Plötzlich ein Orchester am Hals

«Ein total verrückter Orchesterabend» heisst das neue Programm der Camerata Salonistica unter Michael Schläpfer. Als Gast «dirigiert» auch Reto Wiedenkeller am Samstag in der Tonhalle das Orchester und merkt, wie tückisch das sein kann.

Martin Preisser
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Das Wohnmobil als Künstlerzimmer: Schauspieler Reto Wiedenkeller (Bild: Luca Linder)

Das Wohnmobil als Künstlerzimmer: Schauspieler Reto Wiedenkeller (Bild: Luca Linder)

Notenlesen kann dieser Dirigent nicht, und auch ein Dirigentenstab ist nicht zur Hand. Da hilft nur eins: Sich mit Stricknadeln behelfen oder einer Orchestermusikerin die Haarnadel entwenden. Reto Wiedenkeller zeigt, wie stressig es werden kann, wenn Otto Normalverbraucher plötzlich vor einem Orchester steht und er sich durchwursteln muss. Überhaupt sind ja Dirigenten seltsame Kreaturen, oft diktatorisch und exzentrisch, oder mimosenhaft und total eitel...

Humorvoller Blick

«Ein total verrückter Orchesterabend» soll das neue Programm der Camerata Salonistica sein, die seit Jahren von Michael Schläpfer dirigiert wird und sich durch Konzertprogramme auszeichnet, die spartenübergreifende Ansätze suchen (s. Kasten). Das Dirigententum persiflieren, einen humorvollen, augenzwinkernden Blick auf das Unternehmen Orchester und und den Konzertbetrieb werfen, will der «verrückte» Abend. Michael Schläpfer hat mit dem Theatermann Reto Wiedenkeller bereits zusammengearbeitet. In Mörschwil haben sie 2011 zusammen den «Zauberer von Oz» realisiert. Wiedenkeller hat das Stück damals für Mundart adaptiert und Regie geführt. «Wir sprechen irgendwie eine ähnliche Sprache, daher klappt die Zusammenarbeit mit Michael Schläpfer immer völlig lässig», sagt Reto Wiedenkeller.

Der Knopf geht auf

Der gelernte Hochbauzeichner ist vom Theatervirus schon seit seiner Jugend befallen. Trifft man den 43jährigen Mimen, der jeweils mit seinem Wohnmobil durch die Lande und zu den Vorstellungen tourt, zum ersten Mal, wirkt er eher schüchtern und zurückhaltend, gar nicht wie ein Komiker, der als Möchtegerndirigent durch den Abend führt. «Es stimmt», sagt Reto Wiedenkeller, «ich war früher eher schüchtern. Aber das Theaterspielen hilft, dass ein Knopf aufgeht. Ich kann mich sozusagen emotional auf der Bühne austesten, ohne dass es Konsequenzen hätte.» Wiedenkeller hat sich in den 1990er-Jahren für die technische Leitung der Kellerbühne engagiert. Er hat bei der St. Galler und der Herisauer Bühne gespielt. Weitere Stationen waren die Theatergruppen Spielwitz und Rhybrugg, aber auch die Bischofszeller Städtlibühne. Aktuell ist er Mitglied des St. Galler Cabarets Sälewie. Er lebe als freischaffender Theatermann einfach, aber gut. «Ich liebe das, was ich mache. Und jede Arbeitswoche ist einfach spannend», sagt er.

Wilhelm Tell mit Bonanza

Völlig in Slapstick wird der Orchesterabend der Camerata Salonistica aber nicht abgleiten. «Freunde schöner Musik erleben ein veritables Klassikkonzert», sagt Reto Wiedenkeller, auch wenn die Rossini-Ouverture zu «Wilhelm Tell» plötzlich von Bonanza-Klängen unterbrochen werde. Leider sind da die Noten irgendwie nicht richtig zusammengeklebt worden...

Nach den Proben hat Wiedenkeller noch mehr Respekt vor dem Beruf des Dirigenten. «Ich bin aus den Proben jetzt erst mal mit einem rechten Muskelkater raus», lacht der Dirigenten-Imitator. Zu viele Gags des Abends will er verständlicherweise noch nicht verraten. «Aber Michael Schläpfer kommt in einer kleinen Nummer schon auch noch dran», gibt er spitzbübisch preis.

Morgen Fr, Bitzihalle Bischofszell, 20 Uhr; Sa, 17.5., Tonhalle St. Gallen, 19.30 Uhr; So, 18.5., Widenbaumsaal Widnau, 19.30 Uhr (Musik von Beethoven, Mozart, Rossini, Tschaikowsky, Offenbach u. a.)