeitung – vor einigen Jahren lancierten Regionalsplits des Tages-Anzeigers einstellen will Kall angeblich nicht. «Ich glaube, es kann durchaus gelingen, zwei Zeitungen auf kluge Weise stark zu machen.» Allerdings sagt er auch: «Es wird Einsparungen geben müssen.» Um die Frage nach dem Ausmass des Stellenabbaus machen beide, NZZ wie Tamedia, aber einen Bogen.

Sie bleiben hier so unverbindlich wie beim Kaufpreis.

«Raubtierlogik»

Von «Raubtierlogik» spricht angesichts des Handels Karl Lüönd, einer der besten Kenner der Medienbranche. Tamedia habe in seiner Geschichte den Schritt ins Ausland versäumt, nun kaufe sie im Inland alles, was zu haben sei. Und die NZZ ziehe sich «zurück aus ihrem Kerngebiet – in dem sie bewiesen hat, dass sie nichts Gescheites anfangen kann».

Rolf App