«Wir sind Ausserirdische»

Der Zürcher Professor Philipp Theisohn ist Spezialist für die Frage, wie wir Aliens sehen. In seiner Forschung konsultiert der Literaturwissenschafter auch «Perry Rhodan»-Romane, und am Donnerstag erzählte er im Stiftsgebäude vom Krieg der Welten.

Roger Berhalter
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Glauben Aliens an Gott? Mit solchen und anderen Fragen beschäftigt sich Philipp Theisohn, Professor für Literatur an der Universität Zürich. (Bild: Michel Canonica)

Glauben Aliens an Gott? Mit solchen und anderen Fragen beschäftigt sich Philipp Theisohn, Professor für Literatur an der Universität Zürich. (Bild: Michel Canonica)

Eine Alien-Invasion! Philipp Theisohn projiziert ein bedrohliches Bild. Ein dreibeiniges Monster aus «War of the Worlds» stakst durch eine irdische Hügellandschaft. «Da ging's nur noch um Fressen und Gefressenwerden», sagt der Literaturwissenschafter. «Aus diesem Vorstellungskreis stammen viele der uns heute bekannten Alienphantasien.» Doch längst nicht alle. Die Ausserirdischen erschienen uns früher gut und moralisch überlegen, dann potenziell gefährlich, und heute sind wir alle Ausserirdische – so in aller Kürze, was Philipp Theisohn an diesem Donnerstag im Stiftsgebäude – im Rahmen der Reihe «Digital Brainstorming» des Migros Kulturprozent – erzählt.

Ohne Comics geht's nicht

«Ausserirdische Phantasien»: So abgehoben Theisohns Forschungsgebiet zunächst erscheint, so seriös und literaturwissenschaftlich ist es. Seit zwei Jahren beschäftigt sich Theisohn mit den Vorstellungen, die sich der Mensch vom belebten Weltraum macht. «Es geht mir um die Erzählungen und wie sie zustande kommen.» Dabei kennt der Literaturprofessor keine Berührungsängste. Er konsultiert «Perry Rhodan»-Romane ebenso wie Immanuel Kant, zitiert Galileo Galilei ebenso wie Stanislaw Lem und liest lateinische Schriften ebenso wie Science-Fiction-Comics. «In meinem Forschungsgebiet kann man sich nicht nur mit dem beschäftigen, was wir Hochkultur nennen», sagt er und weist im gleichen Atemzug auf die politischen Aussagen in den «Star Wars»-Filmen hin. Oder er wirft einen frischen Blick auf die im Nichts schwebende Sandra Bullock im Film «Gravity»: «Die vollkommene Leere im Kosmos ist das Abgründigste, was wir uns heute vorstellen können.»

Aliens sind überlebenswichtig

Das war früher anders. Die «Geschichte des Weltalls» begann sozusagen Anfang des 17. Jahrhunderts, als Galileo Galilei zum ersten Mal durch ein Teleskop blickte und bisher Verborgenes sichtbar machte. Plötzlich entstand eine Lücke zwischen dem, was wir schon sehen, und dem, was noch unsichtbar bleibt. Diese Lücke zu schliessen, sagt Theisohn, sei die Funktion der ausserirdischen Phantasie. Indem wir uns also Aliens vorstellen, geben wir dem Ungewissen da draussen eine Form, die wir fassen können. Und dies ist laut Theisohn immens wichtig: «Diese Phantasie ermöglicht es uns letztlich, in diesem Raum, in den wir Anfang des 17. Jahrhunderts hineinkatapultiert wurden, zu überleben.»

Auf dem Mars wären wir anders

Und heute? In modernen Aliengeschichten geht es längst nicht mehr um die Kopfform von Marsmännchen oder darum, was der Mensch vor einer Reise ins All in den Koffer packen sollte. Vielmehr geht es heute darum, was fremde Welten mit den Menschen anstellen. Reisen wir nämlich ins All, sagt Theisohn, legen wir auch vieles von dem ab, was wir als menschlich bezeichnen. «Wären wir auf dem Mars, wären wir anders», sagt er und kommt so zu seiner These: «Wir sind Ausserirdische.»

Bleibt noch die Frage, die sich aufdrängt: Herr Theisohn, glauben Sie an Ausserirdische? Er antwortet so gewitzt, wie er referiert hat: «Die Wahrscheinlichkeit, dass es ausserirdisches Leben nicht gibt, ist klein. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir davon erfahren, ist noch kleiner.»

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